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Malik: „Finanzmarkt ist ein selbstzerstörendes System“

20.11.2009 | 18:41 | MATTHIAS AUER (Die Presse)

Fredmund Malik erklärt, warum Manager das meiste aus ihrer Ausbildung wieder vergessen sollten. „Betriebswirtschaft“, so Malik, „hat mit Management wenig zu tun.“

Wien. Er gilt als der „Vater der Managementlehre“. Vor allen anderen hat Peter Drucker beschrieben, welche Aufgaben Führungskräfte erfüllen müssen. Mittlerweile ist das wissenschaftliche Vermächtnis des Österreichers in Vergessenheit geraten. Dieser Tage hätte der „Management-Guru“ wider Willen seinen 100. Geburtstag gefeiert. Ihm zu Ehren kamen die „Gurus“ von heute zu einer Konferenz nach Wien. „Die Presse“ sprach mit einem von ihnen: Fredmund Malik, Gründer des Managementzentrums St. Gallen, erklärt, warum Manager vergessen und der Westen von China die Suche nach neuen Systemen lernen sollte.

 

„Die Presse“: Sie sagen, wenn die Welt auf Peter Drucker gehört hätte, gäbe es jetzt keine Krise. Was hätte er verhindern können?

Fremdmund Malik: Drucker hatte die gleichen Daten wie alle, aber er hat die Welt immer ganz anders gesehen. Und ein Stück weit kann man lernen, die Welt so zu sehen wie er. Hätten die Manager auf ihn gehört, hätten sie die Krise früher erkannt und vermieden. Wir erleben keine ökonomische Krise, sondern eine Krise der Gesellschaft und des Managements.

 

An den Unis werden aber weiter die gleichen Managertypen produziert.

Malik: Es stimmt, nicht alle haben ihre Lehrpläne geändert und viele Manager müssen umlernen. Die Frage lautet: Wie schnell kann man vergessen und Neues lernen?

Was muss denn vergessen werden?

Malik: Das meiste von dem, was bisher Hauptstoff der Wirtschaftsausbildung war. Betriebswirtschaft hat mit Management wenig zu tun. Zudem sind einige Weichen wegen der Dominanz des Finanzwesens falsch gestellt. Die Börse bringt es etwa mit sich, dass Manager kurzfristig handeln und sich an Kennzahlen orientieren müssen, die nicht ausreichen, um eine Firma zu führen. Aufgrund der Anforderungen, die das Konzept des Shareholder-Values (SHV) an sie stellt, sind viele Manager gezwungen, Investitionen und Innovationen zurückzustellen.

 

Ihre Kritik am SHV ist bekannt. Das Prinzip besagt, dass Firmen zum Nutzen der Aktionäre arbeiten müssen. Was ist denn daran schlecht?

Malik: Das Problem ist: Die alten Vorstellungen von einem Aktionär, der lange bei einer Firma bleibt, sind Vergangenheit. Der Aktionär von heute ist in der Regel ein Fondsmanager. Die durchschnittliche Haltedauer bei Aktien liegt unter einem Jahr. Da gibt es kein Interesse mehr, dass es dem Unternehmen langfristig gut geht.

 

Sie haben vor einem Jahr gesagt, der Finanzkapitalismus sei am Ende. Seit März geht es an den Märkten steil bergauf. Haben Sie sich geirrt?

Malik: Das wird sich bald zeigen. Klar ist, dass Finanzmärkte keine Märkte sind, die von Angebot und Nachfrage reguliert werden. Je teurer Aktien sind, desto mehr Anleger kaufen sie, je billiger, desto mehr verkaufen die Aktie.

Ein halbwegs schlauer Anleger wird genau das nicht tun.

Malik: Es gibt aber nur wenig schlaue Anleger. Jeder Fondsmanager muss aber so reagieren, weil ihm die Zertifikatsbesitzer weglaufen, wenn sein Fonds in die roten Zahlen kommt. Darum erleben wir hier regelmäßig Manien. Ein normaler Markt ist selbstregulierend, der Finanzmarkt ist ein selbstzerstörendes System. Noch bei allen Finanzkrisen gab es nach dem Kollaps einen spektakulären Aufschwung. Meist war das aber erst die Ruhe vor dem Sturm.

 

Was wäre Ihre Lösung? Eine strengere Regulierung?

Malik: Es gibt einen Trend zu sozialistischen Lösungen. Der Ruf nach Regulierung wird zwar laut, aber niemand hat schlaue Regeln parat. Auch die Marktwirtschaft ist überfordert. Die Probleme beim Geldkreislauf sind aber nur das Fieber, die Krankheit ist das Kollabieren der Nervensysteme. Ich fordere ein Ausbrechen aus der Bipolarität zwischen Sozialismus und Kapitalismus. In der neuen Ordnung müssen Organisationen doppelt so viel leisten mit der Hälfte des Geldes. Das ist nur möglich, wenn das System frei von ideologischen Bunkerstellungen ist.

 

Vor einiger Zeit haben Sie China als das Land genannt, das den Weg vorzeigt. Ein Staat ohne Demokratie, der oft als kapitalistischer denn der Westen verschrien ist.

Malik: Unsere Demokratie ist nicht mehr geeignet für die Probleme, die wir haben. Ich bin nicht dafür, die Demokratie abzuschaffen, aber sie muss grundsätzlich reformiert werden. Es stimmt, dass China ein hohes Maß an Kapitalismus hat und keine Demokratie in unserem Sinne ist. Aber die Eliten dort sind sich extrem bewusst, dass sie neue Ordnungen suchen müssen. Sie haben Sozialismus und Kapitalismus probiert und gesehen, was funktioniert und was nicht. Jetzt suchen sie mit Hochdruck nach neuen Lösungen, die in Richtung Dezentralisierung mit einem handlungsfähigen Zentrum gehen, abgeschaut von der Natur. Ich sage nicht, dass wir das heutige System der Chinesen übernehmen sollen, aber im Gegensatz zu uns haben sie das Problem erkannt.


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