Machen Sie sich keine Sorgen, ich bin mir da ganz sicher: London wird der Welt die besten Sommerspiele aller Zeiten bescheren!“ Das hatte Lord Sebastian Coe, der ehemalige Leichtathletik-Star und Chef von Londons Olympia-Mission, in einem Exklusiv-Interview in der „Presse“ angekündigt. Sein Versprechen sollte sich erfüllen, London 2012 waren die besten Spiele der Gegenwart. Alles funktionierte reibungslos, von der Organisation bis hin zur Bereitstellung der Sportstätten, Infrastruktur, den Emotionen und den Leistungen aller Sportler.
Olympia läuft unter der Schirmherrschaft des Internationalen Olympischen Komitees, fünf Ringe sind stellvertretende für Macht, Entertainment, Geld, Stars und Veranstalter. »Die Presse am Sonntag« nennt fünf Gründe, warum London und seine Protagonisten vollends brillierten.
Usain Bolt: Der Jamaikaner ist allen zu schnell
Usain Bolt avancierte endgültig zur Sportlegende. Der schnellste Mann der Welt war der 25-jährige Jamaikaner schon vor diesen Sommerspielen, er lief 2009 die 100 Meter bei der WM in Berlin in 9,58 Sekunden, jetzt ist er aber auch der erfolgreichste Olympia-Sprinter. Er wiederholte seine Siege über 100 Meter (9,63 Sekunden) und 200 Meter (19,32 Sekunden), das schaffte vor ihm noch keiner. Der Jamaikaner versprach, auch in Rio de Janeiro 2016 an den Start zu gehen. Über welche Distanz ließ er allerdings offen.
Mit seinem markant aufrechten Laufstil und seinen 41 Schritten, die er für 100 Meter benötigt, dominierte der Jamaikaner aus Kingston Town die Schlagzeilen. Es wirkte spielerisch leicht, wie er sich gegen seine Konkurrenten durchsetzte, und er bewegte damit sogar Physiker. Sie errechneten eine maximale Geschwindigkeit von unglaublichen 43 km/h und brachten für seine Überlegenheit auch die genetische Option ins Spiel. Bolts Familie kam aus Afrika, daher habe er einen höheren Nabel als Europäer und auch andere, nämlich schnellere Muskelfasern. Letztlich ist die einzig wahre Erklärung die: Er hebt seine Füße höher und setzt größere Schritte.
In London machte sich der Jamaikaner nicht rar, nach jedem seiner Siege meldete er sich per Twitter bei seinen Fans. Und so manchen seiner Gegner fraß da gleich doppelt der Neid. Nicht nur einmal waren Bilder von Bolts Partys mit schwedischen Handballerinnen zu sehen. Jamaikaner wissen eben, wie man richtig Party macht.
Michael Phelps: Ein Schwimmer mit 22 Medaillen
Michael Phelps kletterte als erfolgreichster Sportler der Olympia-Geschichte aus dem Schwimmbecken im Aquatics Center. Der 27-jährige Schwimmer aus Baltimore, Maryland, gewann vier Goldmedaillen und zweimal Silber und erhöhte seine Edelmetallsammlung mit IOC-Prägung auf insgesamt 22. Damit ließ er in der ewigen Bestenliste auch die UdSSR-Turnerin Larissa Latynina hinter sicher.
Nach seinem letzten Auftritt in London verkündete Phelps auch wie erwartet seinen Abschied vom aktiven Sport. „Ich habe alles gewonnen, mehr gibt es nicht. Warum soll ich also weitermachen?“ 27 WM-Titel und 18 Olympiasiege sind wahrlich eine beeindruckende Bilanz. Die London-Veranstalter hatten das passende Abschiedsgeschenk längst vorbereitet. Einen Pokal mit der Aufschrift: „Der größte Olympionike aller Zeiten“.
Phelps, über dessen Körpermaße die ganze Welt bei vier Sommerspielen seit Sydney 2000 informiert wurde, also Spannweite 2,03 Meter, Schuhgröße 47,5 etc., wolle nun verstärkt seinen Interessen abseits der Schwimmhallen nachgehen. Party, Reisen und Football sind nun sein Unterhaltungsprogramm. Vom Chlorwasser hat er genug. Aber auch in diesem Punkt hat er seine Spuren hinterlassen. „Ja“, verriet er zum Abschied, „ich habe öfters auch hineingepinkelt“.
Ob sein Rekord überboten werden kann, darüber rätseln bereits viele. Am ehesten wird es einer US-Schwimmerin zugetraut. Die erst 17-jährige Missy Franklin gewann 2012 viermal Gold und einmal Bronze. Ihr fehlen also nur noch 17 Medaillen.
Ohne Skandal: ist Olympia nur der halbe Spaß
Olympische Spiele brauchen immer einen handfesten Skandal. Ohne Eklat geht es nicht, das steht offenbar in irgendeinem Drehbuch des Internationalen Olympische Komitees oder eines TV-Senders. Für den größten Wirbel der Sommerspiele 2012 sorgte jedenfalls die Entscheidung von Fecht-Schiedsrichterin Barbara Csar.
Die Salzburgerin stand im Florett-Halbfinale der Damen im Mittelpunkt, weil sie einen Treffer der Deutschen Britta Heidemann noch mit Aufleuchten des Endes der Kampfzeit wertete. Die Südkoreanerin Shin A-Lam brach in Tränen aus und blieb aus Protest für 78 Minuten auf der Planche sitzen. Währenddessen rebellierte ihr Trainer, die Delegation legte Protest ein.
Csar betonte, dass der Kampfrichter keinen Einfluss auf die Zeitnehmung habe. Ihr Augenmerk gelte ausschließlich dem Geschehen auf der Planche. Der Weltverband bestätigte ihren Entscheid, er war regelkonform.
Heidemann gewann später Silber, A-Lam verlor auch noch den Kampf um Bronze. Und Csar wurde tagelang im Internet von wütenden Südkoreanern beschimpft.
Betrug, Schiebung. Für großes Aufsehen sorgte auch die Spielmanipulation beim Badminton. Acht Spielerinnen aus China, Südkorea und Indonesien wurden daraufhin disqualifiziert. Sie haben Spiele absichtlich verloren, dabei aber so patschert auf den Federball geschlagen, dass selbst der langsamste Badminton-Funktionär diesem falschen Spiel zwangsläufig auf die Schliche kommen musste.
Der Grund für diese Manipulationen war schnell ausgemacht. Es war nicht Geld, sondern ein vermeintlich leichteres Los in der K.-o.-Runde. Die Chinesinnen spielten auch aus einem weiteren Anlass falsch: Sie wollten nicht vorzeitig, sondern erst im Finale auf ihre Landsleute treffen.
China: Rekord eines Mädchensund große Pein
Die chinesische Schwimmerin Ye Shiwen lieferte bei ihrem Weltrekord über 400 Meter Lagen die Geschichte dieser Sommerspiele. Das erst 16 Jahre alte Mädchen schwamm auf den letzten 50 Metern schneller als US-Star Ryan Lochte. Eine Frau ist schneller als ein Mann, dieses Thema wirbelte nicht nur die Sportwelt auf, die in London erstmals Frauen aus allen Teilnehmerländern, also auch aus Saudiarabien, Brunei und Katar, bewundern durfte. China bejubelte auch alle Medaillen im Tischtennis, ist im Wasserspringen und Turnen eine Macht. Nur in der Leichtathletik läuft das System nicht vollends rund. Hürdenstar Liu Xiang schied verletzt aus, aber Geher Chen Ding gewann Gold über 20 Kilometer.
Für weltweites Kopfschütteln sorgte jedoch der Fall der Wasserspringerin Wu Minxia. Die 26-Jährige gewann zweimal Gold und ist die erste Frau, die bei drei Sommerspielen in Serie triumphieren konnte. Der Dank ihres Heimatlandes? Sie wird im Trainingszentrum nahe Peking von der Außenwelt abgeschottet, alle Nachrichten werden abgeblockt. Also berichteten die Eltern ihr ein Jahr lang nicht vom Tod der Großeltern. Auch dass die Mutter an Brustkrebs erkrankt ist, erfuhr sie erst nach ihren Bewerben.
London: City und Olympia elektrisierten
London war ein grandioser Gastgeber. Die Metropole an der Themse veranstaltete als erste Stadt zum dritten Mal Sommerspiele und allen Unkenrufen zum Trotz waren es beeindruckende Tage. Weder die U-Bahn noch die Beamten an der Passkontrolle versagten. Manchmal regnete es, aber Organisation und Sportstätten imponierten und die Begeisterung in der anfangs noch skeptisch wirkenden Bevölkerung für die Fünf Ringe war letztlich grenzenlos. Selbst die Windsors fieberten bei vielen Events mit. Queen Elizabeth II. übernahm sogar im Showteil der Schluss- und Eröffnungsfeier eine Rolle.
Ausgelöst wurde der Hype vor allem durch die Leistungen des „Team GB“, das in der Medaillenwertung Dritter hinter den USA und China wurde. Bahnrad-Star Chris Hoy krönte seine Karriere mit dem sechsten Olympia-Gold. Die Ruderer gewannen vier Goldmedaillen und verteidigten damit die Ehre des Nationalsports. Der Schotte Andy Murray triumphierte erstmals in Wimbledon, der somalischstämmige Leichtathlet Mo Farah siegte über 10.000 Meter und schloss damit (vorerst) die Kluft zwischen Immigranten und der britischen Gesellschaft. Es wurden mit 25 goldenen und insgesamt 54 Medaillen Großbritanniens erfolgreichste Spiele seit 104 Jahren.
Standen vor Olympia nur die Kosten von knapp zwölf Milliarden Euro in der Kritik, so freuen sich die Londoner nun über neues Terrain. Die Wohnungen im Olympia-Dorf in Stratford sind heiß begehrt, das Stadion soll Premier-League-Klub West Ham „mieten“ und auch auf weiteren Sportanlagen wie dem Wildwasserkanal in Lee Valley sind weitere Bewerbe bereits geplant.
Auch das auf Geld bedachte IOC ist zufrieden. Die Geschäftsperiode von Vancouver 2010 bis London 2012 wurde mit 3,22 Milliarden Euro aus dem Verkauf von TV-Rechten verbucht.