Wien. „Ich habe ihn noch nie so gesehen. Und jetzt habe ich wirklich schon ein paar Matches von Jürgen beobachtet“, sagte Alex Antonitsch. Und er sprach wohl vielen rot-weiß-roten Tennisfans und -Experten aus der Seele.
So wie sich Jürgen Melzer gestern im Finale der TennisTrophy präsentierte, hat man ihn wirklich noch selten zuvor gesehen. Vor Selbstbewusstsein strotzend, blieb der 28-Jährige in brenzligen Situationen immer cool, haderte auch nach Eigenfehlern niemals mit sich. Vor allem aber war ihm der unbedingte Siegeswille ins Gesicht geschrieben. Und das vom ersten Ballwechsel an. „Ich habe fast fehlerlos gespielt“, sagte Melzer nach seinem Triumph.
Das musste auch Marin Cilic anerkennen. Die kroatische Nummer eins des Turniers hatte bis zum Finale keinen einzigen Satz abgegeben. Er spielte so ausgezeichnet, servierte so außergewöhnlich, dass es schon fast langweilig war, ihm zuzusehen. An Melzer biss sich die Nummer 13 der Welt gestern Nachmittag allerdings die Zähne aus. Und musste sich dem Niederösterreicher in zwei Sätzen mit 6:4 und 6:3 geschlagen geben.
21 Jahre nach Horst Skoff, 21 Jahre nach dem ersten und bis gestern einzigen österreichischen Sieg in der Wiener Stadthalle, hat Jürgen Melzer wieder für einen Heimsieg gesorgt. „Es ist so schwer, den heutigen Sieg zu beschreiben. Das werde ich alles erst in ein paar Wochen realisieren können. Es freut mich in die Fußstapfen von Horst Skoff – Gott hab ihn selig – zu treten.“
Starke Aufschläge
Auf den Platz ging Österreichs Nummer eins zwar als Lokalmatador, aber als Außenseiter. Zumindest auf dem Papier. Marin Cilic führte im Head-to-Head mit Melzer 3:0, in der aktuellen Saison hat der Kroate schon zwei Titel geholt Auch in der Weltrangliste hatte Melzer als 35. Rückstand auf Cilic. Und der Kroate startete stark in das Endspiel in der Wiener Stadthalle. „Am Anfang hat er extrem stark serviert – da hatte ich fast keine Chancen und ich dachte schon, dass ich das Match nur in Tiebreaks gewinnen kann“, sagte Melzer. Doch der Österreicher war von Beginn an eine Klasse für sich, seine Aufschlaggames brachte er ungefährdet durch. Mit Fortdauer des Duells wurde Melzer immer dominanter, machte Cilic das Service streitig. „Dann habe ich aber doch noch meine Chancen bekommen und auch genützt“, sagte Melzer über sein erstes Break im ersten Satz zum 4:3. Satz Nummer eins war schließlich nach knapp 40 Minuten entschieden: 6:4 für Melzer.
Perfekte Taktik
Ein Grund für den Erfolg: Österreichs Nummer eins war, wie auch schon bei seinem Halbfinalsieg über Radek Stepanek (Nummer 14 der Welt), taktisch perfekt eingestellt. Trainer Joakim Nystrom hat alles richtig gemacht. Melzer entschärfte nicht nur die Aufschlagskanone Cilic, er dominierte den 1,98-Meter-Riesen auch nach Belieben von der Grundlinie. Nie spielte Melzer auf Sicherheit, weder in brenzligen noch in entscheidenden Momenten. Er hämmerte seine Bälle mutig an die Linien und verwandelte sicher die „Big Points“. Und klappte ein Angriff einmal nicht, ließ sich Melzer nicht entmutigen. Wie gesagt, selten hat man den Niederösterreicher derart fokussiert erlebt.
Ganz im Gegensatz zu Cilic. Der Kroate wurde von Melzers Dominanz überrumpelt. Er produzierte Eigenfehler und konnte sich nicht mehr auf seinen ersten Aufschlag verlassen. Die Folge: Melzer machte im zweiten Satz das Break zum 3:2. Das zweite Break im zweiten Satz bescherte Melzer den zweiten Turniersieg seiner Karriere: Bei Aufschlag Cilic verwandelte der Niederösterreicher seinen dritten Matchball zum 6:3. „Ich habe nur mehr gehofft, dass ich es irgendwie mache.“
5000 Fans bejubelten Melzer in der Stadthalle, darunter auch Freundin Mirna Jukic, ihr Bruder Dinko und Melzers Eltern. „Ich bin sehr, sehr zufrieden und stolz, dass mir das heute gelungen ist“, sagte Melzer. Und fügte selbstbewusst hinzu: „Ich habe es mir verdient.“
