Wien. Während sein Arbeitgeber einen gelungenen Start in die EM hinlegte und auf optimaler Reiseflughöhe Kurs auf das Viertelfinale nimmt, hat DFB-Sportdirektor Matthias Sammer mit dem Fliegen seine liebe Not. Das Flugzeug, das den 44-Jährigen zum Pressegespräch nach Wien bringen sollte, musste wegen eines Fahrwerkschadens umkehren. „Leider habe ich zu spät meine Dienste als gelernter Maschinen- und Anlagenmonteur eingebracht“, scherzte Sammer. Ein Ersatzflieger konnte den TV-Experten aber doch noch nach Wien bringen, wo Sammer im Hanappi-Stadion seine Einschätzung der bisherigen EM zum Besten gab.
Mit der DFB-Elf ist der gebürtige Dresdner natürlich sehr zufrieden. „Wir können mit unserer Entwicklung zufrieden sein“, meinte Sammer. „Auch die Aussagen der Spieler gefallen mir sehr. Es sieht so aus, als hätten wir den Mix, den wir brauchen, um erfolgreich zu sein.“
Unpassend findet der DFB-Sportdirektor die Schwarz-Weiß-Berichterstattung der deutschen Medien. „Das ist ein bisschen wie beim Wetter. Gestern hat es noch geregnet, heute scheint die Sonne und Mario Gomez ist jetzt ein Gigant“, sprach Sammer die schwierige Situation des viel kritisierten deutschen Torjägers in den letzten Tagen an. Allerdings meinte der 44-Jährige auch: „Kritik kann auch ein Verbesserungsvorschlag sein. Man sollte immer inhaltlich herausarbeiten, herausfiltern, was daran stimmt und was nicht.“
Dass der Fußball, den die Deutschen zeigen, nicht mehr so elegant und erfrischend ist wie etwa bei den vergangenen drei Turnieren, erinnert Sammer an 1996, als er bei der EM in England mit der DFB-Auswahl den letzten großen Titel gewinnen konnte: „Auch damals haben wir nicht elegant gespielt, aber zielstrebig. Dass dafür vermeintlich bessere Teams gescheitert sind, dafür konnten wir ja nichts.“ In der heutigen Mannschaft müsse sich aber erst eine Struktur „herausarbeiten“. Die EM 2012 könnte dabei auch eine Chance sein.
Auch Spanien hat Schwachstellen
Alle Einschätzungen des bisherigen Turniers seien aber mit Vorsicht zu genießen. „Das war ja erst ein besseres Warm-up. Die Leben-oder-sterben-Spiele kommen ja erst noch.“ Eine Übermannschaft hat Sammer aber noch nicht ausgemacht. Auch bei den Spaniern müsse man nicht alles mit rosaroter Brille sehen. „Ich habe viel gesehen, was sich verändert hat. Aber ich werde den Teufel tun und jetzt ins Detail gehen“, wollte der Deutsche seine Erkenntnisse innerhalb des DFB behalten.
Ein herzliches Lachen begleitete Sammers Analyse der Italiener: „Da habe ich mich selbst wiedererkannt, bei diesem halben Libero – das ist schon erstaunlich“, meinte er über das 3-5-2-System von Cesare Prandelli mit Daniele de Rossi als zentralem Abwehrspieler.
Und eine weitere Frage beantwortete der gebürtige Dresdner im Hanappi-Stadion. An Rapid und das legendäre 0:5 seines damaligen Klubs Dynamo Dresden vom März 1985 im Viertelfinale des Europapokal der Pokalsieger hat Sammer keine schlechten Erinnerungen – er hat nämlich gar keine. Sagt er und lacht. „Ich habe meinem Vater gesagt, er soll mich mitnehmen, dann wird alles gut. Leider hat mein Vater schon damals nicht auf mich gehört“, meinte Sammer, dessen Vater Klaus Dynamo-Trainer war. Stattdessen durfte der damals 17-jährige Matthias erst im August bei den Profis mitspielen.