Wien. Immer dann, wenn Österreich gegen Deutschland im Fußball antreten muss, dann spricht so rein gar nichts für Rot-Weiß-Rot. Aber auch Marcel Koller, der Schweizer, kennt das Gefühl der Chancenlosigkeit. Die Eidgenossen messen sich auch liebend gern mit den Deutschen, gewonnen haben sie dabei ebenso nicht allzu viel. Vor der Euro 2012 haben die Schweizer in einem Vorbereitungsspiel allerdings die Oberhand behalten. Dieser Erfolg soll nicht geschmälert werden, in der DFB-Auswahl fehlten damals jedoch die vom Champions-League-Finale geplagten Bayern. Und der zweite Anzug passte dann doch nicht so richtig. Diese Hoffnung haben die Österreicher nicht, Joachim Löw rauscht in Bestbesetzung an.
Das Selbstbewusstsein der Österreicher ist gestiegen, das hat mehrere Gründe. Die Nationalmannschaft ist heuer noch ungeschlagen, hat sich auch in der Fifa-Weltrangliste ein wenig nach vorn gearbeitet, ist wieder unter den Top-50 zu finden. Obendrein kann der Teamchef unter so vielen Legionären wie noch nie wählen. Mit dem Wechsel von Jakob Jantscher zu Dynamo Moskau stehen nun 15 Profis, die im Ausland ihr Geld verdienen, im Kader. Mit dem Wahl-Engländer Weimann steht ein weiterer auf Abruf. Und wäre die Genesung von David Alaba bereits weiter fortgeschritten, der Bayern-Jungstar würde als Fixgröße auch noch hinzukommen. In zwei bis drei Wochen will er übrigens wieder ins Mannschaftstraining einsteigen.
„In der Mannschaft steckt viel Qualität“, sagt Teamchef Marcel Koller. Er vertraut seinen Spielern, aber er verspricht keine Sensationen. „Es fokussiert sich jetzt alles auf Deutschland, aber wir dürfen nicht vergessen, dass es nach dem 11. September auch noch wichtige Qualifikationsspiele gibt. Wenn wir verlieren sollten, muss man auch nicht gleich alles hinterfragen – und wenn wir gewinnen sollten, dann haben wir auch nur drei Punkte.“ Koller geht es in erster Linie um Kontinuität, „wir müssen unsere Ideen weiter verfolgen. Die erarbeiten wir uns im Training, dann müssen wir sie aber auch im Spiel umsetzen.“
„Wenn, dann vielleicht...“
Mit Deutschland wartet einer der besten Mannschaften der Welt, daran haben Euro 2012 und Niederlage gegen Argentinien mit Messi und Co. nichts geändert. „Wir müssen hoch konzentriert sein, auf dem obersten Level spielen“, fordert Österreichs Teamchef. Er appelliert an die Spieler, an die Grenzen zu gehen. Er fordert extrem hohe Laufbereitschaft und auch Aggressivität ein. „Wenn dann der Gegner den einen oder anderen Fehler macht, dann ist vielleicht eine Überraschung möglich.“ Ausgehen kann man davon allerdings eher nicht.
Marcel Koller präsentierte sich in den vergangenen Tagen gut gelaunt, die lange Vorbereitungszeit scheint ihm Spaß zu machen. Er warnt aber auch gleichzeitig vor eizu hohen Erwartungen. „Jeder sagt, wir haben so viele gute Legionäre, die regelmäßig spielen. Erst wenn alle bei ihren Vereinen Topspieler sind, sind wir eine Stufe weiter!“ So weit ist Österreichs Fußball aber noch nicht. Und die wenigsten Legionäre sind bei ihren Klubs Führungsspieler oder fixe Größen. Mitläufer gibt es hingegen schon viele. „Wenn bei uns drei Legionäre ausfallen, dann haben wir schon leichte Probleme, wie wir sie ersetzen können. In der Breite sind wir noch lange nicht so aufgestellt, wie ich mir das wünschen würde.“
Einer dieser Legionäre, die bei ihrem Klub noch kein Topspieler geworden sind, ist György Garics. Der 28-Jährige war zuletzt bei Bologna nur Ersatz, angeblich baut man aber auf ihn. Er pflichtet in vielen Punkten seinem Teamchef bei. Und warnt schon vorab vor überzogenen Reaktionen, sollte Deutschland besiegt werden. Garics erinnert an den WM-Qualifikationsauftakt 2008. Damals wurde zunächst Frankreich überraschend 3:1 geschlagen, vier Tage später setzte es in Litauen ein 0:2. „Es bringt nichts, wenn wir gegen Deutschland gewinnen, aber im Oktober gegen Kasachstan nicht.“
Trotz der hohen Erwartungen vor dem Duell mit dem dreifachen Weltmeister dürfe man nicht vergessen, dass die für Österreich entscheidenden Partien erst nach dem Deutschland-Match über die Bühne gehen. „Wir müssen mit Schweden und Irland um den zweiten Platz kämpfen.“