London. Goldfisch, König, Maschine, Außerirdischer – vieles wurde dem Amerikaner Michael Phelps in seiner Karriere bereits angedichtet. Der Schwimmer aus Baltimore ist ja auch ein beeindruckender Sportler, er ist seit Dienstagabend zudem mit 19 Medaillen bei Olympischen Spielen der erfolgreichste Olympionike und an seinem Ziel angekommen.
In Wahrheit aber würde der 27-Jährige diesem Ruhm am liebsten genauso schnell enteilen wie seinen Konkurrenten im Schwimmbecken. Das erzählte er der „Presse“ schon bei den Spielen 2008 in Peking, nach seinem Kunststück von acht Goldmedaillen. „Ich habe alles gewonnen und bin trotzdem ich geblieben. Am liebsten wäre ich aber weiterhin ein ganz normaler Typ, der mit seinen Freunden sonntags zum Football gehen und einfach nur Spaß haben will.“
Tränen von Larissa Latynina
Das ist der hohe Preis, den Stars aus Politik, Wirtschaft, Hollywood oder dem Sport bezahlen müssen. Die mitunter geliebte Anonymität geht verloren, ein anderes Leben beginnt und endet erst, wenn die Karriere beendet ist und wieder Ruhe im Alltag einkehrt. Wenn Phelps sich nach diesen Sommerspielen verabschieden wird, wird er sich schnurstracks zurückziehen. Auf das Rampenlicht legt er keinen Wert mehr.
Aus diesem Blickwinkel ist auch seine Mission hier in London zu verstehen. Er musste mindestens drei Medaillen sammeln. Die Farbe derer war ihm gleich, der selten derart eloquent auftretende Athlet bezeichnete es unerwartet kreativ als „zusätzliche Schokoladestückchen auf meiner Eiscreme“. 19 mussten es mindestens sein, eine mehr als die zuvor erfolgreichste Olympionikin, Larissa Latynina. Nicht Ryan Lochte, irgendwelche Chinesen, Italiener oder der Südafrikaner Chad le Clos waren seine Gegner. Es war ausschließlich die UdSSR-Turnerin, die 18 Olympiamedaillen ihr eigen nennt und am Dienstag extra für das Rennen über 200 Meter Delfin nach London angereist war. Die heute 77-Jährige war zu Tränen gerührt. „Er ist ein wunderbarer Sportler, ich bin sehr stolz auf ihn.“
Jetzt ist Michael Phelps auch in dieser Statistik die Nummer 1, und Zahlenspiele bedeuten im US-Sport bekanntlich alles. Aber ist er damit auch automatisch der beste Sportler aller Zeiten, im Schwimmen gibt es schließlich zig Bewerbe? Steht er auf einer Stufe mit Muhammad Ali, Jesse Owens etc.? Medaillen und Siege sind und bleiben letztlich nur Momentaufnahmen. Von echten „Figuren“, Typen mit Charakter, Auftreten, Hintergrund und Sympathie, spricht man auch noch Jahrzehnte später. In diesem Fall geht das Wettrennen von Michael Phelps also weiter.
In den vergangenen zwölf Jahren prägte kein anderer Schwimmer seinen Sport derart wie der Amerikaner. Er hat mit seinen Weltrekorden Geschichte geschrieben, zig Millionen Dollar verdient und sich gegen alle Dopingvorwürfe stets behauptet. Sehr zur Freude seiner Mutter, die einst nicht wusste, was sie mit ihrem am ADHS-Syndrom (Aufmerksamkeitsdefizit und Hyperaktivität) leidenden Sohn machen sollte und in zur Ablenkung einfach in den nächstbesten Schwimmklub steckte. Dass diese „Verzweiflungstat“ letztlich dazu führen sollte, dass der Junior zum Superstar avanciert, konnte niemand ahnen.
Spannweite: 2,01 Meter
Ganz ohne Skandal kam zuletzt aber auch Michael Phelps nicht über die Runden. Er wurde mit einer „Bong“ – einer Marihuana-Pfeife – abgelichtet und machte lieber Party in Las Vegas, anstatt den braven, artigen Schwimmer zu mimen, der sich täglich beim Training quält. Amerika war empört. Aber selbst diese Welle nahm der 1,93 Meter große Schwimmer mit Leichtigkeit. Aber nicht, weil die Spannweite seiner Arme 2,01 Meter beträgt oder er Schuhgröße 47,5 hat, sondern dank seines professionellen Umfelds mit Sponsoren, Managerin und der Mutter, die immer die schützende Hand über ihren „Nemo“ halten wird.
Drei Rennen warten auf Phelps noch in London, dann kann sich der 27-Jährige zurücklehnen. Und sollte es der Stadionsprecher der Baltimore Ravens (NFL) mit ihm gut meinen, wird er den Stargast nicht ankündigen. Dann ist ihm auch die so schmerzlich vermisste Anonymität auf der Tribüne gewiss.
