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Banker auf der Kanzel: "Wir leisten Gottes Arbeit"

21.11.2009 | 18:47 | von Axel Reiserer (Die Presse)

Mit Vorträgen versuchen britische Banker, das Image ihres Berufsstandes auf Vordermann zu bringen. Ort des Geschehens: englische Gotteshäuser. In der Londoner City feiert man die Rückkehr der Megabonuszahlungen

In der Maserati-Niederlassung in der noblen Old Brompton Road im Westen Londons freut man sich auf ein gutes Geschäft zum Jahresende. 80.000Pfund kostet der billigste Maserati – ein profanes Ausstattungsdetail wie ein Reserverad nicht inbegriffen. Dennoch hofft man in den nächsten Wochen, „mindestens ein Auto pro Tag“ verkaufen zu können.

Denn in der Londoner City feiert man die Rückkehr der Megabonuszahlungen: Nach Berechnungen des Centre for Economics and Business Research kommen gegen Ende dieses Jahres sechs Milliarden Pfund an Prämien zur Auszahlung. Das sind zwar 40Prozent weniger als im Rekordjahr 2007, zugleich aber 50Prozent mehr als im Vorjahr. Wer Geld hat, wirft damit schon wieder fast so demonstrativ herum, als hätte es die Krise nie gegeben.

Dass führende britische Banken nur durch Milliardenspritzen des Staates überleben konnten und es ohne Eingreifen der Regierung heute wohl keinen britischen Finanzsektor mehr gäbe, scheint man in der Londoner City vergessen zu haben. Angesichts einer Arbeitslosenrate von fast drei Millionen Menschen und dramatisch steigender sozialer Nöte wirkt das protzige Gehabe der Banker zusehends wie eine Provokation.

Mittlerweile reagiert das Land darauf mit einem Sturm der Entrüstung. Der Boulevard hetzt, und die Regierung ringt um Selbstbeschränkungen. Der Leiter der Finanzaufsicht, Lord Adair Turner, bezeichnet die Banken gar als „teilweise gesellschaftlich nutzlos“. Der Erzbischof von Canterbury und Oberhaupt der Church of England, Rowan Williams, wetterte zuletzt: „Wir haben nichts gesehen, was wir als Reue bezeichnen könnten.“


Banker auf der Kanzel. Ausgerechnet im Hause Gottes, in dem Jesus laut Evangelium einst „Händler vertrieb und die Tische der Geldhändler umstieß“, werben nun führende britische Banker mit Vorträgen und Diskussionen für ihre Zunft. In der bis auf den letzten Platz gefüllten Kirche St.Martin-in-the-Fields erklärte der Chef der Barclays Bank, John Varley, kürzlich: „Profite sind nichts Teuflisches.“ Hohe Bonuszahlungen seien notwendig, „um die Abwanderung unserer besten Talente zu verhindern“. Varley, der im Jahr 1,8MillionenPfund verdient, hat im Vorjahr auf seinen Bonus verzichtet, seine Bank ist ohne staatliche Hilfen durch die Krise gekommen. „Es gibt keinen Widerspruch zwischen verantwortungsvollem Wirtschaften und Geldverdienen“, sagte er.

In einer der ältesten Kirchen Londons, St. Katharine Cree, meinte hingegen Ken Costa, Chef des Traditionsbankhauses Lazard, dass hohe Boni zu Risken verführen, die enormen Schaden anrichten können: „Dieses kurzfristige Denken ist schlecht für unsere Wirtschaft und unsere Gesellschaft.“ Goldman-Sachs-Banker Brian Griffiths erklärte in der Kathedrale von St.Paul's: „Jesus' Aufforderung, die anderen wie sich selbst zu lieben, ist eine Befürwortung des Eigeninteresses. Wir müssen Ungleichheit als Weg akzeptieren, auf dem wir größeren Wohlstand und Chancen für alle schaffen.“


Scharfer Widerspruch. Die Initiative der Banker stieß auf großes Interesse, aber auch auf scharfen Widerspruch: „Es ist schrecklich, so etwas in einer Kirche zu sagen“, meint etwa Neil Jameson von der Bürgergruppe London Citizens auf die Argumentation von Griffiths. Gegenteiliger Ansicht ist Eve Poole, führende Mitarbeiterin der Christian Association of Business Executives, die für die Vortragsabende verantwortlich zeichnete: „Wir sind überzeugt, dass ethisches Verhalten letztlich zu gutem Geschäftserfolg führt“, sagt sie zur „Presse am Sonntag“. Eine Verurteilung der Banker lehnt sie ab: „Wir sind alle schuld. Schließlich haben wir alle nur zu gern an ein Wachstum ohne Ende geglaubt.“

Poole räumt zwar ein, dass das verlorene Vertrauen in die Banker mit protzigem Gehabe kaum zurückgewonnen werden könne. An die Armutsgebote der Kirche wolle sie freilich die Finanzmanager unserer Tage nicht erinnern: „Es ist nicht verwerflich, reich zu sein. Viele Reiche machen gute Dinge mit ihrem Geld.“ Auch eine besondere Verantwortung des Finanzsektors für die globale Wirtschaftskrise bestreitet sie: „Eine Bank ist letztlich wie ein Gerät, das wir benutzen und wofür wir selbst verantwortlich sind; niemand ist gezwungen worden, leichtfertig Kredite abzuschließen, die er nicht zurückzahlen kann.“

Dieses Credo wäre wohl auch Musik in den Ohren von Lloyd Blankfein, Chef der US-Bank Goldman Sachs, die heuer dank Rekordprofiten 18,4 Milliarden Dollar an Prämien auszahlen will. Im Vorjahr brauchte man noch zehn Milliarden Dollar von der Regierung, die aber bereits zurückgezahlt wurden. In einem Interview mit der „Sunday Times“ sagte Blankfein über die Tätigkeit des Bankers: „Wir helfen Firmen zu wachsen. Expandierende Firmen schaffen Reichtum. Daraus entstehen Jobs, durch die weiteres Wachstum und Reichtum geschaffen werden. Wir erfüllen also eine zentrale gesellschaftliche Aufgabe.“ Dann legte Blankfein eine kleine Pause ein, ehe er hinzufügte: „Wir leisten Gottes Arbeit.“


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