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China: Ein Jahr lang den Tod der Großeltern verschwiegen

05.08.2012 | 18:14 | VON MARKKU DATLER (LONDON) (Die Presse)

Wu Minxia, 26, ist die beste Synchronspringerin der Welt. Damit der Star nicht „abgelenkt“ wird, sind Nachrichten aus der Außenwelt für sie tabu. Ihre Eltern spielen mit, „unsere Tochter gehört der Volksrepublik“.

Die Aufschrift „Made in China“ bekommt bei den Sommerspielen in London eine neue Bedeutung. Die Asiaten liefern sich mit den USA den erwarteten Kampf um den Triumph im Medaillenspiegel. Mit den Erfolgen glänzt das Regime, das ist ebenso bekannt wie die Methoden, mit denen Kinder und Teenager gedrillt werden. Von Doping oder Manipulation, etwa im Badminton, ganz zu schweigen. Das Vorgehen ist erbarmungslos, brutal, menschenverachtend. Das beweist der Fall der Wasserspringerin Wu Minxia.

Die 26-Jährige aus Shanghai ist die weltbeste Brett- und Synchronspringerin. Sie sammelt Goldmedaillen, deshalb dient sie der Partei als Gesicht für Kampagnen. China hat die Vorherrschaft, auch in London, lautet einer dieser Slogans, auch dank ihr. Wu Minxia gewann als erste Frau dreimal in Serie bei Olympia Gold im Synchronbewerb und setzte sich auch beim Sprung vom Drei-Meter-Brett in Szene.

Nummer eins im „Projekt 119“

Für ihr Training unternimmt China alles. Aber nicht, dass ihr jeder Wunsch von den Lippen abgelesen wird, im Gegenteil. Sie hat keinerlei Rechte und Privatsphäre. Ablenkungen jedweder Art sind verboten, Nachrichten von der Außenwelt werden im Trainingszentrum nahe der Hauptstadt ausnahmslos abgeblockt.

Wu Minxia ist Teil des 2001 gegründeten „Projekt 119“. So viele Medaillen wollte China bei seinen Heimspielen 2008 gewinnen, 100 sind es geworden. Der Goldrausch läuft aber heute noch weiter – und Wu Minxia, die seit ihrem fünfzehnten Lebensjahr in diesem „Internat für Sportstars“ lebt, ist seit nunmehr elf Jahren vollkommen von der Außenwelt abgeschnitten. Sie sieht ihre Familie nur alle paar Monate. Ein Lächeln hier und eine Umarmung da. Mehr geht nicht. Sie trainiert täglich, sechs Tage pro Woche, acht Stunden lang. Salti, Schraube, Turm rauf, runter, wieder hoch. Alles noch einmal.

Ihre Eltern sind in London und beobachten die Auftritte ihrer Tochter. Doch ihre Aussagen über das Familienleben offenbarten ein selten als so kalt erlebtes Dasein. Sie verschwiegen der Tochter seit einem Jahr den Tod der Großeltern. Auch, dass die Mutter an Brustkrebs erkrankt ist, wusste sie nicht. Die Tochter „gehört der Volksrepublik“, sagt Vater Wu Jueming. Anfangs war es noch schwer, aber jetzt habe die Familie diese Situation akzeptiert. Er identifiziert sich mit dieser Methode, bestätigte er der Nachrichtenagentur AP.

Wu Minxia bezahlt einen sehr hohen Preis dafür, dass sie eine erfolgreiche Wasserspringerin werden sollte. Ihre Eltern dulden, sie fördern dieses Martyrium. „Sie darf nicht abgelenkt werden!“ Also schickte der Vater ihr nur ein überaus persönliches SMS: „Wir sind sicher in London angekommen.“


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