Bei Einbruch der Dunkelheit leeren sich die Straßen schnell in Kayseri, dem zentralanatolischen Rückgrat der konservativen Türkei. In der Geburtsstadt von Präsident Abdullah Gül (AKP) sind trotz des Wirtschaftsaufschwungs der letzten Jahre keine dicken Autos zu sehen. Prunk und Verschwendung sind verpönt im traditionellen Wertesystem, das hier die Einheit mit der modernen Geschäftswelt sucht. Mit Erfolg: Die Moscheen in den Fabriken sind brechend voll, auf der anderen Seite sind selbst in dem streng religiösen Umfeld viele junge Frauen ohne Kopftuch unterwegs. Der „Islamische Calvinismus“, der hier gelebt wird, gilt den meisten als Hauptgrund für den wirtschaftlichen Erfolg der Region.
Eine Hochburg der Industriellen
In nur einer Generation wurde aus dem Handelszentrum eine Industriestadt knapp an der Millionengrenze – angetrieben durch die vielen „großen Söhne“ von Kayseri. Präsident Gül ist hier nur die Spitze des Eisbergs. 90 Prozent aller türkischen Industriellen stammen aus der Region. So etwa die Familie Sabanci, die ein Konglomerat aus 64 Unternehmen führt. Selbst die Familie des legendären griechischen Reeders Aristoteles Onassis hat ihre Wurzeln in Kayseri.
Diese Unternehmer haben die Stadt zur „Hauptstadt der anatolischen Tiger“ gemacht. Seit dem Jahr 2002 haben sich die Exporte aus den jungen türkischen Boomregionen rund um Kayseri, Bursa oder Konya verdoppelt.
Kayseri verdankt seinen Aufstieg der Möbel- und Textilindustrie. Drei von vier Möbelstücken in der Türkei werden hier gefertigt. Jeder zweite Meter Denim (Jeansstoff) läuft in einem der zahlreichen Familienbetriebe vom Band. Zum Beispiel bei Orta Andalu, einer Textilfabrik, die 2007 den Stoff für jede dritte Levis-Jeans weltweit geliefert hat. Der Umsatz kletterte auf 160 Mio. Euro, der Gewinn stieg auf 33 Mio. Euro.
Doch hohe Energiekosten und die starke Konkurrenz aus Asien machen der Branche zu schaffen. Dort kommen die Firmen mit einem Fünftel der türkischen Arbeitskosten aus. Zudem hat mittlerweile auch die internationale Finanzkrise ihren Weg nach Zentralanatolien gefunden. Während die türkische Automobilindustrie bereits herbe Rückschläge verbuchen muss, warten die Unternehmen in Kayseri noch auf den Abschwung.
„Nächstes Jahr wird es uns hart treffen“, sagt Ömer Gursan, Produktionsmanager bei Orta Andalu. „Wir erwarten einen Produktionsrückgang von 20 bis 30 Prozent.“ Gerade für die unzähligen Klein- und Mittelbetriebe könnte es eng werden. „Viele werden es nicht schaffen“, glaubt der Mittelständler Özan Mahir, der seine Firma mit Subventionen der Europäischen Union vergrößern konnte. Noch mangle es ihm zwar nicht an Aufträgen, doch auch er kämpft: Denn seine Kunden bezahlen nur noch selten.
Rezession trifft Türkei voll
Insgesamt könne die Türkei zumindest den finanziellen Teil der Krise gut überstehen, sagt Asaf SavasAkat, Wirtschaftsprofessor an der Bilgi Universität in Istanbul. Die türkischen Banken hätten ihre sprichwörtlichen Leichen schon nach der Krise des Jahres 2001 aus dem Keller geräumt. Die globale Rezession werde aber auch an der Türkei nicht vorübergehen. Während die Regierung noch von Wachstumsraten um fünf Prozent fantasiert, ist der Wissenschaftler sicher: „Der Türkei steht eine ernste Rezession bevor.“
Daran könne auch der viel beschworene EU-Beitritt der Türkei wenig ändern. Erstmals hat die EU der Türkei in ihrem jüngsten Fortschrittsbericht eine funktionierende Marktwirtschaft bescheinigt, die Lust auf Annäherung scheint jedoch in Europa und in der Türkei zu schwinden.
„Mit der EU-Mitgliedschaft würde unsere Wettbewerbsfähigkeit schrumpfen“, sagt der Textil-produktionsleiter Ömer Gursan. Denn die Arbeitskosten würden steigen, und teure Umweltstandards müssten eingeführt werden. Umgekehrt kritisieren die Europäischen Industrie- und Handelskammern Eurochambres, dass 72 Prozent der türkischen Unternehmen noch nicht auf einen EU-Beitritt vorbereitet seien.
„Türkei braucht EU nicht“
„Alles, was wir von Europa noch bekommen können, ist eine politische Dividende“, betont der Wirtschaftsprofessor Asaf SavasAkat. Wirtschaftlich reiche die bestehende Zollunion für die Türkei völlig aus. Zudem würden die Europäer ihre dominante Rolle in der türkischen Wirtschaft sukzessive abgeben. Im vergangenen Jahr ist der Anteil der Direktinvestitionen aus dem EU-Raum in die Türkei um 20 Prozent gefallen. Stattdessen haben Korea und China stark aufgeholt. „Die Türkei braucht Europa nicht“, so der Ökonom. „Mittlerweile haben die Türken daran zu glauben begonnen, dass sie auch ohne EU ein demokratischer Staat sein können.“
