BERLIN. Mit dem Trainings-Auftakt im frisch aufgemotzten Bayern-Areal in der Münchner Säbener Straße begann gerade die Ära Klinsmann, als mehr als eine Viertel Million Fans vor dem Brandenburger Tor in Berlin die Vize-Europameister hochleben ließen. Denn an seinem ersten Arbeitstag stand Jürgen Klinsmann nur eine Rumpfmannschaft zur Verfügung. Neben den Stars Luca Toni und Franck Ribery musste er auf weitere fünf Schlüsselspieler verzichten – auf das Spaßmacher-Duo Podolski und Schweinsteiger, auf Philipp Lahm, Marcell Jansen und Miroslav Klose. Sie wurden zur selben Zeit noch in Berlin gebraucht.
Doch anders als bei der WM-Schlussfeier wollte am Montagnachmittag die Stimmung auf der Berliner Fanmeile nicht so recht aufkommen: Weder bei den Spielern noch bei ihren Anhängern stellte sich Enthusiasmus ein. Selbst „Poldi“ und „Schweini“ war nicht zu ausgelassenen Freudenkundgebungen zumute. Zu ernüchternd war die Niederlage gegen die spanischen Toreros, die die deutsche Elf im Finale über weite Strecken vorgeführt hatten.
Fast perfekte Choreografie
Vor zwei Jahren dagegen hatte das Klinsmann-Team das Turnier mit einem Sieg über Portugal im Spiel um Platz drei glanzvoll beendet: Schlussfanfare für eine Euphorie, die im Sommermärchen gipfelte. Die hochgesteckten Erwartungen, die Jogi Löws Mannschaft mit ihrer „Bergtour 08“ geweckt hatte, versandeten im Wiener Prater im engmaschigen Mittelfeld-Furioso der Iberer.
Dabei war alles – beinahe – perfekt choreografiert für die Jubelfeier in der deutschen Hauptstadt. Nur die Flughafen-Feuerwehr in Berlin-Tegel beging einen Fauxpas, als sie eine Begrüßungsfontäne über die falsche Lufthansa-Maschine sprühte. Es fehlte an Spontaneität und an echter Begeisterung. So wirkte die Neuauflage anno 2008 wie ein matter Aufguss der WM-Abschiedsparty 2006.
Bei der Ausrichtung der Fete hatte DFB-Manager Oliver Bierhoff wie gewohnt weder Kosten noch Mühen gescheut. Mit ihrer Euro-Hymne „Fieber“ trat Christl Stürmer als Eröffnungsakt auf. Und es sollte nicht der einzige österreichische Beitrag des Nachmittags bleiben. Die Österreich-Werbung stellte sich in der Rolle des EM-Gastgebers mit einer übergroßen Sachertorte als Gratulant ein und zelebrierte eine österreichisch-deutsche Freundschaft, die die Sympathiebekundungen der österreichischen Fans am Vorabend nicht getreu widerspiegelte. Die Gratis-Werbesekunden am wichtigsten Tourismusmarkt der Alpenrepublik waren aber unbezahlbar – und eine Revanche für die Geste des deutschen Teams, das sich in Wien mit Transparenten verabschiedet hatte, auf denen es sich formvollendet bedankte.
Merkels mathematische Reihe
Die Jubelfeier in Berlin war dann weniger formvollendet. Als Anheizer und Einpeitscher erschöpfte sich Oliver Pocher in infantilen Peinlichkeiten, und so sprang auch kein Funke auf das feierwütige Berliner Publikum über. Zu ausgebrannt waren diesmal die Nationalspieler, denen der Sinn nur noch nach Ruhe und Urlaub und der Prämie von 150.000 € stand – und auch nicht nach der WM in Südafrika. Denn die studierte Physikerin Angela Merkel, oberster Fan des Löw-Teams, hatte in Wien eine aufsteigende mathematische Reihe als Devise ausgegeben: Dritter bei der WM 06, Zweiter bei der EM – und Erster bei der WM 2010.