Wien. Training bei der Wiener Austria. Es werden Standardsituationen geprobt und Muster einstudiert. Innenverteidiger Georg Margreitter lauscht aufmerksam den Kommandos von Peter Stöger. Der neue Trainer hat etwas zu sagen. „Nur, damit es nachher nicht heißt, wir hätten das nicht besprochen“, schließt Stöger eine minutenlange Exkursion trocken ab.
Schon heute Abend wartet in Oberwart (18 Uhr, ATV, live) die erste Bewährungsprobe. Stöger erteilte seiner Elf einen klaren Auftrag: Der Regionalligaklub dürfe nicht unterschätzt werden. „Wir kommen nicht in Badeschlapfen“, sagt Stöger zur „Presse“. Er lege Wert auf die richtige Einstellung. Cup-Überraschungen hat er schon als Aktiver erlebt. 1996 blamierte er sich mit Rapid in Kottingbrunn.
Der neue, starke Mann in Favoriten ist ein Violetter durch und durch. Nur einen Steinwurf entfernt wuchs er mit der 78er-Generation rund um Prohaska und Sara auf. Engagements als Spieler, Trainer und Sportdirektor beschäftigten ihn ein Jahrzehnt beim Großklub am Verteilerkreis. Ende Mai kehrte er zum wiederholten Male an seine alte Wirkungsstätte zurück und ist über dieses Privileg froh. „Austria ist mein Herzensklub“, sagt Stöger, der das Erbe des glücklosen Ivica Vastić angetreten hat.
Über seinen Vorgänger verliert der Mann, der mit seiner Brille fast wie ein Lehrer wirkt, kein schlechtes Wort. Er habe zum Trainingsstart ein intaktes Team vorgefunden, mit dem er das Minimalziel, einen Top-3-Platz in der Meisterschaft, schaffen muss. „Aber in Wahrheit muss Austria immer um den Titel spielen, auch wenn Salzburg das vierfache Budget hat.“
Die Einstellung von Jane Fonda
Über die Umwege Vienna, GAK und Wiener Neustadt hat der 46-Jährige den Weg zurück nach Favoriten gefunden. Dort, wo seine Karriere 2006 ins Schleudern geraten war, er als Sportdirektor entlassen wurde. „Nach dem Umbruch in der Mannschaft hätte ich den Zeitpunkt erkennen müssen, zu dem es nicht mehr funktioniert hat. Ich habe mich überreden lassen. Mit dem jetzigen Wissen bin ich härter, nicht mehr so gutgläubig.“
Stöger hat mit der Vergangenheit abgeschlossen, zwei Jahre ist er nun an die Violetten vertraglich gebunden. Dass in den Köpfen der Verantwortlichen nicht er, sondern der zu Kaiserslautern gewechselte Franco Foda erste Wahl war, stört ihn nicht. „Erst kürzlich habe ich ein Interview von Schauspielerin Jane Fonda gelesen. Sie hat eine Hauptrolle zugesprochen bekommen, obwohl sie nicht Nummer-eins-Kandidatin war. Eine Aussage imponierte mir besonders. Es ist egal, wie du zu der Rolle kommst. Hauptsache, du hast sie.“
Der Trainer steht für einen Neuanfang. Als ehemaliger Mittelfeldspieler bearbeitet er die Problemzonen bewusst offensiv. Mit Vertretern der Fanklubs, die sich in der Vorsaison immer weiter von Trainer und Klub distanzierten, wurde stundenlang angeregt diskutiert. „Wenn ihnen etwas missfällt, dann sollen sie das nicht vor dem Mannschaftsbus oder im Stadion via Sprechchöre kundtun. Gibt es Probleme, dann stehe ich am nächsten Tag im Kammerl und diskutiere das mit ihnen aus.“
Auch die Personalie Roland Linz bereitet keine Sorgen. Unter Vorgänger Vastić auf die Tribüne verbannt, scheint der Stürmer nun gesetzt. „Wenn Roli das tut, was ich erwarte, wird er spielen und seine Tore schießen.“ In Stögers System ist Linz als vorderste Speerspitze angedacht. Die Idee für das 3-4-3 schnappte er in Italien auf. „Ich habe Napoli sehr genau studiert – eine Mannschaft, die tollen Offensivfußball praktiziert.“ Wenn die Violetten auch tatsächlich so spielen, verwandelt sich der Verteilerkreis wieder in ein Idyll...
