WIEN (red).Was dem eingebürgerten Portugiesen Deco vor vier Jahren durch eine Niederlage im Endspiel verwehrt blieb, gelang nun Marcos Senna: Er ist der erste Brasilianer, der sich Fußball-Europameister nennen darf. Die fast 32-jährige „Entdeckung des Turniers“ lebt seit 2002 in Spanien und ist seit 2006 brasilianisch-spanischer Doppelstaatsbürger. Nach dem gewonnen Finale wurde er aber nicht müde zu betonen, sich zu „hundert Prozent als Spanier zu fühlen“. Beim Sieg gegen Deutschland zeigte Senna erneut, wie wichtig er für den neuen Europameister ist. Er wird zwar unter Fans nie den Status eines Torres, Xavi, Fabregas oder Villa erreichen, in der Fachpresse hat er jedoch überall einen Platz im „Team der Euro“ sicher.
„Nichts für Spanien empfunden“
Senna, der bereits an der WM-Endrunde in Deutschland teilnahm, verkörpert jedenfalls nicht den „klassischen“ Brasilianer. Der Spieler von Villarreal ist kein Künstler, sondern ein trockener Fußball-Pragmatiker. Genauso einen Spielertyp brauchte das spanische Team neben all den Künstlern im Mittelfeld. Dabei spielt Senna nun so, wie er es in seiner Jugend nie wollte. „Ich selbst sah mich als zauberhaften Spielmacher“, erzählt er, „ich war extrem dünn und dribbelte die ganze Zeit.“ Aber: „Ich hielt mich für etwas eleganter und beweglicher, als ich es wirklich war.“ Diese Erkenntnis brachte ihn schließlich dazu, als Profi seine wahren Stärken zu pflegen. Er blieb zwar dem Mittelfeld treu, suchte sein Glück aber fortan in der Defensive.
Im Konzept von Teamchef Luis Aragones fungiert Senna nun als Puffer zwischen der Abwehr und dem kreativen Mittelfeld. Er hält seinen Kollegen Xavi und Andres Iniesta den Rücken frei. „Sie haben die Freiheit“, meint der „Wasserträger“ illusionslos, „ich muss dafür Wache schieben.“ Dabei darf aber nicht übersehen werden, dass Senna selbstverständlich auch über eine herausragende Technik verfügt. Seine Zuspiele kommen meist punktgenau, zudem verfügt er über einen präzisen, scharfen Schuss.
Dass Senna schon an die 30 Jahre alt war, als sich erstmals ein Nationaltrainer für ihn interessierte, lag auch daran, dass er sich nach seinem Wechsel nach Europa zweimal schwer am Knie verletzte. 2002 war er vom brasilianischen Klub Sao Caetano zu Villarreal gewechselt. Bald danach fiel er längere Zeit aus, 2004 musste er wegen eines positiven Dopingtests für weitere drei Monate aussetzen. Er hatte für die Regeneration nach einer seiner Knieverletzungen verbotene Steroide verschrieben bekommen.
Die Entscheidung, für Spanien zu spielen, fällte der Brasilianer ebenso nüchtern, wie er spielt: „Ich habe mich für Spanien entschieden, weil meine Chancen bei Brasilien gleich null waren.“ Besonderer Patriotismus sei nicht vorhanden gewesen: „Ehrlich gesagt habe ich nichts für Spanien empfunden, bevor ich 2002 hierherkam. Aber ich hatte auch nichts gegen dieses Land, wie zum Beispiel gegen Argentinien.“
Topklubs locken Senna
Dank seiner überragenden Leistungen bei der Europameisterschaft steht Senna nun im Blickfeld zahlreicher europäischer Topklubs. Arsenal führt derzeit offenbar die Liste der Interessenten an. Die Londoner sind auf der Suche nach einem Ersatz für Mathieu Flamini, der im Sommer zum AC Milan wechselt. Senna stand allerdings schon mehrfach knapp vor einem Wechsel in die Premier League, aber ein Transfer scheiterte jedesmal an den zu hohen Ablöseforderungen von Villareal.
Arsenal dürfte jedoch das nötige Kleingeld haben um den knapp 32-Jährigen in die englische Hauptstadt zu locken. Allerdings droht noch harte inner-englische Konkurrenz durch Meister und Champions League-Sieger Manchester United. Und auch die beiden Mailänder Klubs Inter und Milan bieten angeblich mit. Bleibt Senna in Spanien würde er aber auch im Herbst Champions League spielen. Villarreal wurde 2007/08 Vizemeister.