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Jürgen Melzer: Vom Weltklassemann zum Mitläufer

27.08.2012 | 17:25 | Von Christoph Gastinger (Die Presse)

Im Mai 2011 war Jürgen Melzer als Nummer acht der Weltrangliste bei der Konkurrenz gefürchtet. Der Glanz vergangener Tage ist passé, Siege über Topspieler nur Wunschdenken. Niederlagen überschatten die Saison.

New York/Wien. Zahlen lügen nicht. „Am Ende des Tages zählt nur das Ergebnis. Dann ist es egal, ob du gut oder schlecht gespielt hast.“ Jürgen Melzer, Österreichs bester Tennisspieler, spricht aus Erfahrung. Der 31-Jährige hat genügend Spiele gewonnen, in denen er nicht sein volles Leistungsvermögen abgerufen hatte. Auch unglückliche Niederlagen sind ihm schon widerfahren. Mittlerweile kämpft Melzer seit einem halben Jahr darum, Spiele „irgendwie“ zu gewinnen. Beim Turnier in Memphis Mitte Februar hatte er zuletzt Weltklasse bewiesen und auf dem Weg zu seinem vierten Einzeltitel mit John Isner und Milos Raonic Spieler der erweiterten Weltklasse bezwungen.

Der Name Melzer wird immer seltener mit positiven Schlagzeilen in Verbindung gebracht. Der Erfolg in den USA war nicht lange Gesprächsthema, Niederlagen überschatten die Saison. Bereits neun Mal musste der Niederösterreicher 2012 schon nach dem Auftaktspiel die Schläger in die Tasche packen. Seit dem Turniersieg in Memphis gewann Melzer keine zwei Spiele in Folge. Die ernüchternde Jahresbilanz: 15 Siege, 18 Niederlagen. Die erste Konsequenz: Melzer rutschte in der Weltrangliste immer weiter ab. Bei den US Open in New York, dem vierten und letzten Grand-Slam-Turnier, wurde Melzer als Nummer 36 nicht gesetzt.

Von besseren Tagen

Der Blick zurück schmerzt. Im Mai 2011 war Melzers Tenniswelt noch in Ordnung. Als Nummer acht der Welt reiste er nach Paris. Bei den French Open genoss Melzer höchstes Ansehen, immerhin hatte er 2010 an Ort und Stelle das Halbfinale erreicht und die französischen Massen begeistert. Der internationale Durchbruch war geschafft, nachdem Melzer 2010 die Basis in Form der besten Saison seiner Karriere legte. Selbst die Größten der Szene hatten vor Melzer in Bestform eine große Portion Respekt. Melzer verschaffte sich diesen, nicht weil er etwa den einen oder anderen glücklichen Sieg gefeiert hatte.

Der Deutsch-Wagramer setzte innerhalb eines Jahres Novak Djoković, Rafael Nadal und Roger Federer auf seine prominente Abschussliste, weil er in diesen Matches der bessere Spieler war. Er trat den Beweis an, dass die Fußstapfen von Thomas Muster nicht zwingend drei Nummern zu groß sein müssen, ohne sich je mit dem besten Tennisspieler des Landes vergleichen zu wollen. Melzer gelang es als Alleinunterhalter, Tennis in Österreich wieder mediales Gewicht zu verleihen. Der ORF honorierte seine Leistungen mit Live-Übertragungen, der Tennisfan vor dem Fernsehgerät fühlte sich erhört.

Das Loch hinter Melzer

Im August 2012 ist alles anders. Der ORF wird kein Spiel von Melzer aus Flushing Meadows in die Wohnzimmer liefern, sofern dieser nicht sensationell ins Viertelfinale vordringt. Auf die Titelblätter schafft es die heimische Langzeit-Nummer-eins nur noch durch Gerüchte rund um eine Hochzeit mit seiner tschechischen Freundin und Kollegin Iveta Benešová.

Sportlich herrscht Flaute. Melzer droht in der für die breite Masse bedeutungslosen Mittelklassigkeit zu verschwinden. Mitunter deshalb, weil sich beim 31-Jährigen zunehmend der Körper zu Wort meldet. Im zweiten Halbjahr 2011 plagte sich Melzer erstmals über einen längeren Zeitraum mit Verletzungen herum. Auch 2012, in seiner 14. Saison als Profi, sieht er sich mit den Zeichen der Zeit konfrontiert. „Ich bin keine 25 mehr“, sagt der ÖTV-Daviscup-Spieler, der „zumindest noch bis 2013“ weiterspielen möchte.

Melzers Karriereende kommt im österreichischen Tennisverband mit heutigem Stand einem Fiasko gleich. Hinter dem Routinier klafft ein unübersehbares Loch. Andreas Haider-Maurer stagniert nach einem zwischenzeitlichen Hoch vor zwei Jahren jenseits der Top 100. Die Vorarlberger Martin Fischer und Philipp Oswald sind als Nummer drei und vier des Landes vom Einzug in diese weit entfernt. Und Dominic Thiem, mit bald 19 Jahren Österreichs größter Hoffnungsträger, ist gerade dabei, die Umstellung vom Jugend- in den Herrenbereich zu meistern. Nur gut, dass es Jürgen Melzer gibt.

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