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EM-Bilanz: Unterm Strich ein Minus

29.06.2008 | 18:44 | STEFFEN ARORA, KLAUS HÖFLER, CLAUDIA LAGLER, MIRJAM MARITS UND JUTTA SOMMERBAUER (Die Presse)

Brachte die EM das große Geschäft? Jein. Eher nein. Bis auf einige klare Gewinner fällt die EM-Bilanz in den vier Austragungs-Städten mehrheitlich negativ aus.

Wien: „Nicht sehr zufrieden“

Da in Wien auch nach der Vorrunde Spiele (inklusive Finale) stattfanden, dürfte die Stadt insgesamt besser abschneiden als die anderen Host Cities. Klare Gewinner gibt es aber wenige. Zwar war die Stadt gegen EM-Ende ausgebucht, den Luxushotels etwa dürfte trotzdem Umsatz entgangen sein: Die Mieten für Konferenzräume, die sonst durch die Kongresstouristen hereinkommen, fielen aus, da Letztere EM-bedingt fernblieben. Relativ positiv bilanziert Fritz Aichinger, Obmann der Sparte Handel: Insgesamt dürfte sich für die Branche „ein Plus von zwei bis drei Prozent“ ausgehen.

Starke Gewinne machten Sport-, Fanartikel- und Lebensmittelhändler. „Billa“ hat mit Bier und Knabbergebäck ein zweistelliges Umsatzplus erreicht, der Verkauf der Uefa-Fanartikel sei „gut“ verlaufen. Schlecht bis gar nicht lief die Sonntagsöffnung in allen vier Städten: Auf der Mariahilfer Straße etwa sperrten am ersten EM-Sonntag 62 Läden auf, viele danach aus Kundenmangel nicht mehr. Nur 27 hielten an allen vier Sonntagen offen.

Negativ fällt auch die Bilanz der Gastronomen aus. „Schlechter als sonst, das Geschäft war sehr schwach“, bilanziert Kaffeehäuser-Obmann Günter Ferstl. Zum einen kamen weniger Fans als erhofft, zum anderen blieben Wiener aus Angst vor Fan-Massen fern. Innerhalb der Fanzone wurde das Klagen der Wirte gegen EM-Ende leiser, die Erwartungen vieler wurden dennoch nicht erfüllt. Einen Umsatz von 4,5 bis 5 Mio. € (exklusive Finale) hätten die Wirte mit Getränken gemacht, sagt Christian Chytil vom General-Gastronom „impacts“. „Das ist viel, aber natürlich hätte es positiver sein können“. Für die Kulturbetriebe bedeutete die EM fast durchwegs weniger Besucher. Die Staatsoper hatte beim Spiel „Österreich-Deutschland“ mit 71% die schlechteste Auslastung der Saison. Das Leopold-Museum spricht von einem „spürbaren Einbruch“. Auch der Prater blieb weitgehend leer, hier spricht man von „einer Katastrophe“ und „Rückgängen von bis zu minus 65 %“. Familien kamen aus Angst vor Fanmassen nicht. Die aber trotz der Stadion-Nähe auch ausblieben. Deutlich unter den Erwartungen blieb auch das Fancamp. 75.000 Nächtigungen wären möglich gewesen, 23.000 sind es geworden.


Salzburg: Minus 40% in Kinos

Auch das Fancamp in Salzburg blieb unter den Erwartungen und war nur an jenen Tagen, an denen in Salzburg Spiele stattfanden, gut ausgelastet. Danach wurde es gleich abgebaut. „Wir sind zufrieden, dass nichts passiert ist,“ heißt es aus dem SalzburgMuseum, das unmittelbar an die Fanzone grenzt und Besucherrückgänge verzeichnete. Auch das Filmkulturzentrum „Das Kino“ musste während der EM „um 40 Prozent weniger Gäste“ hinnehmen. Viele potenzielle Kinobesucher wären aus Angst vor dem Trubel gar nicht in die Stadt gekommen. Im Vergleich zu anderen Host Cities war der Andrang in der Fanzone in Salzburg recht gut. Rund 280.000 Menschen haben die Spiele hier gesehen.

Bei den Händlern blieb das ganz große EM-Geschäft aus. „Die Erwartungen waren unterschiedlich, die Ergebnisse ebenfalls“, so Helmut Eymannsberger, Handels-Obmann in der Wirtschaftskammer. Gewinner und Verlierer gibt es auch im Salzburger Tourismus: Eine Befragung der Betriebe der Sparte Tourismus und Freizeitwirtschaft ergab, dass etwa 60 Prozent von der EM profitiert haben, 24% verzeichneten Rückgänge. Zufrieden sind die Hotels in Salzburg und der Umgebung: An den drei Spieltagen in Salzburg waren 90% der Betten belegt, dazwischen 70%. Für hohe Umsätze in der Top-Gastronomie sorgten die russischen Fans.


Innsbruck: Fans fahren Taxi

„Wir haben in der Sparte Handel keine Highlights zu vermelden“, sagt Alois Schellhorn von der Tiroler Wirtschaftskammer. Die Fußball-EM habe für die Innsbrucker Händler „ein erwartetes Ergebnis“ gebracht – von Euphorie könne aber keine Rede sein. Während der EM waren Fanartikel der Verkaufsschlager.

Für den Bereich Hotellerie in Innsbruck und Umgebung vermeldet die zentrale Reservierungsstelle eine „zufriedenstellende Buchungslage“, wie in Wien blieben die Kongresstouristen aus, die, so zeige die Statistik, sonst im Juni für ebenso volle Betten sorgen. Die Gastronomie ist in ihrer Bilanz hin- und hergerissen: In den Fanzonen kritisieren Wirte mangelnde Besucherzahlen und werfen den Organisatoren vor, sie hätten zu viel versprochen. „Da wurde zu groß dimensioniert“, sagt ein Wirt, der seinen Stand bereits am vergangenen Wochenende abgebaut hat. Außerhalb der Fanzonen sorgten Spanier, Schweden und Russen für gute Umsätze, sagt Josef Hackl, Fachgruppenobmann der Gastronomen. Jubel über einen „Topevent mit Topumsätzen im sonst schwachen Juni“ herrscht bei Taxi- und Busunternehmen. In Spitzenzeiten habe man die Nachfrage nicht mehr befriedigen können und musste sogar „Geschäft liegen lassen“.

Ein Besucherplus von rund acht Prozent vermelden die Swarowski Kristallwelten in Wattens, Tirols meistbesuchte Sehenswürdigkeit. Vor allem Russen konnten dem Glitzern nicht widerstehen. Als Belastung empfand man die EM hingegen im Tiroler Landestheater. „Fußballfans sind nicht kulturinteressiert.“ Zu diesem Schluss sei man nach dem wochenlangen EM-Trubel gekommen. Dem Theater habe der Standort inmitten der Fanzone eher geschadet: „Wir hatten weniger Zuseher als sonst.“ Auch in den Kinos ließen sich keine Fußballfans blicken. Wobei man im Leokino etwas selbstkritischer ist: „Vielleicht lag es auch an den Filmen.“


Nichts los in Klagenfurt

„Enttäuscht“ seien die Unternehmer. Das EM-Resümee von Wolfgang Dörfler, Geschäftsführer der Sparte Tourismus in der Wirtschaftskammer Kärnten, zieht sich wie ein roter Faden durch Klagenfurt. Man hoffte auf den großen Gäste-Ansturm. Allein: Er blieb aus. „An den Spieltagen waren es zu wenige Besucher, dazwischen war überhaupt so gut wie nichts los“, so Dörfler.

Auch Christian Fischer im Traditionsgasthaus „Pumpe“ hatte sich im Vorfeld „sehr große Hoffnungen“ gemacht. Er kritisiert, dass sowohl die Werbewirksamkeit wie auch die Besucher-Erwartungen von Politik und Organisatoren viel zu hoch geschraubt wurden. Hochrechnungen im Vorfeld, wonach auf jeden Ticket-Besitzer drei Public Viewing-Besucher kommen, erwiesen sich als falsch. „Jetzt gärt es gewaltig“, sagt Dörfler und berichtet von einem Fleischhauer, der auf zehn Tonnen Fleisch sitzen geblieben sein soll. Was bleibt, ist Ernüchterung, auch bei den Hotels und im Handel: Die Innenstadtgeschäfte verzeichneten in den EM-Tagen aufgrund ausbleibender Kundschaft und restriktiver Verkehrseinschränkungen ein Umsatzminus von 40 Prozent gegenüber 2007.

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