London. Es war bereits weit nach Mitternacht und Usain Bolt stand noch immer allen Journalisten im Olympiastadion geduldig Rede und Antwort. Dauern seine sportlichen Auftritte zumeist nur wenige Sekunden, über 100 Meter etwa 9,63 und über 200 Meter 19,32, so nehmen nun Medien- und PR-Termine weitaus mehr Zeit in Anspruch. Aber Bolt, 26, meistert auch diese Aufgabe mit spielerischer Leichtigkeit. Er mimt gerne den Spaßvogel, er schneidet Grimassen, spielt mit dem Mikrofon, und das alles wirkt keineswegs gestellt. Es bereitet ihm anscheinend wirklich Freude.
Usain Bolt hat auch leicht lachen: Mit den Sommerspielen in London avancierte der Sprinter, zumindest aus seiner Sicht, zur „Legende“. Er wiederholte nach Peking 2008 das Sprint-Double in London, „als Erster bei Olympia“, wollte er betont wissen. Dass Jamaika über 200 Meter mit Bolt, Yohan Blake und Warren Weir das komplette Podium in Beschlag nahm, unterstreicht die Vormachtstellung dieser Karibikinsel. Darum ist Gold auch in der 4✕100-Meter-Staffel ausschließlich eine Frage der Siegerzeit.
Schwer erbost über Carl Lewis
Eine Legende zu sein, sei sein Ziel gewesen, das hat Usain Bolt mehrfach betont. Und deshalb presste er, für alle, die es vergessen haben könnten oder mit Doping-Vorwürfen argumentieren würden, mit dem Überschreiten der Ziellinie auch seine Zeigefinger auf die Lippen. Er sei sauber und wer Gegenteiliges behaupte – von Leichtathletik-Star Carl Lewis waren solche Töne zuletzt öfters zu hören – solle schweigen. „Das war für alle, die nicht an mich geglaubt haben. Ich habe allen Respekt vor Lewis verloren. Ich denke, er sucht nur nach Aufmerksamkeit, weil niemand mehr über ihn spricht.“
Der US-Amerikaner Carl Lewis herrschte in den 1980er-Jahren auf der Laufbahn, in der Gegenwart ist alles auf Usain Bolt fokussiert. Das ist der Lauf der Zeit, ähnliche Rochaden finden sich auch in der Politik oder der Popmusik. Und dessen ist sich auch Bolt bewusst, sein Glanz wird irgendwann auch in Vergessenheit geraten. Dann laufen andere vor ihm, „vielleicht hat Blake in Rio de Janeiro 2016 die Nase vorne“, sagt Bolt, schaut zu seinem Trainingspartner. Er schüttelt grinsend den Kopf, selbst seine Nase sei länger ...
Anruf von Sir Alex Ferguson?
Usain Bolt hat sein Ziel erreicht, er ist auch mit 9,58 Sekunden der schnellste Mann der Welt. Nach den Spielen in London muss er sich der Frage stellen, in welche Richtung seine weitere Karriere, sein Leben weitergehen soll. Selbst einen Wechsel des Metiers schloss der 1,93 Meter große Athlet nicht aus. Dass er sich für Fußball interessiert, ist bekannt, doch auf einen Anruf von Sir Alex Ferguson wird er wohl vergebens warten. Bei Manchester United, Bolts Lieblingsklub, ist für den Jamaikaner nur im VIP-Klub Platz. Auch bei den Kricket-Klubs in seiner Heimat ist er gern gesehen, aber nicht auf dem Spielfeld.
Es bleibt nur ein Umdenken in der Leichtathletik. Wechselt er zum Weitsprung oder läuft er doch die von ihm bislang so verschmähten 400 Meter? „Ich werde mich nach London zurücklehnen, es mir gut gehen lassen“, sagt Bolt und versetzte damit so manchen Klubbesitzer in Freudentaumel, denn der Jamaikaner gilt als außerordentlich umsatzfreudiger Gast. „Sportliche Wünsche habe ich momentan keine mehr.“ Dass ihn manche dennoch auf eine Stufe mit Muhammad Ali, Jesse Owens und Michael Jordan stellen wollen, um seine Ausnahmestellung hervorzuheben oder für Leser verständlicher zu machen, lehnt Usain Bolt kategorisch ab. Jeder der Genannten sei ein Star, aber in seiner Disziplin. Das müsse man respektieren, dürfe man aber keinesfalls vergleichen. Der schnellste Mann der Welt reklamiert für sich nicht, der Beste zu sein.
Nach seinen Siegen verlässt Usain Bolt sofort das breite, grelle Rampenlicht. Er feiert abseits der TV-Kameras, so viel Freiraum und die Wahrung seines Privatlebens erwartet er sich. Dennoch, er weiß, dass auch dieses Leben seine Anhänger interessiert, selbst Sponsoren danken es ihm, weil Beliebtheit und Bekanntheitsgrad steigen. Also „twittert“ Bolt und sorgt für Rekorde. Nach dem 100-Meter-Sieg stellte er ein Foto, dass ihn mit drei schwedischen Handballerinnen zeigt, unkommentiert ins Netz und stand prompt auch im virtuellen Raum im Mittelpunkt. 80.000 Erwähnungen wurden von Twitter nach seinem 200-Meter-Gold gezählt. Rekord. Auch das ist die Legende von Usain Bolt.