Schade, dass die bewegten Bilder in den Zeitungen der Welt Harry Potters dem Reich der Fantasie angehören. Sonst könnte man jetzt sehen, dass das iPhone-Foto rechts kein normales Bild ist. Die Schatten der Menschen bewegen sich unaufhörlich, während der Rest des Bildes wie erstarrt ist, die gesamte Gruppe steht wie festgefroren am Straßenrand. Cinemagramm nennt sich eine solche Abbildung, die ihre technische Umsetzung in dem digitalen Bildformat GIF findet und bereits zahlreiche Fotokünstler inspiriert hat. Dutzende Bilder ein und desselben Motivs – etwa aus einem Video – können in solche Arbeiten einfließen und zu meist hypnotischen Ergebnissen führen. Eine erstarrte Kaffeehausszene zum Beispiel, in der nur zu sehen ist, wie ein Mann unaufhörlich in einer Zeitung blättert, ohne je zu einem Ende zu kommen. Oder das Glas Bier am Zapfhahn, das nie voll wird.
Zeit (teilweise) angehalten. Smartphones machen die eigentlich komplizierte Methode alltagstauglich und Schnappschuss-Enthusiasten lassen Instagram längst für „Cinemagramm“ oder „Fotodanz“ links liegen. Diese Apps – Erstere für das iPhone, die andere für Android – erstellen schlicht kurze Videos und lassen den Nutzer anschließend mit der Fingerspitze jenen Bereich wählen, der sich im Bild bewegen soll. Der Rest des Videos wird eingefroren, als hätte man die Zeit angehalten und ein Teil der Szene würde nicht gehorchen. Cinemagramm hat sich die erfolgreiche Foto-App Instagram zum Vorbild genommen und lässt Nutzer ihre Werke auf Wunsch automatisch mit allen anderen Nutzern der App teilen – Kostproben gibt es unter http://cinemagr.am. Animierte GIFs sind aber im Internet ein wohlbekanntes Format – man denke nur an lästig blinkende Postkästchensymbole oder rotierende @-Zeichen neben E-Mail-Adressen auf privaten Homepages von anno dazumal. Deshalb lassen sich auch Cinemagramme beinahe überall einbinden oder verschicken – sei es per Facebook oder E-Mail.
Entdeckt für die „Fashion Week“. Als die blinkenden, nervenden GIF-Symbole aus dem Netz verschwanden, geriet das Format beinahe in Vergessenheit. Wiederbelebt wurde es 2009 von dem Designer Kevin Burg und der Fotografin Jamie Beck aus New York, die gemeinsam die „New York Fashion Week“ erstmals in Cinemagrammen festhielten. „Es ist mehr als ein Foto, aber nicht wirklich ein Video“, brachte das bekannte Model Coco Rocha das Prinzip auf den Punkt.
Nicht jede bewegte Szene ist aber für ein gelungenes Cinemagramm geeignet. Den besten Effekt haben Bilder, in denen eine Bewegung eingefroren ist, während eine andere unaufhörlich weiterläuft. Etwa ein bewegtes Spiegelbild, während die Person davor starr bleibt. Oder ein Wasserfall, der über die Klippen fließt, während der Fluss davor stillzustehen scheint, und die Haarsträhne, die das Einzige ist, was der Wind zu bewegen vermag. Das Internet ist bereits eine große Inspirationsquelle – auch wenn nicht alle der zehntausenden Cinemagramme, die täglich mit der iPhone-App erstellt und hochgeladen werden, Kunstwerke sind.
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Cinemagramm: Lass die Fotos tanzen!
25.08.2012 | 16:47 | von Sara Gross (Die Presse)
In Cinemagrammen scheint es, als hätte jemand die Zeit angehalten, aber nicht jede Bewegung hat gehorcht. Smartphones machen den Trend alltagstauglich. Schnappschuss-Enthusiasten lassen Instagram längst links liegen.
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