Andreas Kaufmann wirkt erleichtert. Er sitzt in der ersten Reihe in der Wiener Fotogalerie Westlicht und schaut auf eine Leinwand, auf der eine globale Internet-Show abläuft. Via Live-Stream aus New York stellt Leica-Vorstandsvorsitzender Rudolf Spiller in deutsch gefärbtem Ingenieurs-Englisch die neuen Kameramodelle vor, die dem Unternehmen den Umschwung bringen sollen. Dann darf noch der Sänger Seal für das jüngere Publikum ein wenig seine Leicas loben.
Die Räume des Westlicht in Wien-Neubau – im selben Haus im Parterre ist ein großer Leica-Shop untergebracht – sind voll mit Jüngern. Da drängen sich einerseits die Profifotografen, die nach einem Job vorbeigekommen sind, manche von ihnen noch mit der abgewetzten Reportertasche über der Schulter. Und dann schleichen still, aber merklich aufgeregt die Fans um jenen Tisch, auf dem sich unter einem schwarzen Tuch die begehrten neuen feinmechanisch-digitalen Kleinode abzeichnen. Jeder Zweite von ihnen hat eine schwarze Leica M8 vor der Brust hängen.
„Es war ein Ritt über den Bodensee“, so Kaufmann, dem 96 Prozent der Leica Camera AG gehören. „Die gleichzeitige Arbeit an drei verschiedenen Systemen hätte auch einen großen Konzern in Schwierigkeiten bringen können.“ Das ist elegant formuliert, Leica schreibt tiefrote Zahlen, heuer im Frühjahr musste das Kapital um 9,5 Millionen Euro erhöht werden, und Kaufmann hat als Hauptaktionär auf die Rückzahlung einer Anleihe verzichtet. Aber es war nicht nur die internationale Wirtschaftskrise, die die Verkäufe der exklusiven Fotoapparate und Linsen aus Solms bei Wetzlar um ein Viertel einbrechen ließ. Leica konnte einem auf technische Neuigkeiten fixierten Markt zwei Jahre lang nichts bieten. Komplizierte Probleme verzögerten immer wieder Modellstarts, manchmal standen neue Produktlinien überhaupt vor dem vorzeitigen Aus. Kaufmann trocken: „Die M9 ist viel zu spät.“
Jetzt soll sich die hektische Entwicklungszeit bezahlt machen, ebenso die 30 Millionen Euro Investitionen in neue Modelle. Nun möchte Kaufmann jene Ernte einfahren, für die der Salzburger selbst ein Jahr lang in Hessen aus dem Koffer lebte, weil er nach dem Hinauswurf des Kurzzeit-Leica-Chefs Stephen K. Lee die Führung übernahm, „um die Firma zu stabilisieren“. Das scheint ihm gelungen zu sein, nicht nur mit viel eigenem Geld. Ein hartnäckiger, verlässlicher Unternehmer, der auch den nach wiederholten Krisen verbliebenen Beschäftigten wieder Vertrauen in die Zukunft vermitteln konnte.
Kaufmann hat Germanistik, Philosophie und Politologie studiert und lange Jahre in Deutschland als Gymnasiallehrer an einer Waldorfschule unterrichtet. Erst ab 2003 hatte er sich sukzessive über seine Salzburger Investment-Firma ACM bei Leica eingekauft, freilich ohne am Anfang gleich zu erkennen, wie angeschlagen das Unternehmen wirklich war. Er hatte gemeinsam mit seinen Brüdern Michael und Christian von ihrer Tante den Papierkonzern Frantschach geerbt und an die globale Mondi-Gruppe verkauft. „Der Kapitalbedarf erschien uns für ein Familienunternehmen zu groß“, so Andreas Kaufmann im Rückblick. Sie suchten dafür Beteiligungen an Mittelständlern, mit denen man leichter zurechtkommen würde, und fanden diese in Deutschland, Leica gehörte dazu.
„Bei der ersten Aufsichtsratssitzung“, erzählt Kaufmann, „habe ich zu mir gesagt: ,We are in deep shit.‘“ Bald wurde klar, dass bereits akute Insolvenzgefahr bestand. Im Geschäftsjahr 2004/2005 verlor das Unternehmen 18 Millionen Euro, man musste schnell handeln. Es folgte – noch in den Jahren, als in den meisten anderen Branchen Hochkonjunktur herrschte – ein hartes Sparprogramm, mehrere hundert Mitarbeiter mussten gehen.
Nun, nach Kapitalschnitten und teurer Neudotierung, nach internen Streitereien und gerichtlichen Auseinandersetzungen mit störrischen Kleinaktionären, will Kaufmann endlich Licht am Ende des Tunnels sehen. Denn Leica, vielfach mit dem Vorwurf konfrontiert, technische Entwicklungen, die schon in den Schubladen lagen, nicht auf den Markt zu bringen – etwa Autofokus oder Digitalkameras –, hat seinen weltweiten Fans einen späten „Big Bang“ beschert.
Erst einmal kommt die lang erwartete M9, eine digitale Sucherkamera mit einem Vollformat-Sensor, der der Größe des Kleinbild-Films entspricht. Sie setzt jene Tradition fort, für die Leica weltberühmt wurde – für die unauffälligen hochpräzisen Fotoapparate, mit denen Lichtzauberer wie Henri Cartier-Bresson, André Kertész, Walker Evans oder Lee Friedländer loszogen. Fast alle Leica-Objektive aus den vergangenen 50 Jahren können an der neuen Digitalen verwendet werden.
Gleichzeitig erweitert Leica seine teure Nische etwas nach oben und unten: Eine völlig neu entwickelte mächtige Profi-Spiegelreflexkamera mit 37 Millionen Pixeln nähert sich schon den Hasselblads. Für gut betuchte Reisende mit leichtem Gepäck kommt eine Kompaktkamera mit großem Sensor. Das Ziel: höchste Bildqualität selbst im simplen Knipser-Modus. Bei den Preisen hat Leica seine Exklusivität gehalten: Das Gehäuse der M9 kostet 5500 Euro, jenes der Profikamera 16.800, die kleine Kompakte immerhin auch noch 1500. Das liegt weit über dem japanischen Mitbewerb. Mit diesem arbeitet Leica freilich intensiv zusammen. Denn das musste Kaufmann lernen: Auch ein global agierender Spezialist kann längst nicht mehr als Insel überleben. Entwicklung wie Produktion von Elektronik und Sensoren sind für einen kleinen Hersteller viel zu aufwendig. Dabei hatte Leica in der Vergangenheit nicht immer Glück mit seinen Partnern – etwa mit Fuji. Seit einigen Jahren klappt es mit Panasonic, und die lukrativen Mini-Digicams mit dem roten Leica-Punkt sollen weiterhin bei Panasonic vom Band laufen, „für unter 1000 Euro“, so ein Leica-Produktmanager.
So eine 900-Euro-Leica aus Japan trägt Andreas Kaufmann auch meist mit sich herum. Und die Liebe zu den technischen Meisterwerken ist nicht aufgesetzt. Er kann die historischen Leicas ungefragt herunterschnurren, ebenso die guten Modelle der Konkurrenz.
„Jede einzelne neue Produktlinie muss Geld verdienen“, so Kaufmann, „wir können uns keine Subventionen mehr leisten.“ Glaubt man den Händlern, so sind die Vorbestellungen vielversprechend, die Produktion in Deutschland läuft auf Hochtouren. Leica-Hauptaktionär Kaufmann sieht auch die langfristige Selbstständigkeit seines Unternehmens. „Wer wird denn überleben? Die ganz Großen und Nischenfirmen wie wir.“ Dann zeigt er auf die Neuvorstellungen: „Diese und ein, zwei zusätzliche Sachen, und wir sind über den Berg.“ ■