Brüssel/Wien. Wenige Wochen vor einem wichtigen Gipfeltreffen zwischen den Spitzen der EU und Chinas sorgt eine Enthüllung der Nachrichtenagentur Bloomberg News für schwere diplomatische Störungen zwischen Brüssel und Peking: Chinesische Computerhacker sind im Juli 2011 in die E-Mail-Konten des EU-Ratspräsidenten Herman Van Rompuy sowie zahlreicher seiner wichtigsten Mitarbeiter eingebrochen und haben zehn Tage lang die gesamte elektronische Post der EU-Funktionäre kopiert.
In 14 Minuten alle Codes geknackt
EU-China-Beziehungen, Welthandel, Menschenrechte, die Eurokrise: Die Auswahl der Themen, für die die gehackten Eurokraten damals zuständig waren und zum Teil noch immer sind, zeigt das klare strategische Interesse der Hacker. Ihnen unterliefen dieses Mal jedoch selber Sicherheitsfehler. Durch eine – bildlich gesprochen – Hintertür in ihren Programmen gelang es einer Gruppe von rund 30 US-Sicherheitsexperten, die Fährte der Cyberpiraten aufzunehmen. Sie führt direkt nach Shanghai – dorthin, von wo aus eine mittlerweile schon berühmt-berüchtigte Hacker-Abteilung der Chinesischen Volksarmee seit Jahren westliche Regierungen und Unternehmen in Angriff nimmt. Zu diesem Schluss kam bereits vor vier Jahren eine Spezialeinheit der US-Luftwaffe, die sich ausschließlich mit dieser Hackergruppe namens „Byzantine Candor“ befasst. In einer von WikiLeaks veröffentlichten Depesche vom 3. November 2008 kann man das nachlesen. Auch Österreich bleibt von dieser Entwicklung nicht verschont. Im Herbst 2010 griffen Hacker aus China die Rechner des Außenministeriums an („Die Presse“ vom 2. Oktober 2010 berichtete). „Seit einem Jahr greifen Hacker gezielt Außenministerien in Europa an“, erklärte damals ein österreichischer Beamter.
Angst vor Eurokrise und Revolten
Gerade einmal 14 Minuten brauchten die Hacker, um am 8. Juli 2011 Zugriff auf die elektronische Post von Van Rompuy und neun seiner wichtigsten Mitarbeiter zu bekommen. Im Kabinett des Ratspräsidenten erwischte es gezielt vier Experten für Fragen des Welthandels, Asien und die Finanzkrise: Sem Fabrizi, José Leandro, Zoltan Martinusz und Odile Renaud-Basso. Letztere war damals Van Rompuys stellvertretende Kabinettschefin und seine wichtigste Beraterin in der Finanzkrise; nach den französischen Präsidentenwahlen wechselte sie nach Paris ins Kabinett von Ministerpräsident Jean-Marc Ayrault.
Der Zeitpunkt des Angriffs ist bemerkenswert. Van Rompuy und Renaud-Basso waren nämlich mitten im Schnüren eines neuen Rettungspakets für Griechenland. Erstmals wurde darüber spekuliert, dass auch Italien ohne fremde Hilfe bald nicht mehr zahlungsfähig sei. Schlechte Nachrichten aus Europa, dem wichtigsten Abnehmer chinesischer Waren, sind auch schlechte Nachrichten für das Regime in Peking. Ende Juni hatte Regierungschef Wen Jiabao darum mehrere europäische Länder besucht.
Doch auch die arabischen Revolutionen und ihre möglichen Ausstrahlungen auf China bereiteten der Pekinger Führung wachsende Sorgen. Die EU hatte sich von Anfang an im Rahmen ihrer Möglichkeiten für die Demokratisierung Nordafrikas eingesetzt. So spionierten die Shanghaier Hacker gleich sämtliche leitenden Beamten in jener Generaldirektion des Ratssekretariates aus, die sich mit Asien und Menschenrechtsfragen befassen: den damals stellvertretenden Generaldirektor Leonardo Schiavo ebenso wie die ihm untergebenen Alda Silveira Reis, Massimo Parnisani und Jan Van Elst sowie den Chef der Arbeitsgruppe für Asien und den Pazifikraum, Bogusław Majewski.
All diese Funktionäre hatten und haben auch mit Fragen des Welthandels zu tun. Auch an vertraulichen Informationen auf diesem Feld hat Peking großes Interesse, denn ebenso wie die Zahl der EU-Rechtsverfahren gegen chinesische Unternehmen wegen unlauteren Wettbewerbs steigt, nimmt auch das Ausmaß der Einfuhr fernöstlicher Fälscherware nach Europa stark zu.
„Wir werden Cyber-Sicherheit zur Sprache bringen“, sagte eine Sprecherin der EU-Außenbeauftragten Catherine Ashton am Dienstag zur „Presse“. Der Brüsseler EU-China-Gipfel im September jedenfalls steht nach dem jüngsten digitalen Angriff aus Shanghai unter keinem guten Stern.