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Gesetzesflop: Österreich als Doping-Drehscheibe

14.10.2008 | 18:54 | MARKKU DATLER UND MICHAEL KÖTTRITSCH (Die Presse)

Experten bezweifeln die Wirksamkeit des Anti-Doping-Gesetzes, es gibt zu wenige Bluttests und Ärzte. Wer verkauft, wer liefert – noch fehlen stichhaltige Beweise, weil ertappte Sportler schweigen.

WIEN. Der mutmaßliche Doping-Fall des Radprofis Bernhard Kohl erschüttert Österreich. Doch er ist nur einer von vielen, welche die Sportwelt in Unruhe versetzen. In guter Erinnerung geblieben sind die offenen Fragen nach den Hintermännern des Olympia-Skandals bei den Winterspielen von Turin 2006 oder der Herkunft der gefundenen Blutdoping-Utensilien und Hormone. Fragwürdig ist der EPO-Fall der Leichtathletin Susanne Pumper, ungeklärt ist die Causa von Triathletin Lisa Hütthaler, die nach einer positiven EPO-A-Probe versucht haben soll, eine Mitarbeiterin im Labor Seibersdorf bei der Öffnung der B-Probe zu bestechen.

Während Untersuchungen laufen und Kohl auf das Ergebnis der B-Probe wartet, achten Rechtsanwälte darauf, dass die Rechte ihrer Mandanten gewahrt werden. Es gilt die Unschuldsvermutung.

Nicht nur Kohl steht im Blickpunkt, auch sein Manager Stefan Matschiner. Er geriet bereits im Jahr 2006 ins Visier der Doping-Fahnder als „Gast“ von Walter Mayer bei den Spielen in Turin und wurde deshalb von der ÖSV-Dopingkommission vorgeladen. Bis 2004 führte der Manager mit Manfred Kiesl die „International Sports Agency OEG“ in Laakirchen. Kiesl wurde 2001 wegen Anabolika-Handels zu einer Geldstrafe verurteilt. Kürzlich erst wurde einem weiteren Klienten Matschiners, Hollands Hindernis-Rekordler Simon Vroemen, ein anaboles Steroid nachgewiesen.

Es muss sich um Zufälle handeln, doch während die Nada-Austria Auskünfte verweigert, sagt zumindest Wolfgang Konrad, Organisator des Vienna City Marathons: „Seit zwei Jahren verpflichte ich keine von Matschiner betreuten Athleten mehr!“ Warum? Die Antwort blieb Konrad schuldig. Stefan Matschiner war für die „Presse“ trotz zahlreicher Anrufe und SMS nicht erreichbar.

Deutlich wird, dass das im Vorjahr in Österreich novellierte Anti-Doping-Gesetz nicht nur Lücken bei der Aufklärung, sondern schon bei der Kontrolle der Sportler offen lässt. Es beginnt bei der Tatsache, dass Rechtsexperten unterschiedlicher Auffassung sind, ob und wer – gemäß §11 des Gesetzes – einem Sportler überhaupt Blut abnehmen darf. Es muss ein eigens geschulter Arzt sein, doch in Österreich gibt es zu wenig. Zumindest beschäftigt die am 1. Juli 2008 in Betrieb genommene Nationale Anti-Doping Agentur Nada zu wenige. Wie sonst ist zu erklären, dass erst ab November, wie Geschäftsführer Andreas Schwab bestätigt, „sechs Ärzte für uns arbeiten werden“.

Während in Frankreich oder Italien nach dem Gesetz bei Kontrollen die Exekutive hinzugezogen wird – etwa bei der Tour de France oder Giro d'Italia –, ist das in Österreich undenkbar. Schweigen ertappte Sportler generell über ihre Hintermänner, droht ihnen in Österreich auch keine strafrechtliche Verfolgung – sofern sie nicht selbst mit Präparaten gehandelt haben.

„Das ist kein Anti-Doping-Gesetz“, sagt der Wiener Sport-Insider Wilhelm Lilge, „sondern ein Doper-Schutz-Programm. Viele internationale Doping-Fäden führen in Österreich zusammen – und es sind immer die gleichen Leute beteiligt. Wer in Österreich dopt, braucht keine Angst zu haben!“ Lilge war als Sportmanager des Leichtathletik-Klubs LCC übrigens dafür verantwortlich, dass Susanne Pumper am 9.Mai 2008 getestet worden ist. Er und seine Gattin wurden, wegen „Einsparungsmaßnahmen“, vom Verein gekündigt.

Kurios verläuft auch die Aufklärung der Vorfälle in Turin 2006 und die angebliche Verwicklung eines Wiener Blutlabors. Erst nachdem im Februar 2008 eine anonyme Anzeige wegen Versicherungsbetruges gegen 30 Athleten eingebracht worden ist, begannen Ermittlungen. Der Stand der Dinge? „Die Erhebungen laufen“, so Gerhard Jarosch, Sprecher der Staatsanwaltschaft, „nur der eine für diesen Fall zuständige Beamte wurde für andere Untersuchungen abgezogen... Wir warten.“

Doping-Jäger wie IOC-Präsident Jacques Rogge oder der Molekularbiologe Werner Franke verfolgen das Geschehen genau. Sie orten in Österreich sogar organisiertes Doping. Österreich steht in diesem Punkt mit Russland, Bulgarien und Griechenland auf einer Stufe.


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