Frankfurt/Fin. Joseph Blatter wollte sich mit einem Rundumschlag aller Anschuldigungen und Verdächtigungen im Korruptionsskandal der Fifa entledigen. In einem Interview mit der Schweizer Boulevardzeitung „SonntagsBlick“ setzte sich der Walliser zur Wehr. Er verurteile Bestechung, lehne Korruption ab und distanzierte sich von seinem in die Schmiergeldaffäre rund um die mittlerweile insolvente Marketingfirma ISL verwickelten Vorgänger João Havelange.
Damit wollte der 76-Jährige sich und seinen Fußballweltverband „befreien“. Er äußerte in diesem Interview auch Vorwürfe bezüglich der Vergabe der WM 2006 in Deutschland. Blatter deutete an, dass es beim Zuschlag für das „Sommermärchen 2006“ nicht mit rechten Dingen zugegangen sei. Jetzt muss sich der Fifa-Präsident erst recht für die Sünden der Vergangenheit rechtfertigen und sieht sich massiven Rücktrittsforderungen ausgesetzt.
„Blatter war immer dabei“
„Die Sitzung des Exekutivkomitees ist eigentlich anberaumt worden, um den Reformprozess zu verabschieden. Aber sie ist überschattet von dem, was jetzt öffentlich geworden ist“, sagt DFB-Präsident Wolfgang Niersbach vor dem brisanten Treffen des Führungsgremiums des Weltfußballverbandes am heutigen Dienstag in Zürich.
Blatters Erklärungsbedarf wird zusehends größer, weil nun auch Gegner aus vergangenen Tagen neuen Auftrieb verspüren. Etwa der ehemalige Fifa-Direktor Guido Tognoni. Er erhob ernste Vorwürfe gegen seinen früheren Chef. „Joseph Blatter war immer dabei. Wenn er den Deutschen jetzt Vorwürfe macht, treffen die auch auf ihn zu. Er hätte das Ganze ja stoppen können, wenn es unsauber gelaufen wäre. Er hätte sagen müssen: So geht es nicht“, erklärte der Schweizer im „ARD-Morgenmagazin“. „Dieses Interview war jetzt ein Schuss in den eigenen Fuß.“
Der Präsident des Weltverbandes habe „jedes Detail bei der WM-Vergabe im Juli 2000 an Deutschland gekannt“, sagt Tognoni. „Jetzt im Nachhinein zu kommen, finde ich etwas billig. Tatsache ist, dass in der Fifa unter Blatters Präsidentschaft Dinge geschehen sind, die in einem Fußballbetrieb eigentlich nicht geschehen sollten.“
„Der Sepp heiligt die Mittel“
Blatter wollte sich mit dem – autorisierten – Interview und den Seitenhieben gegen Deutschland wohl für das Unverständnis, das ihm aus der Heimat von Franz Beckenbauer entgegenschlug, revanchieren. Reinhard Rauball, Präsident der Deutschen Fußballbundesliga, hatte ihn telefonisch zum Rücktritt aufgefordert. Auch DFB-Präsident Niersbach reagierte entsetzt auf die jüngsten Enthüllungen. An Rücktritt denke er nicht, teilte Blatter beiden mit. So einfach gehe es nämlich auch wieder nicht. Er sei doch vom Fifa-Komitee „gewählt“ worden...
Das in den Akten der Schweizer Staatsanwaltschaft in Zug belegte Ausmaß der Fifa-Korruptionsaffäre schlug weltweit Wellen. Welche Reaktionen es heute beim Fifa-Kongress in Zürich freisetzen wird, bleibt abzuwarten. Kritische Beobachter und Journalisten gehen davon aus, dass der Weltverband im Vergleich mit Firmen oder Regierungen bei der Korruptionsbekämpfung 30 Jahre im Rückstand ist. Die Ethik-Kommission der Fifa sei viel zu spät geschaffen worden – von denen, die jahrzehntelang von ihrem System profitiert hätten.
Blatter, der zuletzt den Reformer mimte mit der Installierung der elektronischen Torkontrolle, erntet dafür nun Spott. Die „Süddeutsche Zeitung“ titelt: „Der Sepp heiligt die Mittel“.
Auch im IOC droht die Isolation
Laut Information des Blattes rief Blatters Attacke seine Freunde aus dem Internationalen Olympischen Komitee auf den Plan. Korruption ist im IOC ein heikles Thema nach zig Vorfällen in den eigenen Reihen. Da wurden Erinnerungen an den Skandal bei den Winterspielen 2002 in Salt Lake City wach. Zig Dollarmillionen sollen in diverse Privattaschen geflossen sein. Negativschlagzeilen verhindern TV-Verträge, sie vergrämen Sponsoren – nun wird bei Olympia in London eine Untersuchung gegen IOC-Mitglied J. Blatter erfolgen.
Pikant ist ein Detail: 2011 wurde auf eine Ermittlung gegen Blatter, der seit 1999 im IOC sitzt, im direkten Zusammenhang mit den Vorwürfen gegen Havelange explizit verzichtet. Durch die Veröffentlichung der Gerichtsakten scheint Blatter nun isoliert. Wer in dieser „Familie“ keinen Rückhalt mehr genießt, ist überall unten durch.
„In der Fifa sind unter Joseph Blatters Präsidentschaft Dinge geschehen, die in einem Fußballbetrieb nicht geschehen sollten.“ Guido Tognoni, ehemaliger Fifa-Direktor
„Die nebulösen Andeutungen sind haltlos und scheinen nur den Zweck zu haben, von aktenkundigen Vorgängen ablenken zu wollen.“ Helmut Sandrock, Generalsekretär des DFB