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Trendforscher: "Mit Geld ist Innovation nicht zu erreichen"

12.03.2008 | 11:13 | Von Peter Martos (Die Presse)

Der englische Trendforscher und Ex-Journalist Charles Leadbeater sieht Innovation bei Weltkonzernen als nicht mehr gut aufgehoben.

Draußen über dem futuristischen Convention Center im Neubauviertel Diagonal Mar von Barcelona scheint die Jännersonne, und im riesigen unterirdischen Vortragssaal reißt Charles Leadbeater präzise einstudierte Witze, mit denen er seine Aussagen würzt. „Ich war viele Jahre Journalist, zuletzt beim ,Independent‘ - jetzt bin ich wirklich unabhängig", erzählt er den „Networkern". Das sind jene Leute, die bei allen möglichen Firmen dafür sorgen, dass Cisco-Produkte in die Netzwerke kommen. Und Cisco ist jenes Unternehmen, das seit vielen Jahren bis zu 90 Prozent aller Firmennetzwerke und damit die Infrastruktur des Internets liefert. Networkers heißen die Großveranstaltungen, bei denen sich alljährlich die Networker in drei geografischen Regionen versammeln, um das Neueste von Cisco zu erfahren. Heuer ist für die Europa-Zusammenkunft eben Barcelona dran.

Davos vor und nach Barcelona

Die katalanische Hauptstadt ist gut für Charles Leadbeater. Nach einem Abstecher zum Weltwirtschaftsforum in Davos kehrte er im Februar hierher zurück und hielt ebenfalls die „Keynote" beim größten Kongress der Mobilfunkwelt, dem ehemaligen GSM-Kongress, der eine Zeitlang mit einem vorangestellten Dreier die dritte Mobilfunkgeneration und damit die Zukunft signalisierte. Jetzt heißt er schlicht Mobile World Congress, MWC. Nicht sehr attraktiv.

Vordenker des Internets

Attraktiv ist hingegen Leadbeater, wenn auch nicht so sehr vom Aussehen her. Der schüchtern wirkende Mann mit dem schütteren rotblonden Haar, Vater von vier Kindern, ist der Erbe der Zukunftsforscher vom Typ eines Matthias Horx und der Technologen wie Nicholas Negroponte: Spätestens seit dem Erscheinen seines Buchs „In Search Of Work" gilt er als Vordenker des Internets der Zukunft. Er ist der Guru des 21. Jahrhunderts, der keine Lehren verbreitet und keine Kur für die Menschheit parat hat. Wenn er nicht gerade seine „Sieben C"-Erkenntnisse vermarktet oder für sein neues Buch wirbt, sitzt er wie verloren im Pressezentrum, knabbert an einem gefüllten Baguette und lässt sich nach Theorien fragen. Die er nicht hat und auch nicht haben will. Leadbeater ist der Chronist der Veränderungen, nicht ihr Prediger, er beschreibt sie, statt sie herbeizuführen. Und was er erzählt, ist - hört man nur genau hin - keine Streicheleinheit für Weltkonzerne. Beim Frage-Antwort- Spiel vor Journalisten - wohlgemerkt, nicht vor den Networker-Massen - witzelt ein Cisco-Manager, eigentlich sei man ja keine R&D-Company, also keine Firma, die forscht und entwickelt, sondern eine A&D-Company, also eine, die akquiriert und dann (weiter)entwickelt.

Innovation nicht organisierbar

Ausgerechnet beim Kongress jenes Unternehmens, das seit Jahrzehnten Innovation zukauft und dann zu Produkten organisiert, spricht Leadbeater davon, dass Innovation immer weniger organisierbar sei. Die Zeit der Globalisierer gehe zu Ende, die Giganten würden durch ganz andere Globalisierer abgelöst: Blogger, Second- Life-Adepten, Web-2.0- Freaks - „Wie immer Sie die Communities der Zukunft nennen wollen". Und die gehorchten nicht den Gesetzen der Großkonzerne. „Mit Geld und Administration ist die Innovation der Zukunft nicht zu erreichen", ist Leadbeater überzeugt. Vielmehr seien dafür Dinge notwendig, die er plakativ als die „7 Cs" zusammenfasst. Das sei nicht nur siebenmal der dritte Buchstabe des Alphabets, das seien auch „seven seas", die sieben Meere, aus denen das Neue entspringe. Und dann zählt er sie auf, die geheimnisumwitterten Tipps, die alles sind, nur keine Thesen. Leadbeater hat seinen Auftritt gut geplant, er erntet stets, was er gerade braucht: konzentriertes Zuhören, Entspannung oder auch erleichtertes Lachen. Die sieben Cs? Sind gar nicht so wichtig, sie lassen sich auch durch b oder einen anderen Buchstaben ersetzen. Wichtig ist, was Leadbeater mit der Alliteration ausdrücken will: Die heutige Welt kennt keine Linearität, sie setzt sich aus unterschiedlichsten, einander oft widersprechenden Tendenzen zusammen. Sein soeben erschienenes Buch „Welcome To We-Think" ist ein einziges Plädoyer fürs kreative Chaos des Internets. „Wir können organisiert sein, ohne eine Organisation zu haben. Leute können ihre Ideen und Fähigkeiten kombinieren ohne Hierarchie, die ihre Aktivitäten koordiniert." In der Welt von „We-Think" sei entscheidend, „teilzunehmen, ein Player in der Aktion zu sein, sich mitzuteilen, mit anderen zu debattieren". Noch stünden die Adepten von Open Source, Blogging und Gaming am Rand, zumindest der produzierenden Welt. „Aber sie werden zunehmend zum Mainstream werden, indem sie traditionelle, hierarchische, von oben nach unten geschlossene Organisationen zum Öffnen zwingen."

Die 7 Cs

Und hier sind sie, die 7 Cs der Innovation:

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