Wien. Immer wieder greift Jürgen Melzer während des Gesprächs nach seinem Armband an der linken Hand, richtet es zurecht. Der Schriftzug darauf wirkt angebrachter denn je: „Believe“. Österreichs bester Tennisspieler hat den Glauben an sich selbst nicht verloren. Die Krise, „wenn man es so nennen will“, kann nicht von ewiger Dauer sein. Der Routinier spricht aus Erfahrung, „ich habe ja schon so manche überstanden“.
Die aktuelle erweist sich dennoch als auffallend hartnäckig. In der laufenden Saison konnte Melzer bei 16 Turnierstarts nur zwei Mal zwei Spiele in Folge gewinnen. Mit Ursachenforschung hat er zuletzt viel Zeit verbracht. „Ich spiele in gewissen Situationen einfach nicht den richtigen Ball, bin zu passiv“, erklärt der 31-Jährige. Sein Trainer und Physiotherapeut, der Holländer Jan Velhuis, spricht von „einem Giftbecher, den ich hoffentlich bald ausgetrunken habe“. Melzer selbst hat, wie er betont, nichts unversucht gelassen, eine Trendwende einzuleiten. „Ich habe vor den Turnieren in den USA hart trainiert. Vielleicht zu hart“, sagt er und verzieht dabei sein Gesicht.
„Dann setzt es bei mir aus“
Fans und Medien hatten sich bei Olympia und den US Open nach frühen Niederlagen auf den Niederösterreicher eingeschossen. Die meiste Kritik sei für Melzer nachvollziehbar. Ein Problem erkennt er dann, „wenn es persönlich wird. Dann setzt es bei mir aus.“ Online-Plattformen und Foren wurden in den letzten Wochen und Monaten zum Schauplatz vieler Angriffe gegen seine Person. „Da würde ich gern wissen, was ich demjenigen getan habe. Ich verliere doch nicht absichtlich.“
Genauso wenig läuft Melzer nicht „quietschvergnügt durch die Gegend“. Die sportliche Talfahrt drückt zeitweise auf das Gemüt. „Tennis“, sagt die ehemalige Nummer acht der Rangliste, „hat mir schon einmal mehr Spaß gemacht“. Dennoch, sein „wunderschöner Beruf“ bereite ihm immer noch genügend Freude. „Sonst müsste ich aufhören.“
Den nächsten Anlauf, Matches und Selbstvertrauen zu gewinnen, startet Melzer auf seiner Asien-Tournee, die ihn nach Kuala Lumpur, Peking und Shanghai bringt. Von 13. bis 21.Oktober folgt das Erste Bank Open in der Wiener Stadthalle, „und da ist Jürgen Melzer unser wichtigster Spieler“, wie Turnierdirektor Herwig Straka im Rahmen einer Pressekonferenz betont. Nach derzeitigem Stand ist Melzer die Nummer vier der Setzliste. Angeführt wird diese vom Weltranglistenachten und Ex-US-Open-Sieger Juan Martin del Potro. Mit Janko Tipsarević (ATP 9) hat ein zweiter Top-Ten-Spieler zugesagt, der vor allem serbische Fans in die Stadthalle locken soll. Zwei der drei Wildcards sind für einen weiteren Topspieler sowie einen Österreicher reserviert.