WIEN. Kaum ist die Euro 2008 vorbei, beginnt in Österreich schon wieder die Bundesliga, der Auftakt erfolgt am 8.Juli mit dem Spiel Sturm Graz gegen Titelverteidiger Rapid. Während in anderen Ländern die Meisterschaft – wahrscheinlich um einer Übersättigung von Fans und Spielern vorzubeugen – erst im August anhebt, riskieren Österreichs Fußball-Funktionäre offensichtlich alles, um jeden Hauch der Euro mit in den Liga-Alltag zu transportieren.
Dabei setzte Austria Wien, wie die Aktiengesellschaft vom Verteilerkreis nach dem Ende des Magna-Sponsorings seit 1.Juli nunmehr heißt, ein internationales Zeichen. Mit der Verpflichtung des 26-jährigen Linksverteidigers Sun Xiang spielt erstmals ein Chinese in der Bundesliga.
Der Teamspieler, der zuletzt für Shanghai Shenhua gespielt und für China in der WM-Qualifikation den Siegtreffer zum 1:0 gegen Australien erzielt hatte, wird vorerst für ein Jahr ausgeliehen. Sun hat bereits Europa-Erfahrung gesammelt, er spielte 2007 für PSV Eindhoven. Das war mitunter auch ein Beweggrund für Austrias Sportvorstand Thomas Parits, den Spieler nach Favoriten zu holen. Er sagt: „Wir hatten mit ihm über drei Ecken Kontakt aufgenommen. Er ist ein offensiver Spieler, er kann und wird uns helfen.“
„Ni hao“ am Verteilerkreis
Heute wird die Neuerwerbung in Wien erwartet, nach dem Fitness-Check erfolgt die Vertragsunterzeichnung. Trainer Karl Daxbacher und Parits bleibt daher nicht wirklich viel Zeit, um ihre Chinesisch-Kenntnisse noch etwas aufzufrischen. Für ein schnelles „Ni hao“ (Hallo) oder „Xiexie“ (Danke) sollte es dennoch reichen.
Mit Sun Xiang könnten sich für Austria nicht nur sportlich neue Dimensionen öffnen, sondern auch gleich ein neuer, riesiger Absatzmarkt. Wenngleich für manchen die Vorstellung absurd klingen mag, dass in Shanghai nun Fußballfans nach einem violetten Dress lechzen, hält es Parits für nicht vollkommen ausgeschlossen. Bei dieser „Vision“ musste er zwar selbst schmunzeln, doch sobald Asiaten bei europäischen Vereinen spielten, stiegen in deren Heimatländern automatisch die Nachfragen nach Klub-Utensilien oder Fußballreisen. Sollte also eines Tages ein Reisebus voll Chinesen – gewollt – vor dem Horr-Stadion vorfahren, wäre die These bestätigt. Parits begann zu rechnen: „Würden nur zehn Prozent aller Chinesen sein Leiberl kaufen“, sagt er, „wäre es schon genug. Wir wären alle Sorgen los!“ Bei 1,3 Milliarden Menschen wären das stolze 130 Millionen Shirts. Der Wiener Austria dürfte wohl auch ein Prozent genügen...
Dabei hat der Klub derzeit ohnehin keine Geldsorgen. Die Befürchtung, dass nach dem Ende der Magna-Ära der Neuanfang durchaus schwierig werden könnte, erwies sich zwar als berechtigt, war letztlich aber falsch. „Wir hatten zwar Troubles“, gibt Parits offen zu, „doch es geht weiter, gut sogar. Von Stronach gibt es jetzt zwar kein Bares mehr, aber er bezahlt weiterhin das Gehalt des Spielers Bak.“ Der Verein stehe nun aber auf mehreren Standbeinen, neben Sponsoren wie Verbund und Rewe wurden auch die Geschäftsleute Al Jaber und Erol User (siehe Artikel unten) an Land gezogen. Das Budget für die Profi-Abteilung beträgt für die Saison 2008/09 vierzehn Millionen Euro. Für die Amateure in der Ersten Liga kommen 1,2 Millionen Euro dazu.
AG, Blecha, noch ein Stürmer
Das JJW/MBI-Imperium (Hotels und Ressorts) des saudiarabischen Scheichs Al Jaber, der an Bord der AUA gehen wollte, aber absprang, soll sich im Nachwuchsbereich engagieren. Erol User, der türkische Unternehmer und Mehrheitseigentümer von Fenerbahce Istanbul, wolle der Kampfmannschaft helfen. Kontakte zu User habe es laut Parits schon länger gegeben, den größten Anteil an dessen Investments aber hat SP-Seniorenchef Karl Blecha, seines Zeichens „leidenschaftlicher Austrianer“ und stolzes AG-Mitglied.
Die AG, die sich zu 100 Prozent im Besitz des Vereins befindet, hat auch bereits zwei Töchter gegründet: die FK Austria Gastro- und Merchandising-GmbH. Dies geschah freilich nicht ohne Hintergedanken, sagt Thomas Parits. Die neue Osttribüne wird Mitte Oktober mit einem Spiel gegen Dortmund eröffnet und soll neue Einnahmequellen erschließen.
Im Fußball sind Siege dennoch weiterhin die Voraussetzung. Das Niveau der Mannschaft habe trotz der Abgänge von zehn Spielern nicht gelitten, mit Bazina, Sun und „noch einem Stürmer“, so Parits, sei vieles möglich. Wie viel, wird sich am 9.Juli zeigen, wenn Violett gegen Kärnten in die Saison startet.
