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Paläontologie: Wachstum ohne Grenzen

09.10.2008 | 19:05 | JÜRGEN LANGENBACH (Die Presse)

Größe garantiert Überleben, das zeigen die Sauropoden, die mächtigsten aller Landtiere. Ihr Geheimnis: Hinunterschlingen, was geht.

Kein Bild ist so falsch wie das von den Sauriern, die sich zu Tode gewachsen haben. Im Gegenteil, die Giganten hielten sich 120 Millionen Jahre, nicht trotz, sondern wegen ihrer Größe, 50 bis 80 Tonnen hatten die Sauropoden – die Pflanzenfresser mit den langen Hälsen –, Elefanten haben fünf. „Warum gibt es keine Fünfzig-Tonnen-Elefanten“, fragt Martin Sander, Paläontologe an der Uni Bonn, „was begrenzt die Körpergröße?“ Und umgekehrt: Wie ist Gigantismus möglich?

Es gibt zwei Möglichkeiten. Zum einen kann es an der Umwelt liegen, es gab Riesenlibellen, als und weil der Sauerstoffgehalt der Luft sehr hoch war. Auch die Geografie kann mitspielen, zumindest tut sie das heute: Je größer die Landmassen sind, desto größer sind ihre Tiere, die größten gibt es in Asien, kleinere in Australien etc. Aber das war es bei den Sauriern nicht, sie entstanden, als es noch einen Urkontinent gab, sie hielten sich (in voller Größe), als der in Inseln zerfiel. Sie haben auch viele Änderungen der Atmosphäre erlebt.

„Die Umweltparameter spielten bei den Sauropoden keine Rolle“, erklärt Sander der „Presse“: „Es war die Biologie der Tiere.“ Und in der war es vor allem eines: Die Sauropoden verschlangen, was sie konnten, unzerkaut, Zähne hatten sie nur zum Abreißen des Futters. So wurden ihre winzigen Schädel und endlosen Hälse möglich, es liegt an den Gesetzen der Physik bzw. Biomechanik: Wenn etwas größer wird, wächst die Fläche in der zweiten Potenz, das Volumen in der dritten. Wenn also eine Kaufläche – Zahnoberfläche – wachsen soll, müssen Kiefer bzw. Maul stärker wachsen, sie können am Ende nur durch einen extrem kurzen Hals wie bei den Elefanten getragen werden. Zudem braucht Kauen Zeit, Elefanten verbringen 80 Prozent der ihren mit Fressen.

 

Riesengedärm voller Äste und Zinnkraut

Die Saurier befreiten sich von beiden Lasten, sie kamen in die höchsten Wipfel und brachten das Abgerissene ohne Aufenthalt in ihr Riesengedärm. Hier hilft wieder die Größe: Zwar nimmt die des Darms linear mit der des Körpers zu, aber größere Tiere haben einen relativ geringeren Energiebedarf, Mäuse müssen viel umsetzen, Sauropoden konnten sich beim Verdauen Zeit lassen.

Was haben sie verdaut? Als sie groß wurden, gab es noch keine Blütenpflanzen, auch kein Gras, nur Farne, Schachtelhalme und Koniferen. Lange galten Farne als nahrhaft, aber dann zeigte Sander – in simulierten Sauriermägen –, dass in Ästen von Koniferen mehr Energie steckt, und in Schachtelhalmen noch mehr (Proceedings B, 275, S.1015). Zudem greift beim Schachtelhalm kein bezahnter Konkurrent zu, weil er Zähne stark abschleift (deshalb hieß das Gewächs früher auch „Zinnkraut“, man hat Zinn damit poliert). – Aber es ging nicht nur um das Fressen, es ging auch um die Atemluft, hier kam die zweite zentrale Erfindung. Unsere Lungen sind nicht sehr leistungskräftig – sie nehmen Sauerstoff nur beim Einatmen auf, beim Ausatmen nicht –, die heutigen Vögel tun es anders, sie arbeiten mit einem System von Luftsäcken, die die dauernde Aufnahme von Sauerstoff gewährleisten. Ihre Ahnen, die Saurier, hielten es vermutlich ebenso: Zwar haben sie keine Luftsäcke (und andere weiche Gewebe) hinterlassen, aber Spuren davon an den Knochen. Und dieses System löste noch ein Problem, es brachte Abwärme aus den gigantischen Körpern.

An denen war nur eines klein, die Eier, sie hatten etwa die Größe von Handbällen. Das war aus der – wieder biomechanischen – Not geboren: Eine Zwei-Tonnen-Elefantenkuh bringt ein Hundert-Kilo-Junges lebend zur Welt. Aber Hundert-Kilo-Eier gibt es nicht, sie würden in sich zusammenbrechen oder – bei entsprechend dicken Schalen – keine Luft durchlassen. Aus dem gleichen Grund wurden die vielen Eier – „Dutzende bis hunderte pro Jahr“ (Sander) – auf kleine Gelege verteilt. Wenn sie schlüpften, wuchsen die Jungen extrem rasch, aber nicht rasch genug: Sie deckten den Tisch, ihr Überfluss erklärt, warum auch die räuberischen Dinosaurier – T.rex! – so groß wurden.

Die wieder hielten die Populationsdichte der ganz Großen so gering, dass 120 Millionen Jahre alles gut ging. Bis vor 65 Millionen Jahren der Crash kam, der von allen Sauriern nur die kleinen Erben übrig ließ, die Vögel.


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