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Kündigungswelle überrollt deutsche Quelle

26.10.2009 | 16:34 |  (DiePresse.com)

Die deutsche Arbeitsagentur richtete eine eigene Außenstelle mit 150 Mitarbeitern beim Quelle-Versandzentrum ein, um den Ansturm der frisch Gekündigten zu meistern.

Mit einem beispiellosen Massenansturm von gekündigten Mitarbeitern bei der Arbeitsagentur ist das letzte Kapitel des insolventen Versandhändlers Quelle eingeläutet worden. Bis zu 800 Beschäftigte wurden allein am Montag in einem eigens bei Quelle eingerichteten "Mini-Arbeitsamt" in Nürnberg registriert und beraten. Bis Ende der Woche müssen rund 4.000 Menschen betreut werden. "Das ist die größte Entlassungswelle innerhalb so kurzer Zeit in der Geschichte der Bundesagentur für Arbeit", sagte der Chef der bayerischen Regionaldirektion, Rainer Bomba.

Arbeitsagentur, Außenstelle Quelle

Die Arbeitsagentur (das deutsche Pendant zum AMS) hat in den Räumen des Quelle-Versandzentrums in Nürnberg eine eigene Außenstelle eingerichtet und dort rund 150 Mitarbeiter aus ganz Bayern zusammengezogen. Sie sollen die Arbeitslosmeldungen entgegennehmen und erste Beratungs- und Vermittlungsgespräche führen. "Wir haben die Parole ausgegeben: Keine Hektik, keine Panik", sagte Bomba.

Das Rote Kreuz und mehrere Psychologen waren vor Ort im Einsatz, um den geschockten Quelle-Mitarbeitern helfen zu können. Nürnbergs Oberbürgermeister Ulrich Maly (SPD) sagte, bei der Krisenambulanz sei "vom einfachen Sich-Aussprechen bis zum selbstmordgefährdeten Fall" alles dabei. Die Stadt richtete auch eine Wohngeld- und Wohnungsberatung ein.

Hoffnung vor Weihnachten

"Den Menschen ist zwei Monate vor Weihnachten der Boden unter den Füßen weggezogen worden", sagte Bomba. Nun müsse schnell und pragmatisch geholfen werden. Er berichtete von einer Welle der Solidarität für die Quelle-Beschäftigten. In zahllosen Mails und Briefen würden Jobs und Spenden angeboten. Allein am Wochenende habe die Arbeitsagentur 110 zusätzliche Job-Angebote erhalten. Im Raum Nürnberg gebe es 10.000 offene Stellen: "Der Arbeitsmarkt nimmt derzeit noch auf."

Dennoch werde es besonders für die gering qualifizierten Beschäftigten über 50 Jahren schwierig, einen neuen Job zu finden, räumte Bomba ein. Das werde viele Monate dauern. Gut sieht es nach seinen Worten dagegen für die rund 150 Quelle-Auszubildenden aus. Ein Teil von ihnen könne seine Prüfungen noch machen, ein anderer Teil sei bereits weitervermittelt worden.

Kollaps der Osteuropa-Töchter

Den osteuropäischen Tochtergesellschaften der insolventen Primondo-Gruppe droht unterdessen nach Informationen der Tageszeitung "Die Welt" offenbar schon bald der Kollaps. Wie das Blatt unter Berufung auf eine mit der Sache vertraute Person schreibt, sind die Gesellschaften, zu denen auch Quelle Österreich gehört, nur noch eingeschränkt lieferfähig. In manchen Bereichen könne gerade noch eine von drei Bestellungen ausgeführt werden, weil die Lager nicht mehr ausreichend mit Waren gefüllt seien, hieß es.

"Es drohen zahlreiche Folgeinsolvenzen, wenn die Quelle-Auslandstöchter nicht bis spätestens Mitte November einen Investoren finden, der neue Ware bestellen und auch bezahlen kann", zitierte die "Welt" die mit der Sache vertraute Person.

Der Sprecher des Insolvenzverwalter bestätigte, dass die Lieferquote gesunken sei. Doch sei dies nur in einem Ausmaß erfolgt, das nach Angaben von Experten im Versandhandel "noch darstellbar" sei.

75.000 Arcandor-Gläubiger

Von der Pleite der Quelle-Mutter Arcandor sind rund 75.000 Gläubiger betroffen. Das sagte Insolvenzverwalter Klaus Hubert Görg in einem Interview mit der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" ("FAZ"). Görgs-Sprecher Thomas Schulz hatte bereits in der Vergangenheit darauf hingewiesen, dass der Konzern und seine Tochterunternehmen wie Karstadt oder Quelle nicht nur Lieferanten und Dienstleistern Geld schulde, sondern auch Tausenden von Mitarbeitern.

Gute Chancen für Karstadt

Auch nach dem überraschend schnellen Aus für das Versandhaus Quelle sieht Görg nach wie vor gute Chancen für eine Rettung der Warenhaustochter Karstadt. "Das Geschäft ist positiv und liegt über Plan", sagte er der "FAZ". Bei Quelle habe die verzögerte Auslieferung des Herbst/Winter-Katalogs dagegen dazu geführt, dass viele Kunden weggeblieben seien. "Deswegen darf man beides nicht in einen Topf werfen", meinte Görg. Er halte nach wie vor an dem Ziel fest, die mehr als 100 Karstadt-Häuser als Ganzes abzugeben.

Der Insolvenzverwalter betonte, es gebe Interessenten aus dem In- und Ausland. Er wolle die Eckpunkte seines Sanierungskonzeptes auf der Gläubigerversammlung im November vorstellen. "Ich hoffe, dass die Gläubiger zustimmen, damit wir dann noch vor Weihnachten Klarheit über das Insolvenzplanverfahren haben. Dann kann auch der förmliche Verkaufsprozess beginnen", meinte Görg.

 


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