Moskau. Die Geschichte kennt nun einmal keinen Konjunktiv. Aber weil sie im Schicksal eines Unternehmens oft nur die Alternativen Tod oder Überleben bietet, wagt Ilja Segalowitsch heute rückblickend doch die Mutmaßung, dass die von ihm mitgegründete russische Suchmaschine Yandex bei einer Fehlentscheidung im Jahr 2003 gestorben wäre. Damals nämlich waren die Gründer von Google, darunter der gebürtige Russe Sergey Brin, nach Moskau gekommen, um über einen Kauf von Yandex zu verhandeln. „Beinahe hätten wir uns ineinander verliebt“, sagte Segalowitsch voriges Jahr dem Magazin „Forbes“: Aber eine Fusion hätte das Ende von Yandex bedeutet.
Börsegang im Vorjahr
Ob er recht hat oder nicht: Der Indikativ der Geschichte belegt, dass Yandex heute quicklebendig ist. Mehr noch. Im Vorjahr hat es bei seinem Börsegang 1,3 Mrd. Dollar eingespielt und die Expansion außerhalb der GUS-Staaten in der Türkei gestartet. Vor allem aber bleibt es bei der Internetsuche im russischen Riesenreich die unangefochtene Nummer eins.
Der Übermacht eines globalen Marktführers wie Google standzuhalten, ist eine Rarität. Gerade mal die chinesische Suchmaschine Baidu hat dies geschafft – allerdings mithilfe der Zensur. In Russland bleibt Yandex auch ohne „Zensurvorteil“ die erste Wahl der Suchenden im World Wide Web.
Die Russen haben früh begonnen. Schon Anfang der 1990er-Jahre Jahre hat der heute 48-jährige Yandex-Gründer Arkadi Wolosch mit Segalowitsch das Programm „Yandex“ für die Suche in russischer Sprache geschrieben. 1997 geht es als Suchmaschine online, 2002 steigt es zur Nummer eins auf. Neben der technologischen Überlegenheit soll der Grund auch darin gelegen sein, dass die Yandex-Gründer im Unterschied zu Konkurrenten während der Dotcom-Blase nie die Aktienmehrheit verkauft haben.
Heute halten die beiden Gründer zusammen noch 15 Prozent der Anteile. Der Rest gehört Private Equity Fonds oder wird an der New Yorker Nasdaq gehandelt. Und heute gilt es mehr denn je, Google im Zaum zu halten. Das war lange Zeit insofern leicht, als Yandex mit Pionierangeboten punkten konnte – etwa mit dem äußerst populären Staumelder „Yandex.probki“. Aber Google lässt nicht locker, zumal es aus seinem Chrome-Browser die Möglichkeit zur Auswahl der Suchmaschine entfernt hat. Im Vorjahr hat Yandex daher 4,8 Prozentpunkte Marktanteil verloren.
Google profitiert auch von der eigenen mobilen Plattform Android, während Yandex den Nachteil hat, weder über ein eigenes Betriebssystem noch über einen eigenen Browser zu verfügen. Dafür haben die Russen die russischen sozialen Netzwerke und Facebook an ihrer Seite und soeben die Partnerschaft mit dem in Russland beliebten Browser Opera verlängert.
Heuer hat Yandex daher sogar wieder Marktanteile dazugewonnen und hält laut Statistik von Liveinternet bei 60,4 Prozent, während Google nur das Vertrauen von 26,7 Prozent der Russen genießt. Der Kampf um Marktanteile steigert aber die Ausgaben für Reklame und Personal. Und die Angst um den Marktanteil bleibt auch bei den Investoren bestimmend.
Dies, obwohl Goldman Sachs in einer Analyse meint, dass der Marktanteil Anfang 2008 schon mal auf 53,5 Prozent gesunken war und sich wieder erholt hat. Aber Verluste in der Reichweite und das langsamere Wachstum bei Suchanfragen auf dem russischen Markt werden mittlerweile stärker abgestraft als ein blendendes Betriebsergebnis. Dies zeigte sich im Februar, als Yandex für 2011 einen um 60 Prozent auf 20 Mrd. Rubel (rund 500 Mio. Euro) gestiegenen Umsatz und einen um 51 Prozent auf 5,8 Mrd. Rubel erhöhten Gewinn auswies und die Aktie trotzdem um sechs Prozent nachgab.
Größter Internetmarkt Europas
Der russische Internetmarkt bleibt jedenfalls attraktiv. Denn obwohl Russland im September 2011 laut Branchendienst comScore mit 50,8 Millionen Usern erstmals Nummer eins bei Internetnutzern in Europa war, ist die Durchdringung erst halb so stark wie im Westen.
Laut Goldman Sachs wird das Volumen des Internetwerbemarktes in Russland 2012 um 37 Prozent zunehmen, wobei Yandex davon am meisten profitieren werde. Und gelingt die Expansion in der Türkei, wie der Zuwachs der Nutzerzahlen zeigt, dann könnte man Google auch dort das Leben schwer machen. Die Geschichte, die bekanntlich nur den Indikativ kennt, wird es zeigen.