Roger Federer hob zum Abschied nicht einmal mehr die Hand. Er verließ den Centre Court grußlos, zu groß war die Enttäuschung. Soeben war der Schweizer im olympischen Finale vorgeführt worden, wie es ihm in seiner beispiellosen Karriere selten widerfuhr. In nur 1:56 Stunden Spielzeit demütigte ihn sein britischer Herausforderer Andy Murray mit 1:6, 2:6, 4:6.
Es war die Chancenlosigkeit des siebenfachen Wimbledon-Champions, seiner Majestät, die für teils fassungslose Gesichter unter den 15000 Zuschauern sorgte. Bis sich Federer über Silber - seiner ersten Einzelmedaille im vierten Anlauf - herzlich freuen kann, werden Tage vergehen, selbst wenn er bei der Siegerehrung schon wieder lächeln konnte. Gleichzeitig weckt es womöglich Motivation, bis zu den nächsten Spielen in Rio de Janeiro 2016 am Filzball zu bleiben. Einzel-Gold ist die letzte große, noch ausständige Auszeichnung.
Spiel des Lebens
Federer vermochte nicht sein bestes Tennis abzurufen. Zu viele unerzwungene Fehler unterliefen dem 30-Jährigen. Fehler, die er sich an diesem Tag nicht leisten konnte. Denn sein Gegenüber spielte das Spiel seines Lebens. Murray agierte praktisch fehlerlos, ließ Federer jede Ecke auf dem Court kennenlernen und ließ sich in entscheidenden Phasen keinerlei Nervosität anmerken. Für den Schotten ist der Triumph nicht hoch genug einzuschätzen. Noch nie zuvor konnte er ein großes Endspiel gewinnen, vier verlorene Grand-Slam-Finals brachten ihn den Ruf des ewigen Zweiten ein.
Eine Bitte auf Karton
Vor dem Endspiel war ein regelrechter Boom um Karten ausgebrochen. Aufgeregt rannte ein Mann vor der Anlage die Straßen auf und ab. Seinem Gesicht war Verzweiflung zu entnehmen. „Swiss guy needs ticket", stand auf seinem kleinen Schild, das er sich aus Karton gebastelt hatte. Wen er auch fragte, der Mittvierziger aus der Schweiz erntete nur Kopfschütteln. Noch dazu hatte er ausreichend Konkurrenz. Er war nicht der Einzige, der Sonntagmittag desorientiert durch den englischen Regen stapfte. Die finanzielle Schmerzgrenze für seine persönliche Finalteilnahme wollte der Eidgenosse nicht verraten. Wer treibt schon gern selbst den Kaufpreis in die Höhe. „Aber ich habe genug dabei", sagte er und suchte weiter sein Glück. Ob er es gefunden hat, ist nicht übermittelt. Es wäre ein teurer „Spaß" geworden.
Nach den Halbfinalspielen am Freitag war nicht nur in und rund um Wimbledon die Ticketgier ausgebrochen. Das Spiel um Gold zwischen Federer und Murray - eine Neuauflage des Wimbledon-Finales - zog auch etliche Sportler aus dem olympischen Dorf in den Bann. Zahlreiche Anfragen erreichten die nationalen Komitees. Jeder, der nicht selbst gerade einen Bewerb hatte oder sich auf einen solchen vorbereiten musste, wollte dabei sein. Auch für die Medien war es eine „High demand"-Veranstaltung, also eine von besonders großer Nachfrage.
Eine Handvoll Schweizer Leichtathleten und Beachvolleyballer zählte zu den Glücklichen, die mit Freikarten bedacht wurden und sich während der U-Bahn-Fahrt in der District Line als „große Fans" ihres weltberühmten Landsmannes outeten. Auch sie sollten später perplex und enttäuscht Federers „Wohnzimmer" verlassen.