Die erste Entscheidung in der EM-Gruppenphase brachte zwei Überraschungen. Nicht die favorisierten Russen zogen ins Viertelfinale ein, sondern Außenseiter Griechenland. Der Europameister von 2004 gewann mit 1:0 und profitierte gleichzeitig von der Schwäche, die Gastgeber Polen gegen Tschechien an den Tag legte. Nichts stimmte im Angriffspiel der Polen, die ebenfalls nervös agierenden Tschechen nützten ihre einzige Konterchance und siegten ebenfalls mit 1:0.
Tschechien trifft im Viertelfinale somit auf den Zweiten der Gruppe B, Griechenland muss gegen den Gruppensieger (Deutschland?) bestehen.
Hellas! In Warschau drängte alles in die riesige Fanzone, die wegen Überfüllung bereits am späten Nachmittag geschlossen werden musste. 100.000 Fans wollten mit ihrer Mannschaft mitfiebern. Im Nationalstadion hingegen blieben 3000 Sitze leer, die Schwarzmarkthändler waren auf ihren Tickets sitzen geblieben. „Polska“-Rufe waren immer wieder zu hören. Vereinzelt auch „Hellas“, laut und stark aber waren die „Russija“-Chöre. Die Ausgangslage war klar, wenn die Griechen noch eine Chance auf den Aufstieg haben wollten, mussten sie die Russen schlagen. Aber davon war zunächst nur in den ersten zehn Minuten etwas zu sehen. Katsouranis prüfte einmal den russischen Tormann Malafeev, das war es aber auch schon. Fortan übernahm die Mannschaft von Dick Advokaat das Kommando. Die Russen führten die üblich feine Klinge, beeindruckten mit ihrer Ballführung – enttäuschten aber vor dem Tor.
Am Strafraum der Griechen war Endstation mit der Geschmeidigkeit. Arschavin probierte es, Kerzhakov, zweimal Verteidiger Zhirkov, aber ohne zählbaren Erfolg. In der Nachspielzeit der ersten Hälfte folgte dann doch noch ein Lebenszeichen von den Griechen. Ein leichtfertiger Ballverlust führte zu einem Konter, der die Russen empfindlich traf. Routinier Giorgos Karagounis nützte die Lücke, schloss zum 1:0 ab. Die Partie war auf einmal auf den Kopf gestellt.
Der Kapitän der Griechen stand auch nach Seitenwechsel im Mittelpunkt. Er fiel im Strafraum, der Referee aber wollte ein Schwalbe gesehen haben. Glück hatten die Russen dann erneut, als ein Freistoß von Tzavellas ans Lattenkreuz (69.) donnerte.
Tschechien! In Breslau war währenddessen die erste Hälfte von starkem Regen geprägt. Wie schon am Tag zuvor in der Ukraine sorgte nun ein Gewitter für Unwohlsein, das sich auch schnell auf die Fußballer ausbreiten sollte. Denn weder die Tschechen noch Gastgeber Polen erarbeiteten sich zwingende Torchancen. Lewandowski schoss den Ball einmal sogar auf die Tribüne, der EM-Traum beider Teams schien im Regen unterzugehen.
Dass Polen hoffen durfte, verdankte man Torhüter Tyton. Sivok prüfte seine Reflexe mit einem Kopfball (63.), er parierte aber sensationell. Seine Teamkollegen aber zitterten – das sollte sich rächen. Die Tschechen warteten solange ab, bis sich eine Konterchance bot. Petr Jiracek nützte sie. Er lief, schlug einen Haken und traf – 1:0.
Für Polen platzte damit der EM-Traum nach der Vorrunde, auch die Russen sind ausgeschieden. Dafür feiert Griechenland eine Renaissance. Wie schon bei der EM 2004 lässt es Europa aufhorchen.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.06.2012)