Die Presse: Sie sind Großbritanniens erfolgreichster Olympionike, jetzt laufen die Spiele in Ihrer Heimat. Sind Sie von London 2012 begeistert?
Steve Redgrave: Ja! Bei Olympia dabei zu sein und Wettkämpfe zu bestreiten, wurde immer als das Höchste im Sport angesehen. Dass die Spiele jetzt in London stattfinden und ich dabei bin für die BBC und Visa, macht mich ungemein stolz. Wir Briten wollen aber nicht nur tolle Spiele veranstalten, sondern wir wollen auch etwas gewinnen. Und das klappt wunderbar.
Ist es eine Auszeichnung für London, zum dritten Mal Sommerspiele zu veranstalten oder ein finanzielles Risiko?
Redgrave: Es ist vorwiegend eine Ehre, die Spiele hier zu haben. Aber es kann niemand leugnen, dass es eine enorme Aufgabe ist, dass alles „smooth“ abläuft. Zig Millionen Pfund wurden investiert in Infrastruktur und Transportmittel. Und, diesen Ansatz darf keiner übersehen: Es geht doch auch um das schöne Gefühl, das man bei Olympia verspürt. Die Begeisterung hier auf der Insel ist sensationell. Besser geht's nicht.
Sie haben viele Bewerbe besucht, auch das Rudern. Hat es Sie gejuckt, wollen Sie mitmachen?
Redgrave: Ich half der BBC mit meinen Analysen während der acht Tage, an denen die Ruderbewerbe stattfanden. Ich drückte meinem Team die Daumen, die Siege waren beeindruckend. Ich selbst hatte als Athlet die Zeit meines Lebens bei Olympia, jetzt ist es aber gescheiter, den Jüngeren den Vortritt zu lassen...
Warum ist Rudern in Großbritannien eigentlich so populär?
Redgrave: Weil es zweifelsohne eine herausfordernde und angesehene Sportart ist. Der weltgrößte Ruderklub wurde in Großbritannien gegründet und denken Sie nur an das legendäre Rennen auf der Themse. Oxford gegen Cambridge, das kennt doch jeder. Wenn die Sonne auf das Wasser scheint und du in deinem Boot sitzt, ist es die schönste Form von Alltagsflucht.
Sie waren ziemlich lang als Ruderer aktiv, haben von 1984 bis 2000 fünfmal Olympia gewonnen. Wie geht das?
Redgrave:Indem man das, was man tut, ganz einfach genießt. Mein Satz, den ich nach Atlanta 1996 gesagt habe, ging um die Welt: „Wenn Ihr mich jemals wieder in der Nähe eines Bootes seht, dürft Ihr mich erschießen!“ Damals wollte ich nicht mehr, aber wenn du so viel erreicht hast, nagt immer etwas in deinem Hinterkopf. Dann sagte ich mir: „Komm, mach es noch einmal.“ In Sydney, damals war ich 38 Jahre alt, erlebte ich meine größte Herausforderung. Im Ruderboot kannst du niemanden zum Narren halten! Und als wir Gold gewonnen haben, war ich komplett leer. Das war aber auch mein kostbarster Olympia-Augenblick. Durch das Rudern habe ich nie den Antrieb verloren.
Die Frage muss sein: Wo bewahren Sie all das Gold – es sind 17 Medaillen von WM, EM und Olympia – auf?
Redgrave: Die Antwort muss für Sie leider irrsinnig langweilig klingen – in meinem Büro.
Und wie sehr haben diese Erfolge Ihr Leben beeinflusst bzw. verändert?
Redgrave: Es wäre gelogen, würde ich behaupten, dass die Medaillen mein Leben nicht verändert haben. Ich hoffe, dass ich es geschafft habe, Menschen zum Sport zu bewegen. Aber es wäre arrogant, würde ich behaupten, dass nur meinetwegen mehr Kinder mit Rudern begonnen haben.
Bei Ihrer Tochter hat es geklappt...
...als sie ein Teenager war, hat sie mir gesagt, dass sie kein Interesse daran hat. Tja. Später änderte sie ihre Haltung. Als ich sie für Oxford siegen sah, war ich enorm stolz. Welcher Dad wäre das nicht?
Sir Steve Redgrave ist Großbritanniens erfolgreichster Olympia-Sportler. Der Ruderer, 52, gewann fünfmal in Serie bei den Sommerspielen Gold. In London arbeitet er für die BBC und die Kreditkartenfirma Visa. [Visa]