Alle 50 Jahre vergibt die Linnean Society of London ihre renommierteste Ehrung, die Darwin-Wallace-Medaille für Verdienste um die Evolutionsbiologie. Das mit den 50 Jahren ist kein Verschreiber, den Preis gab es erstmals im Jahr 1908, 50 Jahre nach der grundlegenden Publikation zum Thema. Sechs Forscher, unter ihnen Ernst Haeckel, erhielten die Medaille in Silber, einer erhielt sie in Gold, Alfred Russel Wallace. Ein Mr. Wallace erhielt die Darwin-Wallace-Medaille? Nein, nicht ein Wallace, der Wallace, der halbe Namensgeber, er hielt den Festvortrag: „Warum waren so viele der größten Geister dem Problem nicht gewachsen, während Darwin und ich die Lösung fanden? Schon früh im Leben wurden wir beide, Darwin und ich, begeisterte Käferjäger.“
An Selbstbewusstsein mangelte es ihm nicht, aber er spielte seine Rolle in der Entwicklung der Evolutionstheorie stets herunter, obwohl das Kind, das am 1.Juli 1858 in der Linnean Society vorgestellt wurde, zwei Väter hatte, gleichberechtigte: Darwin und Wallace publizierten gemeinsam „On the tendencies of species to form varieties, and on the perpetuation of varieties and species by natural means of selection“. Auf das „natürliche Prinzip der Selektion“ waren die beiden unabhängig voneinander gekommen, Darwin hatte seinen ersten Entwurf 1838 skizziert – nicht: publiziert –, viele Ideen waren ihm auf der Reise mit der „Beagle“ gekommen, auf der er als renommierter Biologe Quartier nahm.
Um diese Zeit war Wallace Schullehrer in Leicester, er hatte kaum Ausbildung, war 1823 in verarmenden Mittelstand geboren worden, musste die Schule abbrechen, wurde Landvermesser, kam viel herum, die Käferjagd – vulgo: exakte Naturbeobachtung – begann. 1848 dehnte er sie aus nach Brasilien, er wollte die Fahrt im Nachhinein bezahlen – mit dem Verkauf von mitgebrachten Fundstücken an Museen –, es wurde ein Desaster, auf der Rückreise 1852 sank das Schiff, er konnte sein Leben retten und ein paar Unterlagen, und eine vage Idee.
„Struggle for existence“
1854 zog er wieder los, nach Südostasien, die Idee wurde klarer, 1855 stellte er sie vor: Er hatte bemerkt, dass verwandte Arten in Raum und Zeit gemeinsam auftreten – in den gleichen Regionen, den gleichen geologischen Schichten –, er schloss daraus, dass es einen Abstammungsprozess mit graduellen Übergängen gibt. Die Publikation kam dem Geologen Charles Lyell zu Augen, seine Arbeit hatte großen Einfluss auf Darwin und Wallace, er zeigte, dass die Erde bzw. das Gestein eine Geschichte hatte. Nun wies er Darwin auf Wallace hin, vielleicht alarmierte er ihn auch, Darwin hatte seine alte Idee immer noch nicht ausformuliert. (Der „Origin of species“ wurde erst 1859 fertig.)
Da kam Wallace schon wieder, im Frühjahr 1858, mit dem fehlenden Teilstück: Welche Lebensform im „struggle for existence“ Erfolg habe, entscheide sich daran, wie gut sie sich an ihre Umwelt anpasse, an die Futterbedingungen, den Räuberdruck: Wallace hatte den Mechanismus entdeckt, die Selektion. Das Manuskript schickte er vor der Veröffentlichung an Darwin, der reagierte mit Hochachtung – „Nie habe ich eine überraschendere Koinzidenz gesehen“–, er hatte schließlich auch die Selektion entdeckt, aber nicht publiziert, nun wollte er Wallace die Ehre überlassen. Lyell fädelte die Lösung ein, die gemeinsame Publikation bei der Linnean Society (es waren unabhängige Manuskripte, sie wurden verlesen, weder Darwin noch Wallace waren anwesend).
Wallace blieb in der zweiten Reihe, hörte es aber nicht ungern, wenn man ihn „mehr Darwinist als Darwin selbst“ nannte: Der hatte seine zentralen Beobachtungen an domestizierten Tieren gemacht, Wallace in freier Natur. Aber er hatte viele Interessen, agitierte für Sozialreformen, liebäugelte mit dem Spiritismus, drängte sich selbst ins Abseits, wurde fast vergessen: Ein Porträt von ihm hängt erst seit 1998 an der Wand der Linnean Society, das von Darwin ziert sie seit 1881 (Nature, 453, S.1188).
Nur die Medaille erinnert regelmäßig alle 50 Jahre. Es ist wieder so weit, gerade wurden die Preisträger 2008 bekannt gegeben, Stephen Jay Gould ist darunter und Lynn Margulis, Dawkins nicht, 13 Forscher, alle Silber, keiner Gold, kein Wallace (www.linnean.org).