MOSKAU. Seit Dmitrij Medwedjew im Kreml an der Macht ist, wird klar, was dem Mann, der in Putins Windschatten groß geworden ist, fehlt: die zuverlässige Unterstützung aus der Wirtschaft. „Das Business-Aktivum Medwedjews ist derzeit noch sehr klein“, meint Alexej Muchin vom Moskauer Forschungszentrum für Politische Information. Wie schon Putin forme Medwedjew sein Team aus Kindheitsfreunden, Studienkollegen und alten Bekannten.
Viel zu tun hatte Medwedjew zuletzt mit Alischer Usmanow, der heute als sein finanzstärkster Freund gilt. Der 54-jährige gebürtige Usbeke gebietet über den Metallurgiekonzern „Gazmetall“ („Metalloinvest“). Usmanow selbst pflegte zuletzt durch die Übernahme des Wirtschaftsblattes „Kommersant“ sein Image. Das war zuvor nicht tadellos gewesen, nachdem er etwa 1980 unter anderem wegen Erpressung eine achtjährige Haftstrafe ausgefasst hatte.
Der steile Weg nach oben kam mit der Arbeit für den halbstaatlichen Gasmonopolisten Gazprom, für den Usmanow Gasaktiva einsammelte. „Nicht nur Usmanow gilt als starke Stütze Medwedjews, sondern auch andere Leute, die mit Gazprom Geld gemacht haben“, sagt Sergej Gurijew, Rektor der New Economic School in Moskau. Für Medwedjew gehören Gazprom und die Gazprombank zu den wichtigsten Plattformen, auf der Freundschaften mit Top-Wirtschaftsvertretern gepflegt wurden.
Die Gazprom-Connection
Bei Gazprom selbst ist die Mannschaft nicht so homogen, wie dies scheint. Beobachter warnen daher, den ganzen Konzern als Medwedjews Machtpfeiler zu betrachten, doch konnte er einige seiner Schützlinge dort positionieren.
Etwa Ilja Jelisejew, Vizechef der drittgrößten russischen Bank, Gazprombank. Oder Konstantin Tschuitschenko, seit 2001 Chef der Rechtsabteilung und Mitglied der Geschäftsleitung bei Gazprom. In zahlreichen Gazprom-Töchtern führte er fortan den Aufsichtsratsvorsitz und wurde 2004 CEO des wegen einer vermuteten Verbindung zur organisierten Kriminalität umstrittenen Gashändlers RosUkrEnergo. Heute sitzt er als Medwedjews Berater im Kreml.
Jenseits von Gazprom hat Medwedjew wenig Kontakt zu den Oligarchen des Landes. Am ehesten noch zu Roman Abramowitsch und Alexander Abramow sowie zum Bankier Ruben Wardanjan, die mit Medwedjew gemeinsam die Kaderschmiede Skolkowo gründeten, oder zum Energiekonzernboss und Chefprivatisierer Anatoli Tschubais. Als wirklichen Vertrauten Medwedjews nennt Muchin den Chef der größten russischen Zell- und Papierstoffgruppe „Ilim“, Zachar Smuschkin. „Seit Medwedjew zum Nachfolger ernannt worden ist, wird Smuschkin wiederholt zu Besprechungen in den Kreml eingeladen.“ Der Hintergrund: Medwedjew selbst arbeitete seinerzeit als Chef der Rechtsabteilung für Smuschkin.
Oligarchen zögern noch
„Im ersten Jahr wird es schwer sein, eine klare Teilung zwischen Putin und Medwedjew vorzunehmen“, meint Jewgeni Gawrilenkow, Chefökonom der Investitionsgesellschaft Troika Dialog. Zu lange agierten sie als Team.
Dennoch: Medwedjew hat einen anderen, liberaleren Ton angeschlagen – so mit dem Vorschlag, die Beamten aus den Aufsichtsräten staatlicher Konzerne zu vertreiben. Er gibt sich als liberaler und westlicher Anhänger des Rechtsstaates. „Fast alle Oligarchen sind am Themenspektrum, das Medwedjew verkörpert, interessiert“, sagt Gurijew. Bislang warten die meisten aber ab, wohin sich das Machtzentrum verlagert.
Das Verhältnis zwischen Staat und Privatunternehmern ist nicht austariert. Hatten die Oligarchen in den 90er-Jahren das Sagen, wurden sie von Putin mit dem Schlagwort der Äquidistanz an die Kandare genommen. Dass nun der Staat wieder mit einem Kooperationsangebot kommt, wird mit Skepsis quittiert.
Aber auch Medwedjew bleibt vorsichtig und hat bis jetzt noch kein Treffen mit den Oligarchen anberaumt. Manche meinen, dass Medwedjew sich die großen Fische vorerst vom Leib hält, um nicht von ihnen gefressen zu werden. „Unsinn“, meint ein Stahlmanager, der anonym bleiben möchte: „Wir haben die Lektion gelernt. Das ,-arch‘ beim Wort Oligarchen können Sie streichen, denn die Macht ist längst weg.“
