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iPhone 5: Sehr gut, aber nicht konkurrenzlos

28.09.2012 | 20:00 | von Daniel Breuss und Sara Gross (DiePresse.com)

Im DiePresse.com-Test präsentiert sich das iPhone 5 als das bisher beste Apple-Handy. Die Konkurrenz hat aber mittlerweile aufgeholt und selbst kleine Schwachstellen werden nur ungerne verziehen.

Ein bisschen erinnert das neue iPhone 5 an den Monolithen aus "2001: Odyssee im Weltraum". Schwarz, länglich und stabil liegt es in der Hand und vermittelt einen zeitlosen Eindruck. Metallrahmen, Glas und Aluminium-Rückseite sind allesamt gleich eingefärbt. Wäre es vor 30 Jahren erschienen, wäre das schwarze iPhone 5 wohl ideal für Product Placement in der TV-Serie "Knight Rider" gewesen. Bei seinem weißen Gegenstück ist der Rahmen nicht eingefärbt, er schimmert im seit dem iPhone 4 bekannten Aluminium-Look.

Apples inzwischen wichtigstes Produkt ist geschrumpft und gleichzeitig größer geworden: Nur 7,6 Millimeter dünn statt bisher 9,3 Millimeter, dafür 124 statt 115 Millimeter lang. Letzteres ist dem neuen, größeren Display geschuldet, das nun vier statt bisher 3,5 Zoll misst. Dem Nutzer bietet das eine Reihe an Icons mehr auf jedem Startbildschirm und mehr Platz für Bilder und Videos. Allerdings sind viele Apps noch nicht auf die neue Auflösung von 1136 x 640 Pixel angepasst und laufen mit schwarzen Balken oben und unten. Im Alltag fällt das aber kaum auf. Was aber auffällt, ist das verlängerte Gehäuse. Gerade wenn man den Sperrknopf an der oberen Kante drücken will, klappt das zwar nach wie vor, allerdings muss man die Finger doch etwas länger ausstrecken. InlineDiashow (2f24eff2)

Federleicht

Wer schon einmal ein iPhone 4S in der Hand gehabt hat, wird sich über das Gewicht des iPhone 5 wundern. Zwar macht der Unterschied nur knapp 30 Gramm aus, das neue Apple-Handy fühlt sich aber federleicht an. Fast schon ein bisschen wie Plastikbesteck im Vergleich zu einem aus Metall. Zuerst wirkt das etwas wenig vertrauenerweckend, auch wenn das Gerät sich im Alltag keine Stabilitätsblöße gab. Legt man iPhone 4S und iPhone 5 neben einander, wirkt das neue Modell ein bisschen so, als hätte Apple seinen Vorgänger zusammen gequetscht und damit in die Länge gezogen. Die Verwandtschaft ist nicht zu leugnen. Das iPhone 5 wirkt aber dennoch frischer und moderner. Und Apple hat trotz der Ähnlichkeit nahezu jedes Detail komplett neu entwickelt.

Ärgerlicher Stecker-Wechsel

Wer das iPhone 5 aus der kompakten, im schlichten Apple-Design gehaltenen Schachtel nimmt, erhält gleich auch den Blick auf zwei neue Accessoires. Einmal die EarPod genannten Kopfhörer und dann noch der neue, umstrittene "Lightning"-Stecker. Obwohl Apple damit auf die auf Macs verfügbare Thunderbolt-Schnittstelle anspielt, ist "Lightning" nicht schneller als sein Vorgängermodell mit den 30 Pins. USB 3.0 wird auch nicht unterstützt. Den einzigen Vorteil, den der neue Stecker bringt, ist sein kleineres Format und die Tatsache, dass man nicht darauf achten muss, wie herum man ihn ins iPhone 5 schiebt. Unklar ist, wie haltbar die offen liegenden Kontakte des "Lightning"-Steckers sind. Das können erst Langzeit-Erfahrungen zeigen.

Ohr-Fön mit gutem Klang

Die EarPods unterscheiden sich von ihren Vorgängern in zwei Punkten: Einerseits durch die größere Fernbedienung, deren drei Bedienelemente einen klaren Druckpunkt bieten und andererseits durch die komplett neu entwickelten Ohrteile. Diese richten die Musik jetzt direkt in den Gehörgang und sehen ein bisschen wie Miniatur-Föns aus den 1960er-Jahren aus. Auch wenn das Design etwas merkwürdig anmutet, lässt sich die Klangverbesserung im Vergleich zu den bisher genutzten Kopfhörern nicht bestreiten. Bässe sind Druckvoller und die Soundkulisse ganz allgemein präziser und nicht so verwaschen wie bei den bisher genutzten Kopfhörern. Die EarPods sitzen auch besser im Ohr, obwohl sie aufgrund des glatten Kunststoffs den Eindruck erwecken, jede Sekunde herausfallen zu können.

Flotter Prozessor

Herzstück des iPhone 5 ist der von Apple selbst entwickelte A6-Prozessor. Spiele, Websites und sonstige Anwendungen laden schnell und laufen ohne jegliche Störungen oder Ruckeln ab. Zwar hat Apple keine offiziellen Details zu dem Chip genannt, in diversen Blogs heißt es aber, der Chip nutzt zwei Rechenkerne und läuft mit 1,3 Gigahertz Taktfrequenz. Apple verspricht eine doppelte Leistung im Vergleich zum im iPhone 4S genutzten A5-Chip, der dort mit 800 MHz rennt. In diversen Benchmarks kann das iPhone 5 Apples mutige Behauptung mit seiner Leistung auch tatsächlich untermauern.

Stromfresser

Ein stärkerer Prozessor und ein größeres Display brauchen vor allem eines: Mehr Strom. Der Akku wurde aber in seiner Kapazität nur marginal von 1430 auf 1440 mAh vergrößert. Nutzt man das iPhone 5 dann auch eifrig (mehrere Websites aufrufen, Push-E-Mail, Apps herunterladen und ausführen, Streaming-Musik hören) muss das Gerät auf jeden Fall am Abend dringend an die Steckdose. Andere Hersteller verbauen da deutlich stärkere Akkus, allerdings werden die Geräte dadurch auch deutlich wuchtiger. Bei einem so schlanken Gerät wie dem iPhone 5 lässt sich wohl nicht so leicht ein 2000-mAh-Akku einbauen - zumindest nicht mit derzeitigen Mitteln.

Detailverbesserungen bei der Kamera

Die Kamera des iPhone 5 bleibt bei den 8 Megapixeln des Vorgängers, soll aber laut Apple schneller, lichtstärker und stabiler sein. Dafür sorgen eine neue Linse und ein neuer Sensor. In der Praxis fällt der Unterschied zur Kamera des iPhone 4S wohl nur besonders kritischen Beobachtern auf. Die Verschlusszeit ist merkbar kürzer. Auf einen Serienbildmodus hat Apple im Unterschied zur Konkurrenz verzichtet. In schlechten Lichtsituationen hält sich das 5er zwar besser als manch anderes Smartphone - Bildrauschen lässt sich aber auch hier nicht vermeiden.

Die einzige Neuerung in der Kamera-App ist ein Panoramamodus. Er funktioniert wie bei schon länger verfügbaren Apps beziehungsweise bei Googles Konkurrenz-System Android. Das Smartphone wird nach dem Druck auf den Auslöser horizontal bewegt und ermöglicht so Aufnahmen von etwa 180 Grad. Die Bilder werden relativ nahtlos zusammengesetzt, mit sich verändernden Lichtsituationen innerhalb eines Panoramas hat das iPhone 5 aber seine Probleme.

HD-Video mit Foto-Funktion

Die Kamera filmt im Unterschied zu den Vorgängern (ausgenommen iPhone 4S) in Full-HD. Verwackler durch eine unruhige Hand verhindert das neue Apple-Handy ein wenig besser als der Vorgänger. Während einer Videoaufnahme können nun auch durch eine eigene Schaltfläche Fotos gemacht werden - die Bilder werden jedoch aus der Videosequenz entnommen und fehlen dann dort. Das führt mitunter zu kurzen "Rucklern", die in der Regel aber unbemerkt bleiben.

iOS 6 mit ein paar Macken

Mit dem iPhone 5 hat Apple auch eine neue Version seines mobilen Betriebssystems eingeführt. iOS 6 ist bisher bei der Fangemeinde nicht besonders gut angekommen. Die Kritik konzentriert sich vor allem auf Apple Maps, das nun das beliebte Google Maps als Kartendienst ersetzt. Von fehlerhaften Darstellungen amerikanischer Brücken im 3D-Modus mal abgesehen, fallen die meisten Mängel im Alltagsgebrauch aber kaum auf. Apple Maps bietet dafür zum Beispiel eine Navigation mit Sprachausgabe. Das war in Google Maps Android-Nutzern vorbehalten.

Siri lernt dazu

Für die Sprachausgabe greift Apple auf seinen virtuelle Assistentin Siri zurück. Diese bietet ein paar erweiterte Funktion im Vergleich zum iPhone 4S, ist aber nach wie vor wenig mehr als eine nette Spielerei. Im Test wurden manche Eingaben nicht verstanden beziehungsweise lieferte Siri überhaupt keine Antworten. Vermutlich wegen Überlastung der Server, da derzeit wohl alle neuen Besitzer eines iPhone 5 versuchen, die Funktion zu nutzen. Siri muss erst in den Einstellungen aktiviert werden, ansonsten wird die alte Sprachsteuerung, die schon das iPhone 3GS nutzte, angewandt.

Klassisch bleibt die Tastatur. Egal ob Groß- oder Kleinbuchstaben, Apple zeigt sie immer als Großbuchstaben an. Hier ist die Konkurrenz intuitiver, da man nicht erst auf das Hochstell-Icon schauen muss, um zu erkennen, was man nun zu tippen beginnt. Dafür sind die Umlaute direkt erreichbar, allerdings nicht Punkt und Beistrich. Apple ist aber dafür bekannt, seine bewährten Konzepte immer nur in kleinen Schritten anzupassen.

App Store: Neues Design schreckt ab

Wenig Gefallen fand bisher auch die Umgestaltung des App Stores. Jahrelange iPhone-Nutzer könnten zu Beginn tatsächlich ein wenig verwirrt sein. Sonst fallen die meisten Neuerungen in iOS 6 kaum auf. Praktisch ist die Facebook-Integration, die zum Beispiel das Hochladen von Bildern aus der Galerien-App ermöglicht. Fein sind auch neue Optionen bei eingehenden Anrufen oder ein "Do not disturb"-Modus, der Benachrichtigungen vorübergehend deaktiviert. Derzeit wenig brauchbar ist Apples viel zitiertes "Passbook", das Tickets, Gutscheine und Kundenkarten ein digitales Zuhause bieten soll. Zum Zeitpunkt des Tests sind die Angebote noch überschaubar - in Österreich brauchbar sind nur ein oder zwei davon. InlineDiashow (2f24eff2)

Fazit

Das iPhone 5 ist tatsächlich "das beste iPhone, das es je gab", wie Apple es anpreist. Alles andere wäre auch unerwartet gewesen. Wenn es ein Wort gibt, mit dem sich das neue Smartphone beschreiben lässt, ist es "souverän". Es glänzt in vielen Bereichen mit sinnvollen Neuerungen, von den Socken haut das iPhone 5 aber nicht mehr. Die hohe Display-Auflösung ist vom iPhone 4 bekannt, der Prozessor ist zwar flott, aber das iPhone 4S war aber schon keine Schnecke und das Konzept ist inzwischen seit fünf Jahren gleich. Dasselbe gilt für die Kamera, die für ein Smartphone tatsächlich gute Bilder macht - aus der Masse aber längst nicht mehr heraussticht.

Wer derzeit kein Smartphone besitzt, erhält von Apple ein Rundum-Sorglos-Paket, da inzwischen das iPhone die ausgereifteste Plattform bietet. Fast schon eine Schande ist dabei aber Apples Maps-App zu sehen, die wie ein Fremdkörper in der ansonsten gut geölten iPhone-Maschinerie wirkt. Komplett verurteilen sollte man iOS 6, die neue Software, deshalb aber nicht. Es gibt doch einige Neuerungen für die sich das Update lohnt, auch wenn etliche Funktionen bei der Konkurrenz längst zum guten Ton gehören. Der neue "Lightning"-Stecker macht zwar Sinn, da er die kompakte Bauweise erst ermöglicht hat. Allerdings hätte es das weit verbreitete Micro-USB auch getan, da "Lightning" nicht mehr Leistung bietet und auch nicht wirklich kleiner ist. Im Grunde ist das aber Jammern auf sehr hohem Niveau.


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