Hongkong. Die bürgerlichen Freiheiten haben in China im Vorfeld der olympischen Spiele gelitten, wie Amnesty International konstatierte. Aber auch die Arbeitsbedingungen in der Bekleidungsindustrie haben sich nicht verbessert, prangerten Aktivisten der Play-Fair-Kampagne in Hongkong an. „Keine Medaillen für die Sportartikelindustrie“ lautete die Botschaft, die Aktivisten aus China, Österreich, Deutschland und Polen in Hong Kong den Passanten und Fotografen überbrachten.
Die Maskottchen der Olympischen Spiele, die putzigen Fuwas, waren schwitzend an einer Nähmaschine abgebildet. Der Forderungskatalog wurde einem Sicherheitsmann der lokalen Vertretung des Internationalen Olympischen Comités (IOC) übergeben. Funktionäre waren nicht bereit, eine Delegation zu empfangen.
Das IOC steht unter Beschuss, weil es wenig Engagement bei der Verbesserung der Arbeitsbedingungen der chinesischen Industriearbeiter gezeigt hat. Deren Reallöhne liegen zum Teil unter dem Niveau von 1995, obwohl die großen Markenunternehmen oft fantastische Gewinne einfahren. So hat der Nike-Konzern, der seine Sportschuhe größtenteils in China herstellen lässt, seit den Olympischen Spielen 2004 seine Gewinne um 51 Prozent gesteigert, Adidas, die Nummer zwei auf dem Sportschuhsektor, um 68 Prozent.
200 Millionen Migranten
Noch vor wenigen Jahren war Hongkong eine Hochburg der Textilindustrie. Doch sukzessive haben die Betriebe ihre Produktionsstätten auf das chinesische Festland verlegt. Gleich jenseits der Grenze der ehemaligen britischen Kronkolonie, heute Sonderverwaltungszone Hongkong, liegt die Millionenstadt Shenzhen, wo ein Fertigungsbetrieb neben dem anderen steht: Textil-, Schuh-, aber auch Elektronikindustrie.
Die Arbeitskräfte werden unter den Millionen Arbeitsmigranten rekrutiert, die aus den ländlichen Gebieten in die Städte drängen. Landesweit wird ihre Anzahl auf 200 Millionen geschätzt, in Südchina auf mindestens 20 Millionen. Sie leben, wie Yuk Yuk Choi von der Arbeiterrechtsorganisation Workers Empowerment bestätigt, größtenteils in Schlafsälen innerhalb des Firmengeländes. Dort unterliegen sie auch in der Freizeit strengen Verhaltensregeln und, vor allem in Unternehmen koreanischer oder taiwanesischer Provenienz, militärischer Disziplin.
Im Jänner ist ein neues Arbeitsvertragsgesetz in Kraft getreten, das Arbeitgeber verpflichtet, allen Arbeitern einen Vertrag auszustellen, der nach zweimaliger Verlängerung ein Dauerarbeitsverhältnis begründet. Auf dem Papier sind die chinesischen Fließbandarbeiter damit besser dran als die Kollegen in Hongkong. Allerdings misstrauen die meisten den Neuerungen. Repräsentative Studien über die Einhaltung des Gesetzes gibt es noch keine. Eine Aktivistin der NGO „Labour Action China“ weiß aber von Tricks, mit denen die Gesetze umgangen werden. Eine Studie im Auftrag der internationalen Fair-Play-Kampagne berichtet etwa von der Praxis des taiwanesischen Pou-Chen-Konzerns, sich die Bezahlung von Überstunden zu ersparen, indem immer höhere Akkordleistungen verlangt werden. Um das Plansoll zu erfüllen, müssen die meisten einige Stunden nacharbeiten.
Die großen Markenunternehmen haben sich Verhaltenskodizes verpasst, in denen sie sich zur Einhaltung von Mindeststandards verpflichten. Die Inspektionen sind aber zahnlos. Arbeiterinnen aus Südchina und Gewerkschafter berichten, dass bei Betriebsbesuchen nur eigens hergerichtete Arbeitsräume gezeigt werden.
Arbeitskräftemangel hilft
Wenn die Arbeitsbedingungen in den südchinesischen Produktionszonen in den letzten Jahren ansatzweise besser geworden sind, so ist das mehr dem zunehmenden Mangel an Arbeitskräften zu verdanken als einem Bemühen der Regierung und der Konzerne, die Standards anzuheben. Zudem sind die Arbeitsmigranten selbstbewusster geworden. Anders als die erste Generation, die über ihre Rechte kaum Bescheid wusste, lassen sich die jüngeren Binnenmigranten nicht mehr alles gefallen.