Wie sahen Graben und Stephansplatz aus, als sich dort noch Autos drängten? Was trug die Wienerin anno 1910 beim Schaufensterbummel? Wie sah der Naschmarkt 1900 aus? Und, wussten Sie, dass sich über den Donaupark in den 1960er-Jahren eine Seilbahn spannte? Fotos davon liegen freilich zuhauf in Archiven und Museen. Der größte Schatz aber schlummert in privaten Alben und Kisten. Seit wenigen Wochen tauchen diese Bilder und Erinnerungen auf Facebook und Twitter auf – und sind enorm beliebt. Kaum ein Wiener Facebook-Nutzer kommt an den nostalgischen Fotos – jenseits aller Instagram-Filter, nämlich ausgegraben, eingescannt und gepostet – vorbei, seit „Vintage Vienna“ online ist.
„Unsere Idee war, Wien so abzubilden, wie es die Wiener gesehen haben“, erzählt Michael Martinek, der Vintage Vienna seit Ende Juli mit Partnerin Daniela Horvath betreibt. Keine Postkarten, keine Profifotos, sondern die Schätze der Großeltern aus den Jahren 1880 bis 1980. Die Nutzerzahlen sind schnell explodiert, knapp 22.000 Fans sind es heute. „Wir haben nicht annähernd damit gerechnet“, sagt Martinek, noch immer verblüfft, fast sprachlos darüber, wie Bilder des alten Wien einen Nerv getroffen haben.
Martinek und Horvath teilen die Affinität zur Vergangenheit schon lange. Sie tendiert zu den 1920er-Jahren, vor allem der Mode wegen, er eher zu den 1930ern, 1950ern und 1960ern – wegen des Styles, des Designs. Die Idee zu Vintage Vienna entstand durch eine Reise nach Los Angeles, bei der die beiden die Seite „Vintage L.A.“ entdeckten. „Fünf Minuten“, sagt Daniela Horvath, habe es gedauert, bis Vintage Vienna online war, das erste Bild gepostet war, die eigenen Freude eingeladen waren. Binnen weniger Tage waren es tausende. Mittlerweile ist Vintage Vienna für das Wiener Paar – er arbeitet bei einem Verlag und betreibt das Elektro-Label Fabrique Records, sie stammt aus der Werbebranche – ein recht zeitintensives Projekt.
Sie lesen Kommentare, stellen Bilder online, klären Copyright-Fragen, beantworten E-Mails. Von Touristen etwa, die um Tipps fragen. Oder von Agenturen, denen die Nostalgieseite aufgefallen ist. Mittlerweile ist eine Smartphone-App, ein Bildband oder eine Ausstellung angedacht. „Es ist völlig offen, wo das hinführt“, meint Martinek. Schön, sagt er, wäre es, das kleine Archiv, das so schnell entstanden ist, zu verewigen. Postet jemand ein Bild, folgt schließlich ein Strom an Wissen und Anekdoten, die User dazu posten.
Über Geschäfte, die dort waren, Kindheitserinnerungen, mitunter Wehmut über Gebäude, die nicht mehr stehen oder Straßen, damals ruhig, breit, boulevardartig, heute zugeparkt. „Es geht um Erinnerung, darum, die Jugend wieder zu erleben. Eine Feelwell-Stimmung, die alte Bilder vermitteln. Ohne zu vergessen, dass es Zeiten voller Krisen waren“, so erklärt sich Martinek den Erfolg der Seite. „Wir schärfen die Sinne dafür, wie tolle private Archive es gibt. Wir haben damit einen Kanal geöffnet“, meint Horvath. Und für Martinek hat sich so ein Jugendtraum erfüllt, nämlich jener vom Bau einer Zeitmaschine. „Letztlich ist Vintage Vienna genau das. Die Fotos sind das eine, aber erst die Geschichten dazu wecken sie zum Leben.“
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