Mit dem Flugzeug aus Innsbruck kommend sind die spanischen Fußball-Teamspieler am Montagabend in Madrid triumphal empfangen worden. Im offenen Bus wurden die Europameister vom Madrider Flughafen durch ein rotgelbes Menschen- und Fahnenmeer in die Innenstadt auf den Place de Colon geführt. "Viva Espana", "Somos campeones" riefen ihnen die Massen zu. Fast sämtliche TV-Stationen sendeten Spezialausgaben mit Liveschaltungen. Eine Million Menschen waren auf den Straßen und jubelten ihren Helden zu. Ein Mann lag den spanischen Fans dabei besonders am Herzen: der vor dem Abschied stehende Coach Luis Aragones. In lauten Gesängen wurde der bald 70-Jährige zum Bleiben aufgefordert.
Mit ihrer Forderung hatten sie die erfolgreichen Kicker auf ihrer Seite. Die Spieler hatten schon in der Nacht auf Montag, noch während des "Abendessens" im Quartier in Neustift im Stubaital "Neuer Vertrag für Luis!", "Luis, geh' nicht fort!", skandiert. Es war eine laute, symbolische, sehr bezeichnende Geste zur Unterstützung von Teamchef Luis Aragones. Dennoch wird der 69-Jährige wohl gehen - Nachfolger Vicente Del Bosque steht kurz vor der Unterschrift.
Gespanntes Verhältnis zur Spitze
Es war "ein Fest für Luis", schrieb die Tageszeitung "El Pais". Am Tisch saßen nämlich auch der Präsident des spanischen Fußballverbandes, Angel Maria Villar, und Sportdirektor Fernando Hierro. Das Verhältnis zwischen Aragones, aber auch dem gesamten Team, und diesen Herren ist etwas gespannt. Immerhin planten sie schon vor der Euro 2008 für die Zukunft. Einen späteren Erfolgscoach Aragones hatten sie dabei nicht auf der Rechnung. Einen Tag vor dem großen Triumph im Ernst-Happel-Stadion sagte dieser dann auch leicht verbittert: "Ich gehe, weil mich niemand gefragt hat, ob ich bleibe."
Auch beim enthusiastischen Empfang von "La Roja" in Madrid verfielen die Spieler immer wieder in Lobeshymnen für "Luis". "El Pais" meinte: "Villar und Hierro müssen im Kontakt mit den Spielern und dem Teamchef nun bittere Momente hinnehmen. Die Mannschaft bringt auf diese Weise die Autorität zum Ausdruck, die sie sich jüngst erarbeitet hat."
Trotzdem dürfte alles so bleiben, wie es bereits Ende Mai vor der Abreise nach Österreich geplant worden war. Nach dem Abgang von Aragones wird bereits in der kommenden Woche der 57-jährige Vicente Del Bosque einen Zweijahresvertrag unterschreiben und dann der Öffentlichkeit vorgestellt werden. Der frühere Erfolgscoach von Real Madrid (Meister 2001, 2003 und Champions-League-Sieger 2000, 2002) soll die Mannschaft zu Beginn der Qualifikation für die WM 2010 in Südafrika übernehmen. Spanien trifft dabei in Gruppe 5 auf die Türkei, Belgien, Bosnien-Herzegowina, Armenien und Estland. Auftakt ist am 6. September mit einer Partie gegen Bosnien-Herzegowina.
"Der Abgang 'des Weisen'"
Während Spaniens Presse nun noch die eine oder andere Träne über den Abschied von "Luis" verdrückt, wird bereits dem Mann mit dem Seehundschnurrbart der Hof gemacht. "Der ideale Nachfolger", schrieb etwas "As": "Der Wechsel wird nicht traumatisch sein, sondern ruhig. Weil das Modell kontinuierlich fortgesetzt wird, was allgemein akzeptiert ist. Der Abgang 'des Weisen' ist unvermeidlich und vielleicht ist es besser, dass er jetzt passiert, am Gipfel des Erfolges. Luis wird auf den Schultern durch die 'Puerta Grande' getragen und Del Bosque zollt ihm den Respekt als Meister."
Tatsächlich ist Del Bosque voll des Lobes für seinen Vorgänger: "Der Teamchef hat große Verdienste, weil er die Spieler gut ausgewählt hat und es geschafft hat, sie zum Triumph zu führen." Wobei der vermutlich neue "seleccionador" auch das bei der Euro so dominante Gemeinschaftsgefühl aufrechterhalten will: "Ich werde jetzt keine individuellen Spieler bewerten. Es ist eine verschworene Gruppe, die von Anfang an alles sehr gut gemacht und verdient gewonnen hat. Der Erfolg ist auch so wunderbar, weil die Mannschaft noch so jung ist."
Aragones wohl zu Fenerbahce
Der scheidende Coach Aragones ließ nach dem Ende der Euro 2008 nun übrigens erstmals durchblicken, dass er wohl tatsächlich bei Fenerbahce in der Türkei landen wird. "Das mit der Türkei" sei doch "eine Verrücktheit", meinte ein Reporter der Tageszeitung "ABC".
Die Antwort des bald 70-jährigen Aragones lautete: "Warum? Das ist Fußball. Es ist ein wirtschaftlich interessantes Angebot, das man nicht ablehnen kann. Ich fühle mich stark. Und so lange ich mich stark fühle und Angebote habe, werde ich trainieren. Ich weiß, dass ich zu einem großen Club mit einer heißen Anhängerschaft gehe." Laut spanischen Medienberichten bietet der türkische Spitzenverein Aragones mittlerweile bereits vier Millionen Euro jährlich, wenn er bis 2010 unterschreibt.