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Die roten Rosen aus Plastik

20.11.2009 | 18:39 | Von Gerhard Zeillinger (Die Presse)

„Was brauch ich a hohes Alter?“ Frau Weinstein wird hundert. Hundert werden: vom Warten, bis es aus ist.

Ich hätte gerne noch einmal mitihr gesprochen. Sie gefragt, wie sieden hundertsten Geburtstag dann wirklich erlebt hat. Vor einem Jahr:der letzte Besuch. Dann, zu Weihnachten, noch einmal ihre Stimme am Telefon. „Ja,kommen S' doch bald wieder.“ Ich hätte gerne gewusst, wie das ist, hundert sein.

„Noch bin ich's ja nicht“, hat sie damals, eineinhalb Monate davor, zu mir gesagt. „Und ehrlich gesagt, ich will's gar nicht.“ Als ich Frau Weinstein zum ersten Mal besucht habe, im April 2006, hat sie gleich gesagt: „99 ja, aber mehr nicht.“ Warum nicht hundert, wollte ich wissen. Schließlich, wenn man einmal so weit gekommen ist, wird manso knapp vor dem Ziel doch nicht aufgeben wollen. Aber was ist in dem Fall schon das „Ziel“? Erst später habe ich mich gefragt, ob es überhaupt erstrebenswert ist, so alt zu werden. „Schau'n Sie“, hat Frau Weinsteingesagt, „das ist doch a Blödsinn.“ Ja? „Na gehen S', das hat doch keinen Witz!“

Dann ist sie doch hundert geworden und hat es relativ gelassen hingenommen. „Was bleibt mir denn anderes übrig?“ Würde ich Frau Weinstein nicht kennen, ich würde mich insgeheim fragen, ob sie nicht doch ein wenig stolz darauf war. Vom Magistrat kommt jemand und bringt Blumen, der Bürgermeister der Stadt Wien schreibt Frau Weinstein einen Brief. Aber den bekommen ja auch schon die70-Jährigen, und es steht das Gleiche drinnen.Und mit Blumen ist das auch so eine Sache: Die Rosen stehen dann inder Vase, sagt Frau Weinstein, und man muss zusehen, wie ein Blatt nach dem andern abfällt. Wenn schon Blumen, dann aus Plastik. Die sind pflegeleicht und bleiben.

In ihrer Wohnung in Wien-Josefstadt sah eigentlich immer alles sehr korrekt aus. Und doch, vieles hätte sie gerne anders gehabt, aber das habe sie halt selbst nicht mehr machen können. „Ich bin nicht gerne angewiesen“, hat Frau Weinstein gesagt, und das wares eigentlich, was sie am Altwerden gestört hat. Wenn sie noch hätte gehen und die Wohnung allein verlassen können, vielleicht wäre sie dann gerne auch hundert geworden, denke ich. Mit 96 ist Frau Weinstein für zweieinhalb Monate ins Krankenhaus gekommen, sie war in der Wohnung gestürzt, hatte sich ein Bein gebrochen. In ein Krankenhaus wollte sie nie wieder, schon gar nicht in ein Pflegeheim. Was soll ich dort, fragt Frau Weinstein. Die alten Frauen neben ihr waren nicht mehr ansprechbar, waren gar nicht mehr „da“. Seitdem wusste FrauWeinstein, dass es keine Gnade ist, alt zu werden, zumindest so alt.

Ihr Lebensinhalt, das waren zuletzt „dieVogerln“. Ohne die, sagt sie, würde sie nicht mehr hier sein. Ich weiß nicht, was sie so sehr an Vögeln fasziniert hat, das habe ich sie nie gefragt. Aus dem Nebenzimmer hörte ich es piepsen. „Das ist der Peterl.“ Peterl, ein Nymphensittich, ist ihr vor vielen Jahren zugeflogen. Später hat sie sich zwei blaue Wellensittiche dazugekauft, damit er nicht so allein ist, Ziko und Zipsi. Ich höre sie pfeifen, kann sie aber im Käfig nirgends sehen, das Türl ist offen. Ja, sagt Frau Weinstein, weil es nicht mehr zugeht. Ich fange an, im Zimmer zu suchen. Endlich entdecke ich Ziko und Zipsi über mir auf dem Gestänge des Lusters.

Eigentlich war es die Sorge um die Vögel, die ihr die zweieinhalb Monate Krankenhaus so unerträglich gemacht hat. Zu Hause wurde sie von einer moldawischen Pflegerin versorgt, die morgens undabends kam. Und vonFrau Nadja, die ihr zuMittag Essen brachteund sich um alle anderen Belange kümmerte. Frau Nadja, die auch immer da war, wenn ich zu Besuch gekommen bin, die Kaffee und Krapfen serviert hat. Und die Frau Weinstein auch auf die Straße begleitet hätte, im Rollstuhl, wenn Frau Weinstein das gewollt hätte. Als im Vorjahr im Haus ein Lift eingebaut wurde, hat Frau Weinstein erst lange gezögert und es dann doch sein lassen. Trotzdem hat sie sich in dieser Zeit mit dem Gedanken herumgeschlagen, ob sie nicht den Professor Sowieso aufsuchen sollte, der würde vielleicht ihre Beine wieder hinbekommen. „Und dann denke ich mir“, sagt Frau Weinstein, „es ist ja eh bald aus. Aber es ist nicht aus, das ist ja das Blöde.“ Und überhaupt, was solle sie noch auf der Straße? „Ich kenn ja niemanden mehr.“

„Alles ist mir fremd“, sagt Frau Weinstein und blickt aus dem Fenster. Meist waren die Jalousien geschlossen, wie bei meinem letzten Besuch. Wir sitzen im Wohnzimmer, das Licht ist aufgedreht, obwohl draußen dieSonne scheint.

Frau Weinstein habe ich vor dreieinhalb Jahren kennengelernt. Durch eine, wie soll ich es nennen, merkwürdige Verbindung quer durch die Zeiten. Irgendwann haben mich die Recherchen für mein Buch über eine jüdische Familie aus Amstetten auf den Hernalser Friedhof geführt, Gruppe 46, Grabnummer 63. Auf dem schwarzen Stein findet sich unter den Namen einer Familie Kohn auch der von Wilhelm Greger, 1895–1948. Der Name Kohn war mir zuvor schon in der Todfallsaufnahme von Wilhelm Greger begegnet, dort wird als Hinterbliebene ein„Fräulein Herma Kohn“, Buchhalterin inWien 17, als „Braut“ des Verstorbenen genannt. Was aus ihr wohl geworden ist, habe ich mich immer wieder gefragt, wie Wilhelm sie kennengelernt und ob er tatsächlich, nach den Jahren der Flucht und Emigration, ein gemeinsames Leben mit ihr geplant hat. Aber das alles war bald 70 Jahre her, keiner war mehr am Leben, der einem diese Geschichte hätte erzählen können.

Dieselben Fragen stellte ich damals am Telefon auch der „Grabstättennützerin“, die ich bald darauf ausfindig gemacht hatte. Es war ein seltsames Telefongespräch, denn ich wardavon ausgegangen, dass Frau Weinstein ei- ne Verwandte dieser Herma Kohn ist, vielleicht deren Nichte, und es war mir während des Telefonats nicht bewusst gewesen, dass ich in Wahrheit mit dem Fräulein Kohn selbst, der „Braut“ Wilhelm Gregers, gesprochen habe. Damals, als ich zum ersten Mal bei ihr anrief, war sie 97, wie hätte ich denken können, dass sie noch am Leben ist? Dass es die „Braut“ immer noch gab?

Aber damals hat Frau Weinstein eine vermeintliche Verlobung oder dass da mehr gewesen wäre, sogleich in Abrede gestellt. „Nein, das war eine gute Freundschaft, wir wollten nicht heiraten.“ Und erzählte dann doch, dass sie und Wilhelm Greger gerne ins Kongressbad gegangen und auch auf Urlaub gefahren sind. Aber kann das überhaupt möglich sein, damals Urlaub? Manchmal stelle ich mir vor, wie Wilhelm, der Emigrant aus Schanghai, vor ihrer Wohnungstür gestanden ist, abgemagert, krank, mit wenig Aussicht, wie alles weiterginge; und wie er, Frau Weinsteins Untermieter, nach kaum ei- nem Jahr gestorben ist, plötzlich, innerhalb weniger Stunden. Nein, da sei nichts gewesen. „Der Herr Greger hat damals ein Zimmergesucht, und bei mir war grad eines frei.“

Jahre später hat das Fräulein Kohn dann doch geheiratet. Spät. Herr Weinstein war auch in Schanghai, vielleicht hat er Wilhelm Greger gekannt. Auch er war Geschäftsmann, nur erfolgreicher. Betrieb in der Josefstädter Straße schließlich eine Lottokollektur. Es ist eine über 30-jährige Ehe, vorbildlich, in der nur ein einziges Mal gestritten wurde. Frau Weinstein konnte sich an den Anlass noch ganz genau erinnern: Sie wollte sich ein Kleid kaufen und konnte sich nicht entscheiden. Da habe sie ihren Mann eben zu lange warten lassen.

Halt, denke ich, noch einmal ein paar Jahre zurück. Wie war das nun wirklich mit dem Herrn Greger? Immerhin, die Beerdigungskosten in der Höhe von mehr als 1570 Schilling, heißt es im Hinterlassenschaftsakt, wurden „von der Braut Herma Kohn bezahlt“. Damals, sagt Frau Weinstein, habe sie ja nicht gewusst, wohin mit ihm, es habe alles sehr schnell gehen müssen. Angehörige waren nicht da. Die wird es wahrscheinlich auch nicht mehr geben, habe der Beamte am Magistrat gleich gesagt und ihr geraten: Schreiben wir, dass Sie mit ihm sehr gut waren, und geben wir kein Religionsbekenntnis an, damit er ins Grab kann. „Sagen Sie ja nirgendwo, dass er Jude gewesen ist.“ So ist Wilhelm Greger, der genaugenommen ohnehin konfessionslos war, im Grab von Frau Weinsteins Vater und ihrer Großmutter beerdigt worden. Ein katholischer „Halbjude“, eine Christin, ein ungläubiger „Volljude“, wenn man so will. Und später noch einmal eine Christin, Frau Weinsteins Mutter. Und am Ende Frau Weinstein selbst.

„Weil“, sagt sie, „zu meinem Mann darf ich ja nicht.“ Herr Weinstein ist auf dem Zentralfriedhof im jüdischen Teil begraben, und dass Frau Weinstein, die getaufte „Vierteljüdin“, dort auch ihre letzte Ruhe findet, erlaubt die Kultusgemeinde nicht, Gesetz ist Gesetz. Also wird sie einmal, habe ich mir damals gedacht, in jenes Grab kommen, in dem auch Wilhelm Greger begraben liegt. Vielleicht bekommt dann doch noch alles seine Richtigkeit. Herr Weinstein, wohl wissend, dass er in seinem Grab allein bleiben werde, habe immer gesagt: Macht nichts, wenn wir gestorben sind, kommen wir ja eh wieder zusammen. Aber das wollte Frau Weinstein nicht glauben, dass es einen nachher noch einmal irgendwo gibt. „Ja, als was denn bitte, als Wurschtl oder als Wellensittich?“

1938 war Frau Weinstein von den Nürnberger Gesetzen zwar nicht wirklich betroffen, dennoch steht auf ihrer Meldekarte „Mischling 2. Grades“. Und obwohl ihr Bruder sogar in der Wehrmacht diente – mit dem Namen Kohn durchs Leben zu gehen, im antisemitischen Wien, mag sicher nicht einfach gewesen sein. Dennoch, Frau Weinstein will sich an kein einziges negatives Erlebnis erinnern. Nur: Viele Freundschaften sind damals auseinandergegangen. Ihre Freundinnen sind ja nach England, Amerika, Australien. „Alle weg.“ Eine Zeit lang hat man sich noch Briefe geschrieben, irgendwann hat der Kontakt aufgehört. „Es ist ja niemand mehr da“, hat Frau Weinstein gesagt, wenn ich sie fragte, mit wem sie telefoniere und ob sie hin und wieder Besuch bekomme.

1938, frage ich noch einmal. „Nein, sagt Frau Weinstein, ich habe nicht empfunden, dass der Name nicht in Ordnung ist.“ Die Mutter war „Arierin“ und blond, vielleicht hat das geholfen. Der Vater, „Halbjude“, aberkatholisch, besaß eine Holzfabrik in Klosterneuburg. War leidenschaftlicher Bergsteiger, Schneeberg, Rax. Der Großvater Kohnstammte aus einer großen Familie aus Ungarn. Auch er hatte eine Leidenschaft: Er ging am liebsten ins Café zum Kartenspielen. Zum „Hrdi“, sagt Frau Weinstein, Ecke Ottakringer Straße, als könnte man ihn dort heute noch antreffen. Er besaß eine Schleiferei für Perlmuttknöpfe und machte bis zum Ersten Weltkrieg viele Geschäfte mit Russland. Damals, als die Zeiten noch besser und die Schwester von Frau Weinsteins Vater mit Felix Salten verheiratet war. Davon höre ich zum ersten Mal, aber Frau Weinstein, die im Gegensatz zu den meisten alten Menschen wenig von der Vergangenheit geredet hat, war schon wieder woanders.

In der Wohnung in der Josefstadt lebte sie ein halbes Jahrhundert. Der achte Bezirk, höre ich Frau Weinstein sagen, ist ein alter Bezirk, so wie Graz. „Lauter alte Leut wohnen da.“ Der Hausherr habe eh schon gefragt, wie lange sie noch in der Wohnung bleiben wolle. „Ich weiß“, sagt Frau Weinstein, „ich nehm hier nur den Platz weg“, so wie sie mit ihrer Pension anderen das Geld wegnehme. Wie man sich dann mit hundert vorkommt, will ich wissen. „Miserabel“, sagt Frau Weinstein. – Aber noch einmal jung sein wollen? „Na, was mach ich denn da? Gehen S'“, sagtsie. „Die Kladln heute, wie die Frauen angezogen sind, halb nackert, hinten alles offen. Dafür überall Tattoos. Und die Männer mit ihren karierten Sakkos, wie die Kaschperln!“ Frau Weinstein legte Wert auf gutes Äußeres, ich habe sie nie anders erlebt: mit bunter Bluse, geschminkt, die Nägel lackiert. Vielleicht war das eine oder andere eine Anspielung darauf, dass ich meist in Jeans zu ihr kam. In jungen Jahren war sie immerhin Modistin. „Ich war ja beim Mühlbauer im ersten Bezirk.“

Die Welt draußen, sprich: im Fernsehen, sieht anders aus. Der ORF, sagt Frau Weinstein, ist das Blödeste überhaupt. „Die Barbara-Karlich-Show, furchtbar!“ Das könne man sich ja alles nicht mehr ansehen. Trotzdem, wann immer ich Frau Weinstein anrief, hörte ich im Hintergrund den Fernseher. Der Fernseher lief den ganzen Tag.

Der Alltag ist ausgefüllt: mit dem immer Gleichen. Blöd ist nur, wenn man nachts aufstehen will, sagt Frau Weinstein, und man kann es nicht, und es ist niemand da. Sie schlief nicht besonders gut, hatte den Schlaf auch nicht mehr nötig. Sie legte sich auch zu Mittag nicht nieder, ich könne auch schon um eins kommen. Sie sitze ohnehin vor dem Fernseher. Früher, vor allem, als sie noch auf der Alszeile gewohnt hat, da sei sie viel in Neuwaldegg spazieren gegangen. Auch zum Heurigen. In die Oper. Ins Volkstheater. In der Josefstadt habe sie Logensitze gehabt. Auch mit Wilhelm Greger sei sie oft ins Theater gegangen. – Außer mit mir, hat sie mir jedesmal gesagt, habe sie ja mit sonst niemandem Kontakt. Natürlich mit der Pflegerin, die zweimal am Tag für eine Stunde gekommen ist. Und natürlich mit der Frau Nadja. Frau Nadja ist Serbin, lebt seit 1973 in Wien und hat Frau Weinstein auch schon vor 30 Jahren betreut. Ich sei aberder Einzige, mit dem sie sich „auf Deutsch“ unterhalten könne, also wienerisch, meinte sie. Am Telefon klang ihre Stimme immer fröhlich. „Wann kommen S' denn wieder, auf eine Jause?“

Nur einmal habe ich Frau Weinstein mit nassen Augen erlebt. Das war, als sie mir von ihrem Sittich erzählte, den, den sie vor dem Peterl gehabt hat – der hat auch Peterl geheißen – und den sie irgendwo im Wienerwald begraben hat. So einfach ist es mit dem Abschiednehmen ja doch nicht. „Der Peterl, jetzt, das ist mein Herzbinkerl“, sagt Frau Weinstein, „aber er ist halt schon sehr alt.“ Frau Weinstein war immer schon tierliebend. Vor vielen Jahren – 40, 50, 60? – hat sie einen Chow-Chow gehabt. Dem habe sie nachher das Fell abziehen lassen, aber der Tierpräparator ist tödlich verunglückt, und sie stand plötzlich da mit dem Fell. Also ist sie zu einem anderen Präparator gegangen, der war aber nicht so gut und hat aus demtoten Chow-Chow einen Fuchs gemacht.„Was brauch ich einen Fuchs“, sagt FrauWeinstein.

Blieb wirklich nur das Fernsehen? Jeden Tag, manchmal stündlich, Talk-Sendungen mit jungen Leuten. Wie ist das, habe ich mich gefragt: Mit hundert vor dem Fernseher sitzen und ständig Zeuge eines verrückten Jugendwahns, von Anti-Aging und Seelenexhibitionismus zu werden? Fernsehen ist ja langweilig, höre ich Frau Weinstein sagen, und trotzdem vergehe einem die Zeit so schneller. Welche Sendungen sie sich dann am liebsten ansehe, wollte ich wissen. Na ja, so Gesundheitssendungen, wo einem gezeigt wird, welche Bewegungen man vor dem Fernseher machen soll. „Aber eigentlich – ich mag's nicht. Was brauch ich a hohes Alter?“ Was denn ihre Lieblingsspeise sei, habe ich sie gefragt. Wiener Schnitzel. Aber das könne sie ja nicht mehr beißen, jahrelang habe sie überlegt, ob sie sich noch die Zähne richten lassen soll, die alte Prothese war gebrochen. Andererseits, wozu noch? „Fürs Grab brauch ich keine Zähne.“

Und irgendwann hat sie das mit den Plastikblumen gesagt. Die hat sie sich gewünscht,wenn sie stirbt. Dann soll man ihr einfach den Strauß roter Plastikblumen, der im Vorzimmer steht, in den Sarg legen. Als ich nachher die Wohnung verließ, sah ich mir die Rosen an, ich habe sie sogar im Vorbeigehen berührt. Frau Weinstein hatte den Plastikstrauß vor vielen Jahren von ihren Freundinnen bekommen, aber die waren mittlerweile ja auch schon tot. Damals, mein letzter Besuch bei Frau Weinstein, zum letzten Mal Kaffee und Krapfen. „Angst vor was? Vorm Tod? Da bin ich ja erlöst.“

Dann der hundertste Geburtstag. Ich stehe vor der verschlossenen Wohnungstür und läute. Drinnen läuft der Fernseher, ich läute mehrmals. Ich war an diesem Nachmittag zu spät gekommen, Frau Nadja war schon gegangen, und Frau Weinstein im Rollstuhl konnte mir nicht öffnen. Ich läute bei einer Nachbarin und hinterlege das Geschenk für Frau Weinstein, ein Buch über exotische Vögel. Sie hat sich darüber gefreut, hat sie mir Tage später gesagt, kurz vor Weihnachten. Damals habe ich zum letzten Mal mit Frau Weinstein telefoniert. Noch einmal ihreStimme. „Kommen S' doch bald wieder.“

Ich bin nicht mehr gekommen. Obwohl ich es mir fest vorgenommen hatte. Manchmal schrieb ich auf einen Zettel „Weinstein“ mit Rufzeichen und legte ihn neben die Tastatur meines PCs. Diese Zettel verschwandenregelmäßig unter den anwachsenden Stößen auf dem Schreibtisch, tauchten später irgendwann, meist zur Unzeit, wieder auf. Im Frühjahr wollte ich sie ganz sicher anrufen, sie besuchen. Dann war es Sommer, dann wurde es Herbst. Endlich, einesAbends, wählte ich ihre Nummer, mitschlechtem Gewissen. Durch die Leitungkommt dieses Da-da-dí-Signal, wenn man eine Nummer gewählt hat, die nicht vergeben ist. Wenig später finde ich ihren Namen unter friedhoefewien.at: Weinstein Hermine Maria, 15.12. 1908, 5.2. 2009. Sie ist schon vor einem dreiviertel Jahr gestorben, im 101. Lebensjahr. Sechs Wochen nach unserem letzten Telefongespräch. Sieben Wochen nach dem Geburtstag, den sie nicht erreichen wollte. Alt werden ist keine Gnade.

Unlängst bin ich an ihrem Haus vorbeigegangen, ich habe ihren Namen auf den Klingelschildern nicht mehr gefunden. Vielleichtwerde ich irgendwann einmal wo anläuten und jemanden im Haus fragen, ob er Frau Weinstein gekannt hat und was aus den Vogerln geworden ist. Vielleicht gehe ich demnächst auch auf den Hernalser Friedhof, nachschauen, ob auf dem Grabstein, auf dem auch „Wilhelm Greger“ steht, ihr Name schon eingraviert ist.

Es ist ein Grab auf Friedhofsdauer, fast ewig. Das ist ungefähr so, wie wenn man hundert wird. Als Wilhelm Greger, derSchanghai-Emigrant, damals beerdigt wurde, waren nur drei, vier Personen anwesend, die Totengräber haben nicht warten brauchen, dass jemand noch etwas sagt. So hat es mir Frau Weinstein erzählt. Ich stelle mir vor, dass auch auf ihrer Beerdigung nicht mehr Menschen gewesen sind. Ich war nicht dabei. Ich weiß auch nicht, ob man ihr die roten Plastikblumen in den Sarg gelegt hat, was schön gewesen wäre. Die sind nämlich pflegeleicht und bleiben. ■


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