Gut is' 'gangen, nix is' g'schehn: Das ist die etwas zerknirschte Bilanz des durchschnittlichen österreichischen Euro-Pessimisten. Der hatte nämlich in seiner liebevoll gepflegten Angstlust befürchtet und/oder gehofft, dass die internationalen Barbarenhorden in Galerien, Geschäfte und Lokale einfallen und diese nicht verlassen würden, ehe alles kurz und klein geschlagen ist. Nun sind sie ein wenig enttäuscht.
Enttäuscht sind auch jene Fans der österreichischen Fußballnationalmannschaft, die auf das „Wunder von Wien“ gehofft hatten, das der Aufstieg ins Viertelfinale, verbunden mit einem Sieg über Deutschland bedeutet hätte. Später waren sie dann auch noch enttäuscht, dass Teamchef Josef Hickersberger, der im Vorfeld der Euro herbe Kritik hatte einstecken müssen, sich gewissermaßen selbst den Vertrag verlängerte. Und sie waren wieder enttäuscht, als „Hicke“ seine eigene Vertragsverlängerung rückgängig machte und uns wissen ließ, dass er ausgebrannt sei.
Die Österreicher sind, was den Fußball angeht, oft enttäuscht. Das ist gut und schlecht: Schlecht ist es, weil sie sich so oft täuschen und erst durch Ent-Täuschungen wieder in die Realität zurückfinden. Gut ist es, weil sie tatsächlich bereit sind, sich enttäuschen zu lassen, dass sie also die Täuschungen, denen sie unterliegen, nicht ewig aufrechterhalten.
Die wunderbarste Enttäuschung dieser Europameisterschaft war das Publikum: Es hat ein farbenfrohes, entspanntes, gewaltloses Fest gefeiert, es hat Wien für drei Wochen auf eine unbezahlbare, zu unseren Lebzeiten nicht wiederkehrende Art und Weise international präsent gehalten. Und dieses Publikum hat vor allem dem Wiener Grantbürgertum, jener Spezies von Stadtbewohner, die sich, wohl in Kenntnis der eigenen Person, das Zusammentreffen tausender Menschen auf öffentlichen Plätzen nur als Katastrophe vorstellen können, eine wertvolle Lektion erteilt: Manchmal kann man die Nutzung von Chancen auch bei allergrößter Bemühung nicht verhindern. In anderen Städten ist das teils doch gelungen, wie etwa in Klagenfurt: dort hat die „Problemspiel“-Propaganda Wirkung gezeigt. Die Schüler bekamen nicht etwa deshalb frei, weil sie am Fußballfest teilnehmen können sollten, sondern zu ihrem eigenen Schutz.
Nur die Regierung enttäuschte nicht
Nicht enttäuscht hat in diesen drei Wochen die Politik. Die Regierung hat sich durch das Bisschen internationale Aufmerksamkeit nicht von ihrer sorgfältig geplanten Selbstzerstörungsarbeit abbringen lassen. Der sozialpartnerschaftliche Fußball der österreichischen Nationalmannschaft, der unsoziale Torgefährlichkeit durch überparteiliches Einlenken spätestens am gegnerischen Strafraum erst gar nicht aufkommen lässt, ist wohl tatsächlich so etwas wie die Fortsetzung der österreichischen Innenpolitik auf dem grünen Rasen.
Unser Herr Bundespräsident, der nicht als der Erfinder des politischen Offensivfußballs gilt, merkte in einem Zeitungsinterview an, er sei froh, dass wir während der vergangenen drei Wochen keine politischen Europameisterschaften hatten. Das war ein sehr netter Scherz, der vermutlich andeuten sollte, dass der Herr Bundespräsident, das, was derzeit von den beiden Regierungsparteien, vor allem von seiner, geboten wird, nicht sehr super findet. Es wäre irgendwie nett, wenn der Herr Bundespräsident von den europäischen Fußballfans lernen hätte können, dass es manchmal durchaus angebracht sein könnte, geradeheraus zu sagen, was man denkt. Auch dann, wenn es gegen die eigene Mannschaft geht.
Mit dem Ende dieser Europameisterschaft werden die Kameras abgedreht, die ein ziemlich schönes Bild von Österreich in die Welt getragen haben. Dann sind wir wieder unter uns. Wenn wir dann nicht mehr alle paar Tage durch ein gutes, spannendes Fußballspiel vom politischen Alltag abgelenkt werden (und die handelnden Personen wenigstens für zwei Stunden auf der Ehrentribüne vom gröbsten Unsinn wie dem Schreiben von Leserbriefen abgehalten werden), werden wir uns nach den Verkehrsbehinderungen, dem Lärm und der partiellen Aufgeregtheit der Euro zurücksehnen und auf gut Österreichisch sagen:
Es war enttäuschend schön.