WIEN. Die siegreichen Spanier machten die Nacht zum Tag, „daheim“ in Neustift im Stubaital konnten sie nach dem 1:0 über Deutschland fast ungestört bis in die Morgenstunden den ersten Titel seit 44 Jahren zelebrieren. Fernando Torres, der im Endspiel den entscheidenden Treffer erzielt hat, hatte Mühe, unfallfrei sein Hotelzimmer zu finden. Bis 17 Uhr durfte sich der Torjäger dann regenerieren, um bis zur großen Siegesparade in Madrid wieder fit zu sein.
„Der Bessere hat gewonnen“, meinte Torres, als sich die Kopfschmerzen wieder gelegt hatten und nach reichlicher Überlegung. „Das ist nicht immer so – aber diesmal schon.“ Der England-Legionär (Liverpool) sagte es so, dass man in seiner Aussage Erleichterung interpretieren konnte. „Wir haben konstant gespielt, kein einziges Match verloren – und immer versucht, unser Bestes zu geben.“ Spaniens Erfolg war auch ein Sieg für den Fußball, das war und ist den Iberern voll bewusst. Auch Teamchef Luis Aragonés, der sein Amt zurücklegt, um eine neue Herausforderung in der Türkei bei Fenerbahce zu suchen. „Wir haben eine Mannschaft zusammengestellt, die man kaum stoppen kann. Sie ist extrem ballsicher, spielt verdammt gut. Dieses Turnier haben wir auf eine brillante Art und Weise gewonnen. Jetzt wissen wir, dass wir gewinnen können – eine Europameisterschaft und auch jedes andere Turnier.“ Der „Selección“ muss man auch bei der WM 2010 in Südafrika einiges zutrauen.
Elf Enkelkinder
Aragonés war einer der wenigen, die an diesem so glorreichen Abend für den spanischen Fußball die Fassung nicht verloren hat. Er ist der älteste Teamchef in der Euro-Geschichte, der einen Europameister-Titel errungen hat, mit seinen fast 70 Jahren blieb er die Ruhe in Person. „Ich bin absolut glücklich“, meint er, „aber ich zeige eben normalerweise nicht, was ich empfinde. Ich bin nicht so emotional, aber manche Spieler haben mir Dinge gesagt, die mich mit Stolz und Emotionen erfüllen. Aber ich gestehe mir das nicht zu, Gefühle offen zu zeigen.“
Der spanische Teamchef hat schwere Zeiten durchgemacht, nachgegeben hat er nie. Aragonés hat immer seine Linie beinhart durchgezogen, mit den Opfern wie Superstar Raul von Real Madrid hatte er kein Mitleid. Hinter der rauen Schale verbirgt sich jedoch ein weicher Kern. Das war auch bei den Pressekonferenzen in Tirol oder in Wien deutlich spürbar, wenn er etwa von seinen elf Enkelkindern erzählte.
Umstimmen lässt sich der Teamchef, der gerne den komischen Kauz spielt, nicht mehr. „Ich gehe, weil mich so lange keiner gefragt hat, ob ich blieben will“, meint er und bleibt dabei kurz angebunden. „Unsere Arbeit ist sehr stark von der Akzeptanz abhängig.“ Ähnliche Töne hat übrigens auch Josef Hickersberger bei seinem Abgang angeschlagen. „Alles, was dir im Leben passiert, hat einen Sinn. Auch aus Kritik kann man lernen. Von Beleidigungen allerdings nicht.“
Wie die Kinder im Park
Aragonés hat mit seiner Truppe aber nicht nur den Pokal erobert – er hat es geschafft, das Land ein wenig zu einen. Den Klub-Fußball haben die Spanier immer schon geliebt, ihre Nationalmannschaft hingegen eher weniger. Eine vereinigende Wirkung hatte sie in der Vergangenheit selten, in der „Selección“ entzündeten sich vielmehr immer wieder Konflikte.
Das Baskenland und Katalonien distanzieren sich von der Zentralregierung in Madrid, die autonomen Regionen streben nach Unabhängigkeit. Diese Konstellation prägt auch den Fußball. In einigen Regionen kann die spanische Auswahl noch immer keine Heimspiele austragen, die Abneigung wäre zu groß.
Auch vor der Euro 08 hatte es Wortmeldungen aus der Politik gegeben. „Ich drücke der baskischen Auswahl die Daumen“, hatte etwa Juan José Ibarretxe, der baskische Regierungschef, vor dem Duell mit Italien gemeint. Abgeordnete der baskischen und katalanischen Nationalisten hatten demonstrativ auf einen Final-Einzug von Russland gesetzt.
Der weise Teamchef Aragonés hat auch solche Probleme innerhalb seiner Mannschaft gelöst. Schon vor längerer Zeit hat er den katalanischen Verteidiger Oleguer Presas (Barcelona), der öffentlich zu seiner separatistischen Haltung stand, aus dem Team geworfen. „Wir leben in nie da gewesener Harmonie“, behauptet Xavi Hernández, zum Spieler des Turniers gewählt, bereits U20-Weltmeister 1999. Der 28-Jährige stammt aus Terrassa, also aus Katalonien. Barcelona stellte drei EM-Spieler für Spanien. Meister Real Madrid zwei.
Heterogener und harmonischer war die „Selección“ noch nie. Erfolgreicher auch nicht. Auch der Titelgewinn wird politische Probleme nicht ganz lösen, „aber wir wollen den Sieg genießen“, sagt beispielsweise Cesc Fàbregas. „Wie kleine Kinder im Park – nämlich gemeinsam!“
