diepresse.com

Textversion
Home | Politik | Wirtschaft | Panorama | Kultur | Leben | Tech & Science | Sport | Bildung | Gesundheit | Rechtspanorama | Spectrum      Vollansicht

Artikel drucken

„Das ist die zivilisatorische Macht der Frauen“

29.06.2008 | 18:47 | OLIVER GRIMM (Die Presse)

Der US-Politologe Andrei S. Markovits über Österreichs „Córdoba-Wahn“, politisch unkorrekte Männer auf dem Fußballplatz und die Frage, warum es keine guten amerikanischen Kicker gibt.

Die Presse: Bei aller Liebe zum Fußball: Wird in dieses Spiel nicht viel zu viel hineingedeutet?

Andrei S. Markovits: Das ist verheerend, aber nicht verwunderlich. Bei allen Mannschaftssportarten ist das so, in denen es um etwas Ballähnliches geht. Fußball, Basketball, Baseball, American Football und Hockey: Sie faszinieren Millionen und stehen für alles. Natürlich ist das wahnsinnig sexy. Man klingt ja klug, wenn man sagt, die deutsche Mannschaft von '72 und '76 habe den Aufstiegsgeist der sozialliberalen Koalition widergespiegelt, während das Team von '86 fad wie Helmut Kohl war.

 

Ist das nur beim Fußball so?

Markovits: Nein. Es gib zum Beispiel beim Rugby dasselbe Muster. Dann wird darüber geschrieben, dass die „All Blacks“ von Neuseeland die allerbesten sind, aber leider immer im Halbfinale des World Cup verlieren. Das hat mit einem Gefühl der Minderwertigkeit gegenüber Australien zu tun – was nebenbei bemerkt diesem „Córdoba“-Wahn sehr ähnlich ist.

 

Manche Leute sagen, der Umgang mit Córdoba spiegle das österreichische Selbstverständnis wider: Sportlich bedeutungslos, Österreich war bei der WM 1978 schon ausgeschieden, und es ging einzig darum, den Deutschen eine hineinzuhauen.

Markovits: Der Córdoba-Moment war entscheidend für die Entkoppelung Österreichs von Deutschland. Seither ist der Anschluss mit Ausnahme einzelner Rechtsextremer indiskutabel. Wenn Sie Kanada mit Österreich und die USA mit Deutschland gleichsetzen, sehen Sie dieselben Topoi: Für den Kleinen ist der Große allgegenwärtig. Für den Großen ist der Kleine a) nicht da, b) ziemlich irrelevant oder c) irgendein nettes Ferienland. Cute, aber harmlos.

 

Die einzigen österreichischen Lichtblicke bei der Euro waren der junge Türke Korkmaz und der alte Kroate Vastic. Wird das den Österreichern helfen, entspannter mit der Zuwanderung umzugehen?

Markovits: Das halte ich für schwierig. Man hat vor zehn Jahren viel hineingelesen in die multikulturelle Mannschaft Frankreichs. Haben aber der WM-Titel 1998 und der EM-Titel 2000 dazu geführt, dass die Franzosen ihre Maghrebiner besser behandeln? Ich würde das bezweifeln. Toleranz beim Fußball ist nicht gleichzusetzen mit Toleranz gegenüber dem Nachbarn, der eine seltsam riechende Speise zubereitet.

 

Ein Vastic ist also auf dem Rasen ein Star – und als Nachbar im Gemeindebau ein Tschusch.

Markovits: Ja. Wobei das konzentrische Kreise sind, wie man auch in den USA sieht. Das wichtigste Ereignis in den Rassenbeziehungen war nicht die Entscheidung des Supreme Court 1954 (Brown vs. Board of Education, Anm. d. Red.), sondern dass 1947 Jackie Robinson als erster Schwarzer in der Major League Baseball spielte.

 

Warum laufen Ländermatches typischerweise friedlicher ab als Spiele zwischen Klubmannschaften?

Markovits: Wegen der zivilisatorischen Macht der Frauen. Außerdem inkludiert Länderspiel-Fußball viel mehr Menschen als Vereins-Fußball, vor allem bei Events wie der Euro. Das sind in den letzten 15, 20 Jahren große mediale Ereignisse geworden, die de-eskalieren. Man kann das als Kommerzialisierung oder Amerikanisierung abtun. Ich finde das gut. Mich würde es nicht wundern, wenn es beim nächsten Spiel zwischen Rapid und Liverpool oder Bayern und Milan wieder heiß zuginge. Das ist nämlich der Hard Core des Fußballs. Das Weichste in diesen konzentrischen Kreisen sind jene zwei alten Damen, die sich neulich hinter mir in der Straßenbahn austauschten, was denn das Match Kroatien–Türkei für ein toller Krimi gewesen sei.

Ist die Stammeskultur der Fußballklubs das letzte Rückzugsgebiet für typische Männerbünde?

Markovits: Im Gegensatz zu den USA ist das Stadion für europäische Männer der letzte Hort zur Überwindung ihrer Schamschwelle. Dort können sie sich Sachen zu sagen und zu tun erlauben, die sie ansonsten in keinem öffentlichen Forum machen können. Das sind men behaving badly – denen niemand vorschreiben kann, was politisch korrekt ist.

 

Wie bringt man einen rassistischen Fan dazu, nicht jedes Mal „Uh-Uh“ zu rufen, wenn ein dunkelhäutiger Spieler vorbei läuft?

Markovits: Von oben herab kann man das nicht didaktisch ändern. Ein Beispiel: Die University of Michigan hat eine sehr gute Eishockey-Mannschaft. Jedesmal, wenn ein gegnerischer Spieler in die Strafbox geschickt wird, singen die Studenten einen ganz ordinären Rap. Die Universität ist darüber total peinlich berührt, weil die Spiele im landesweiten Fernsehen gezeigt werden. Also hat die Uni-Präsidentin ein Dekret verfasst, wonach die Studenten von Michigan – dem Harvard of the Midwest– so etwas nicht zu tun haben. Sie können sich vorstellen, was passiert ist: Die Studenten wurden lauter. Also beschloss die Universität, dass jedesmal, wenn so eine Situation entsteht, die Universitäts-Band ganz laut mit den Tubas spielt. Jetzt brüllen die Kids noch lauter, und die Band, die ansonsten nur drei Tubas hat, tritt bei den Hockeyspielen mit sieben auf.

 

Warum gibt es keine wirklich guten amerikanischen Fußballspieler?

Markovits: Weil Amerika zwischen 1860 und 1910, wo sich alle hegemonialen Teamsportarten entfaltet haben, eine eigene Sprache entwickelt hat. Baseball, Basketball und American Football haben den Kulturraum besetzt, den in Europa der Fußball einnahm. Es ist interessant, dass trotz Globalisierung und der Penetration von Kulturen diese hegemonialen Sportkulturen unglaublich resistent sind, weil sie eben die Gerüche, die Farben, die Tradition haben. Es gibt zwar in den USA 18,5 Millionen Fußballspieler. Das ist nach Deutschland der größte Fußballverband der Welt. Aber es gibt auch tausende Kegler und Segelflieger. Verfolgt man das? Nein. Weil nur wenige Sportarten eine Sprache geschaffen haben, in der die Leute, die das nicht betreiben, es trotzdem verfolgen können.

 

Was halten Sie von der Theorie, dass sich der Fußball überall dort durchgesetzt hat, wo die Briten nicht direkt kolonialisiert haben, sondern nur Handel trieben? Also zum Beispiel in Südamerika und Europa, aber nicht in Indien, Pakistan, Australien und Nordamerika?

Markovits: Diese Theorie vertrete ich auch, aber es gibt Ausnahmen. Afrika zum Beispiel. Ansonsten stimmt das: Der unglaubliche Erfolg des Fußballs ist Zeugnis der ökonomischen, nicht der politischen Macht der Briten. In die Kolonien hingegen kamen höhere britische Bürokraten, die natürlich nicht Fußball spielten, sondern Cricket oder Rugby. Wie sagen die Engländer? „Rugby is a rough game played by gentlemen, whereas football is a gentle game played by ruffians.“ Die USA sind eine Ausnahme, weil sie schon lange vor Entstehung dieser Sportarten von Großbritannien wegbrachen. Darum muss man Baseball als Anti-Cricket verstehen. Und dann ist da die weitere Ausnahme Kanada, die lange britisch blieb, aber trotzdem keine britische Sportart übernahm. Da gibt es eine großartige Studie zweier Kollegen von Harvard, die die Frage „Warum gibt es kein Cricket in Kanada?“ damit beantworten, dass die Cricket-Klubs sozial total undurchlässig waren. Die wollten das als exklusiven Sport bewahren und nicht zu einem Massensport machen, wie das in Westindien passiert ist.

Faktbox

Home | Politik | Wirtschaft | Panorama | Kultur | Leben | Tech & Science | Sport | Bildung | Gesundheit | Rechtspanorama | Spectrum      Vollansicht

© DiePresse.com