Wien wird schön erst bei Nacht, dann zeigt's ganz seine Pracht!“ Der in der Zwischenkriegszeit populär gewordene Operettenschlager von Robert Stolz verdeutlicht eine markante Verschiebung der Stadtwahrnehmung: Nicht der Tag, sondern die Nacht ist es, der nun zunehmend die Aufmerksamkeitgilt. Wie zuvor schon Paris oder Berlin war auch Wien auf dem Weg, eine „Lichterstadt“ zu werden. Längst hatte die künstliche Beleuchtung den öffentlichen Raum aus der Abhängigkeit vom Tageslicht befreit und eineneigenen, vom Naturlicht unabhängigen Lichtraum geschaffen. Dieser intensivierte sich mit dem Einsatz des elektrischen Lichts, das in den 1920er- und 1930er-Jahren immer häufiger an die Stelle des Gaslichts trat. Die sukzessive Beleuchtung der Straßen und Plätze, die Anstrahlung von Sehenswürdigkeiten, vor allem aber neue Formen der Lichtreklame gehörten fortan zur modernen Großstadt, deren nächtliches Erscheinungsbild sich nachhaltig veränderte.
Als der Wiener Gemeinderat zu Beginn des Jahres 1923 die flächendeckende Einführung der elektrischen Beleuchtung beschloss, waren die dafür ausschlaggebenden Gründe vor allem politisch-ökonomischer Natur: Der Import der für die Gaserzeugung notwendigen Kohle sowie die Instandsetzung und Neuerrichtung der Gasinfrastruktur verursachten enorme Kosten. Mit dem Forcieren der elektrischen Energie, die künftig verstärkt aus heimischen Wasserkraftwerken stammen sollte, konnte man sich vom Ausland unabhängiger machen und gleichzeitig eine Energieform nutzen, die insbesondere in der Nacht, wenn Verkehr und Fabriken ruhten, ausreichend zur Verfügung stand. Bereits im Mai erfolgte in der Wollzeile eine erste Probebeleuchtung – mit überzeugendem Ergebnis. Ende des Jahres waren auf den Straßen der Stadt bereits 2100 elektrische Lampen in Betrieb.
Dabei handelte es sich meist um Standardlampen (200 Watt, 44 Volt), die auf Spanndrähten über der Straßenmitte angebracht waren, in einer Höhe zwischen sechs und acht Metern und mit Abständen von 25 bis 35Metern. Die Stromzufuhr erfolgte über Freileitungen. Wo eine Verspannung nicht möglich war, errichtete man eiserne Lichtmasten,die aufgrund ihrer gebogenen Form schon bald „Maiglöckchen“ genannt wurden.
Als am 31. Dezember 1924 das Wasserkraftwerk im niederösterreichischen Opponitz in Betrieb ging und zusätzlichen Strom für Wienlieferte – neben den bestehenden städtischen Kohlekraftwerken Simmering und Engerthstraße sowie dem Überlandkraftwerk Ebenfurth –, konnte die Anzahl der elektrischen Lampen rasch gesteigert werden. Voll Stolz feierte die Stadtverwaltung nun beinahe jährlich ein „Lampenjubiläum“: Im Jänner 1926 wurde die 5000.Lampe in der Kalvarienberggasse festlich geschmückt und mit einer kleinen Feier in Betrieb genommen. Im April 1927 folgte die 10.000. Lampe am Margaretengürtel, im November 1929 die 20.000. in der Heiligenstädter Straße, im Juli 1932 die 25.000. am Karlsplatz. Im Jahr 1936 war die Anzahl der elektrischen Lampen mit rund 32.400 bereits doppelt so groß wie jene der verbliebenen Gaslichter.
5000 Lichtquellen fürs Rathaus
Eindeutige Lichtzentren waren die Innenstadt mit Ringstraße und Kärntner Straße, die Mariahilfer Straße, die Praterstraße und das Vergnügungszentrum des Praters. Die Elektrifizierung bildete deutlich die bestehenden sozialräumlichen Muster ab. Während die proletarisch geprägten Vororte noch längere Zeit im Schein des Gaslichts verharrten, waren die bürgerlichen Innenbezirke Josefstadt, Mariahilf und Neubau bereits um 1930 vollständig elektrifiziert.
Insgesamt erstrahlte das elektrisch beleuchtete Wien jener Jahre rund zehnmal heller als das Wien der Gaslaternen. Mit einem beleuchteten Straßennetz von fast 600 Kilometer Länge gehörte die Donaumetropole zu denbestbeleuchteten Großstädten der Welt. – Auch die Anstrahlung ausgewählter Gebäude trug zur neuen Lichtwirkung bei. Das Stadtbauamt hatte eine Liste von Sehenswürdigkeiten erstellt, die mit speziellen Lichteffekten hervorgehoben werden sollten. Allen voran das Rathaus, das schon zur Jahrhundertwende elektrisch beleuchtet worden war und dessen nächtliche Inszenierung man nun weiter verfeinerte. Mittelturm und seitliche Türme wurden mit Scheinwerfern beleuchtet, rund 5000 weitere Lichtquellen brachten das Gebäude zum Strahlen. Daneben erhielten auch Parlament, Hofburg, Oper,Karlskirche, Messepalast und Äußeres Burgtor wirkungsvolle Beleuchtungen.
Es waren die klassischen Sehenswürdigkeiten, die nun auch bei Nacht zu „Highlights“ avancierten. In der Innenstadt beziehungsweise entlang der Ringstraße gelegen, unterstrichen sie die repräsentative Bedeutung des Stadtzentrums. Hier ergänzten sie einige schon seit Längerem bestehende Lichtattraktionen wie den Hochstrahlbrunnen auf dem Schwarzenbergplatz, der 1906 zu einem Leuchtbrunnen umfunktioniert worden war; oder das Riesenrad, dessen elektrisch beleuchtete Konturen das wohl bekannteste Lichtzeichen Wiens darstellten.
Die neuen Wahrzeichen des nächtlichen Wiens spielten in der sich allmählich konsolidierenden Fremdenverkehrswirtschaft einewichtige Rolle. Als im Sommer 1931 die Arbeiter-Olympiade im Prater stattfand, waren dienächtlichen Wahrzeichen bereits fix verankertin der städtischen Bewerbung des Großereignisses. Und die angestrahlten Gebäude warenauch fixe Stationen bei Stadtrundfahrten, die von Autobusunternehmen angeboten wurden. Unter dem Motto „Wien bei Nacht“ konnten Touristen eine dreistündige Spezialfahrt unternehmen: von der Oper durch die hell beleuchtete Innenstadt zum Riesenrad, von dort über den Donaukanal auf den Cobenzl – mit kurzem Zwischenstopp, um den „herrlichen Blick auf das Lichtermeer Wiens und das silberne Band der Donau“ zu genießen – und schließlich zum Abschluss in den Heurigenort Grinzing.
„Alles glüht in Licht. Alles strahlt. Der Himmel mit seiner fernen Sternenpracht ist versunken. Aber die Straßen wie riesige Schaufenster eines Juweliers glitzern und locken mit farbigen Strahlen. Alles ruft, bittet, befiehlt.“ So erlebte der österreichische Schriftsteller Gustav von Festenberg 1935 die Stadt, die er beinahe zwei Jahrzehnte nicht gesehen hatte. Die neuen Lichteindrücke schienen ihm geradezu überwältigend, insbesondere in den Geschäftsstraßen mit ihren raffinierten Reklameanlagen und grell erleuchteten Schaufenstern.
Mehr als 7000 Lichtreklamen gab es zu Beginn der 1930er-Jahre in der Stadt, eine Zahl, die sich in den letzten Jahren rasant gesteigert hatte. Vor allem nachdem zu den punktförmig leuchtenden Glühlampen die Neonröhre hinzugekommen war, die kontinuierliche Lichtbänder in allen erdenklichenFormen und Farben ermöglichte. Ihre Lichtstärke war groß, ohne zu blenden. Die Linien, die sie durch die Nacht zog, verhielten sich zur Glühlichtreklame, so der Kulturhistoriker Wolfgang Schivelbusch, wie ein Stromlinienrennwagen zur ersten Benzinkutsche.
Euphorisch sprach man, in Wien wie auch in anderen Großstädten, vom „Zeitalter des Lichts“, das nun angebrochen sei, von der „Nacht ohne Finsternis“ und einer „neuen Symphonie der nächtlichen Lichtstadt“. Endgültig schien die Nacht besiegt, hatte die Stadt sich ihrer bemächtigt und sie in ihre Dienste gestellt.
Ganz anders sahen dies konservative Kreise der Bevölkerung, unter ihnen die Anhänger der seit der Jahrhundertwende in Deutschland und Österreich aktiven Heimatschutzbewegung. Sie empörten sich über die zunehmende Dominanz der kommerziellen „Lichtflut“, die das traditionelle Stadtbild verunstalte, und kritisierten die Unmenge an blinkenden Lichtern, die blendeten und überreizten und ein visuelles Chaos auf den Straßen erzeugten. Die natürliche Nacht, so befürchtete man, komme in der Stadt rein gar nicht mehr zur Geltung. Die Kritik wurde letztlich von wirtschaftlichen Argumenten zurückgedrängt, wenngleich die zunehmende Verwendung von Leuchtstoffröhren immerhin zu einer deutlichen Lichtberuhigung im Straßenbild führte.
Wie in anderen Städten auch konnte man in Wien auf unterschiedlichste Techniken der Lichtreklame treffen. So gab es großflächige Wechselschriftreklamen, die auf dem Dach des Dianabads, auf dem Heinrichshof und dem Hapag-Haus am Opernring montiert waren. Aus bis zu 4000 Glühlampen bestehend, fungierten sie als moderne „Lichtzeitungen“, die neben Reklame auch aktuelle Nachrichten verkündeten.
Spektakuläre Neonreklamen konnte man in der Kärntner Straße bewundern, wie jene der Schuhfirma Salamander, die bei ihrer Etablierung eine Sensation darstellte, oder den riesigen Namenszug des Kaufhauses Neumann. In der Mariahilfer Straße traten das Kaufhaus Gerngroß oder das Teppich- und Möbelhaus Schein mit riesigen Reklameanlagen in Erscheinung. In der MeidlingerHauptstraße konnte man in riesigen Leuchtbuchstaben „ATA putzt alles!“ lesen, in der Wiedner Hauptstraße propagierten die Städtischen Elektrizitätswerke „Strom für Alles im Haus“. Besonders große und fantasievolle Lichtreklamen wurden nicht selten in den Rang von Wahrzeichen erhoben.
Ein milchweißer Strahl, der kreist
Eine in der Stadt einzigartige Attraktion stellte der große Scheinwerfer dar, der auf einemLeuchtturm am Dach des Kaufhauses Gerngroß montiert war und dessen „milchweißer Strahl“ nachts über die Häuser kreiste. Mit ihrer ökonomischen Potenz und engen Beziehung zur Laufkundschaft der Straße zählten die Großkaufhäuser von Beginn an zu den Pionieren der Lichtreklame. Auch das mondäne Warenhaus Zwieback machte durch einegebäudehohe, mitten auf der Mariahilfer Straße stehende Lichtsäule von sich reden. Im Volksmund sogleich als „Zwiebacksäule“ bezeichnet, mutete sie wahrhaft großstädtisch, ja geradezu „amerikanisch“ an.
Neben den Warenhäusern waren es vor allem die Kinos, deren Lichtarchitektur – nach innen und nach außen – unübersehbare Akzente in Wiens Großstadtnacht setzte. Knapp 170 „Lichtspieltheater“ gab es um 1930 in Wien, wobei vor allem die neu gegründeten Großkinos wie das Kino-Lustspieltheater im Prater (1927), das Apollo in der Gumpendorfer Straße (1929) oder das Scala in der Favoritenstraße (1931) mit imposanten Lichtreklamen beeindruckten.
Wenngleich die Lichtreklamen in Wien zwar vielfältig, aber bei Weitem noch nicht so ausgeprägt waren wie in der sogenannten Lichtmetropole Berlin, so war die Tendenz doch eindeutig: Immer deutlicher sprengten sie die Decke der Nacht, nahmen sie Stockwerk um Stockwerk in Beschlag. Einen Platz gab es in Wien, an dem man dies besonders eindrucksvoll beobachten konnte: den Beginn der Kärntner Straße nahe der Oper mit Blick Richtung Stephansplatz. Hier evozierte die Dichte der Lichtreklamen geradezu weltstädtisches Flair. Nicht zufällig wurde genau diese Ansicht 1928 auf die Titelseite einer Reklamezeitschrift gesetzt. Im internationalen Städtewettbewerb konnte Wien damit endlich konkurrieren mit Potsdamer Platz, Piccadilly Circus oder Times Square. ■
