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Carsten Jancker: "Müsst euch nicht verstecken"

08.09.2012 | 18:04 | von Christoph Gastinger (Die Presse)

Vor dem Länderspielklassiker zwischen Österreich und Deutschland spricht Carsten Jancker über die seltene Spezies Führungsspieler, David Alaba und schwere Dialektkost.

Österreich ist seit fünf Jahren Ihr Lebensmittelpunkt. Schlägt Ihr Herz am Dienstag ausschließlich für Deutschland?

Carsten Jancker: Ich drücke natürlich den Deutschen die Daumen, immerhin habe ich auch für die deutsche Nationalmannschaft gespielt. Aber: Ich fühle mich in Österreich zu Hause, meine Familie fühlt sich hier irrsinnig wohl.

Haben Sie Zweifel, dass Deutschland gegen Österreich gewinnt?

Nein. Ich gehe davon aus, dass die Deutschen gewinnen, tippe auf ein 3:1. Das letzte Tor fällt in der 90. Minute aus einem Konter. Das heißt allerdings: Deutschland wird sich sehr, sehr schwer tun. Diese österreichische Mannschaft lässt unter Teamchef Koller ein Spielsystem erkennen, hat definitiv Potenzial. Ihr müsst euch nicht verstecken. Und selbst wenn Österreich 0:2 oder 0:3 verlieren sollte, dürfen Medien und Fans nicht den Fehler machen und alles schlechtreden. Dieses Team leistet gute Arbeit. Ich bin davon überzeugt, dass man gegen Schweden und Irland um Gruppenplatz zwei kämpfen wird.

Halten Sie es für möglich, dass Ihre Landsleute die ÖFB-Elf ein klein wenig unterschätzen?

Das kann ich mir nicht vorstellen. Österreichische Spieler werden in Deutschland mittlerweile ganz anders wahrgenommen. Bundesligaklubs nehmen doch keine Österreicher unter Vertrag, weil sie Entwicklungshilfe leisten wollen. Diese Spieler stellen echte Verstärkungen dar.


Das DFB-Team wurde nach dem Halbfinal-Ausscheiden bei der EM scharf kritisiert, Spieler und Trainer wurden an den Pranger gestellt. Man vermisst vor allem Führungspersönlichkeiten à la Oliver Kahn oder Stefan Effenberg.

Nur lassen sich solche Typen nicht von den Bäumen pflücken. Klar tun solche Spieler jeder Mannschaft gut. Einem Effenberg war es egal, wenn er einen Fehlpass gespielt hat und 30.000 Leute ihn daraufhin ausgepfiffen haben. Dann hat er den Pass eben gleich nochmals probiert. Eines muss jedoch klar sein: Das ist jammern auf hohem Niveau. Hätte Deutschland bei der Europameisterschaft im Halbfinale Italien geschlagen, würden wir diese Diskussion nicht führen.

 

Warum hat Deutschland im entscheidenden Moment versagt?

Mir kann jeder sagen, was er will. Ich bin überzeugt davon, dass die Bayern-Spieler im Nationalteam keinen freien Kopf hatten. Sie haben Meisterschaft, Pokal und dann auch noch die Champions League verloren. Das hängt dir unweigerlich nach.

 

Die EM sollte mittlerweile abgehakt sein, man spricht schon wieder vom Titel in Rio. Wird die Qualifikation für Deutschland - wie so oft zuletzt – zum Selbstläufer?

Ich warne davor, von einem Selbstläufer zu sprechen. Selbstläufer gibt es heute nicht mehr. Wenn der Gegner taktisch diszipliniert auftritt und physisch dagegenhält, dann muss man immer erst noch die Tore schießen.


Sie schätzen die österreichische Nationalmannschaft. Welcher ÖFB-Kicker imponiert Ihnen am meisten?

Einer, der am Dienstag leider nicht mit dabei ist. David Alaba ist definitiv mein persönlicher Favorit. Er hat sich in jungen Jahren zu einem Stammspieler bei Bayern München entwickelt – und ist willens, sich noch weiter zu verbessern. Wenn ihm das gelingt, wird er über einen längeren Zeitraum einer der besten Linksverteidiger der Welt sein. Ich habe übrigens keine Zweifel, dass er nach seiner Verletzung schnell wieder zurück in die Mannschaft findet. Die Bayern wissen, was man an ihm hat.

Marko Arnautović gilt für viele als noch begnadeter als Alaba.

Von Arnautović habe ich schon sehr gute und weniger gute Dinge gesehen. Aber er ist ja noch jung...


Arnautović ist 23 Jahre alt. Es wäre falsch, in diesem Alter noch von einem Talent zu sprechen. Glauben Sie, dass ihm der große Durchbruch noch bevorsteht?

Ich hoffe es. Ich hoffe, er hat kapiert, worum es geht und die Anzahl seiner guten Spiele erhöht sich. Denn wenn er sich bei Werder Bremen nicht durchsetzt, dann hat er auch bei jedem anderen deutschen Topklub einen schweren Stand.

1996 ist es Ihnen gelungen, nach einem sehr erfolgreichen Jahr bei Rapid zu Bayern zu wechseln. Die österreichische Bundesliga und deren Spieler standen, auch international, hoch im Kurs. 16 Jahre später ist ein Wechsel dieser Größenordnung praktisch ausgeschlossen.

Das glaube ich nicht. Wenn du in Österreich eine sehr gute Saison spielst, bist du im Fokus. Die ausländischen Klubverantwortlichen wissen, dass in Österreich sehr gut gearbeitet wird. Wenn du mit der Mannschaft international spielst, so wie ich damals mit Rapid, macht das die Sache natürlich einfacher. Aber Leistung spricht sich herum. Manchmal gelangt man über Umwege ans Ziel, wie Christian Fuchs zum Beispiel. Er ist über Mattersburg nach Bochum und Mainz zu Schalke gekommen, ist dort absoluter Stammspieler und wirkt in der Champions League mit. Und das muss noch nicht einmal alles gewesen sein.

Wie wurden Sie 1995 als 20-jähriger Deutscher von Rapid und Österreich eigentlich aufgenommen?

Das Wort „Piefke“ ist schon mal vorgekommen (lacht). Auch Witze wurden gemacht, ich habe ja eine sehr harte, norddeutsche Aussprache.

Umgekehrt machen Deutsche auch gern Witze über den österreichischen Dialekt.

Mir gefällt das Gerede eigentlich, aber wenn der Didi (Kühbauer, Anm.) losgelegt hat, musste ich immer tierisch aufpassen. Der hat so schnell in seinem Dialekt gesprochen, dass ich ganze Sätze nicht verstanden habe.

2002, beim 6:2-Testspielsieg in Leverkusen, sind Sie das einzige Mal in Ihrer Karriere gegen Österreich aufgelaufen. Welche Erinnerungen haben Sie daran noch?

Im Vorfeld wurde natürlich darüber gesprochen, dass man gegen Österreich gewinnen muss, allein des Prestiges wegen. Für mich ging es darum, vor der WM mein Standing in der Mannschaft zu verbessern. Eine Anekdote bleibt mir für immer unvergessen. Ich habe kürzlich Ferdinand Feldhofer getroffen und wir haben über dieses Spiel gesprochen. Er meinte, er erinnere sich, ständig am Trikot gezogen worden zu sein. Meine Antwort: ,Ja, das war ich.‘


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