Washington (schell/ag.). Die Immobilienkrise hat die US-Wirtschaft im vierten Quartal des vergangenen Jahres unerwartet scharf gebremst: Auf das Jahr hochgerechnet ist die Wirtschaftsleistung der Vereinigten Staaten von Oktober bis Dezember nur mehr um 0,6 Prozent gewachsen. Das Gros der Konjunkturforscher war von einem doppelt so kräftigem Wachstum ausgegangen. Allerdings sind die jüngsten Daten noch mit Vorsicht zu genießen: Sie sind eine erste Schätzung.
Ungeachtet dessen stärkt diese erste Schätzung, die immerhin das schwächste Quartalswachstum seit 2002 ausweist, jenen Ökonomen den Rücken, die den USA schon für das erste Halbjahr eine Rezession (schrumpfende Wirtschaft in zwei aufeinander folgenden Quartalen) voraussagen.
Steiler Rückgang gegenüber 3. Quartal
Auffallend ist der starke Rückfall gegenüber dem dritten Quartal, das noch ein kräftiges Wachstum von 4,9 Prozent (ebenfalls auf das Jahr hochgerechnet) brachte. Im Zuge der aktuellen Konjunkturdaten gilt eine neuerliche Zinssenkung in den USA als so gut wie sicher. Die US-Notenbank Fed hat ihre Entscheidung für Mittwochabend (zu Redaktionsschluss dieser Ausgabe war die Sitzung noch im Gange) in Aussicht gestellt. Im Markt wird erwartet, dass der Leitzinssatz (zu dem sich die Banken kurzfristig Geld von der Fed leihen) um 0,25 bis 0,5 Prozentpunkte sinken wird.
Erst in der vergangenen Woche senkte die Fed die Leitzinsen mit 0,75 Prozentpunkten ungewöhnlich stark auf 3,5 Prozent. Mit dieser deutlichen Reduktion der Zinsen setzte sich die US-Notenbank auch heftiger Kritik aus. Nobelpreisträger Edmund Phelps warf der Fed in einem Interview mit dieser Zeitung (Mittwoch-Ausgabe) vor, dass sie politischen Zurufen folge. Ökonomisch sieht Phelps keinen ausreichenden Grund für den drastischen Zinsschritt. Phelps verweist insbesondere auf den immer noch starken Konsum privater Haushalte.
Dieser könnte sich allerdings nun auch einbremsen – darauf lassen zumindest die zuletzt gesunkenen Lagerbestände der Unternehmen schließen. Wie das vierte Quartal zeigt, leidet die US-Wirtschaft aber vor allem an den stark rückläufigen Ausgaben im Baugewerbe. Für neue Häuser wurde um 24 Prozent weniger ausgegeben als in der Periode zuvor. Das ist nicht nur der achte Rückgang in Folge – es ist auch der stärkste seit dem Jahr 1981. Die Ausgaben für den Wohnungsbau sind in den vergangenen zwei Jahren um 29 Prozent geschrumpft – der stärkste Rückgang seit 1982.
Nicht zuletzt deshalb wird an den Märkten zusehends davon ausgegangen, dass die Fed die Zinsen doch um weitere 0,5 Prozentpunkte zurücknehmen könnte. Dann läge der US-Leitzinssatz bei 3,0 Prozent – und damit um einen Prozentpunkt unter dem europäischen. Ein derart hoher Abstand dürfte auch die Europäische Zentralbank zusehends unter Druck setzen, die Zinsen zurückzunehmen.
Dollar vor weiterem Verfall
Allen voran Europas Exportwirtschaft wird aufgrund des schwachen US-Dollar und des hohen Euro langsam, aber sicher nervös. Wie der deutsche Wirtschaftsforscher Alfred Steinherr Anfang dieser Woche gegenüber der „Presse“ meinte, werden US-Exporteure mit dem schwachen Dollar im Rücken auf den Weltmärkten immer konkurrenzfähiger. Zudem werten indirekt auch Japan und China ihre Währungen ab, weil sie diese am US-Dollar ausrichten.
Mit der wachsenden Zinsdifferenz dürften Investoren nun weiter Geld aus den USA abziehen und nach Europa verfrachten, um es hier zu höheren Zinsen zu veranlagen. Was den US-Dollar weiter schwächte. Unmittelbar vor der Fed-Sitzung mussten für einen Euro bereits 1,48 US-Dollar bezahlt werden. 83 von der Nachrichtenagentur Reuters befragte Analysten rechnen aber einhellig damit, dass die EZB den Leitzinssatz bei ihrer Sitzung am nächsten Donnerstag unverändert bei 4,0 Prozent belassen wird.
Europa sorgt sich um die Teuerung
In Europa wird vor allem auf die zuletzt deutlich höhere Teuerung verwiesen, die nach Ansicht der Notenbanker eine Zinssenkung ausschließen würde. Die EZB hat ja den Auftrag, die Inflationsrate bei 2,0 Prozent zu halten. Zuletzt lag die Teuerungsrate allerdings bei knapp über drei Prozent – eine Zinssenkung würde die Geldentwertung weiter verschärfen. Es würde weniger gespart und mehr konsumiert werden, wodurch der Geldumlauf angeheizt wird – und damit die Inflation.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 31.01.2008)