New York. Als Fritz Henderson am 1.Juni den Hauptsitz von General Motors (GM) in Manhattan betrat, fanden sich drei Bodyguards an seiner Seite. Der Chef des Autobauers hatte wenige Stunden zuvor die Insolvenz angemeldet. Das einst größte Unternehmen der Welt, der Inbegriff des Kapitalismus schlechthin, stand vor dem Aus. Sichtlich angespannt bahnte sich Henderson den Weg durch die Menge, trat vor die Mikrofone und sprach: „Wir werden stärker denn je zurückkommen.“
Geglaubt hat ihm das damals niemand. Zu marode stand das in Detroit ansässige Unternehmen da. Die Nettoverschuldung betrug 90 Mrd. Dollar (61 Mrd. Euro). Nur noch die Regierung konnte das Ende verhindern und steckte kurzerhand 50 Mrd. Dollar in den Konzern. GM wurde verstaatlicht. Die US-Steuerzahler übernahmen 60Prozent an der Firma. „Am liebsten hätten wir uns rausgehalten, doch das war unmöglich“, sagte Präsident Barack Obama.
Rolle des Bittstellers abgelegt
Was damals noch wenige ahnten: Wenige Monate später steht der Autobauer tatsächlich wieder deutlich besser da – ein Faktum, das letztendlich für das Scheitern des Verkaufs von Opel hauptverantwortlich war. Denn als die Verhandlungen über einen Verkauf der europäischen Tochter zu Jahresbeginn ihren Lauf nahmen, sah sich GM als Bittsteller. Zur Sanierung der defizitären Tochter fehlte das Geld, die von Deutschland angebotene Staatshilfe von 4,5 Mrd. Euro schien der einzige Ausweg.
Doch nun weiß GM, dass es im Notfall auf den prall gefüllten Topf an US-Staatshilfen zurückgreifen kann. Erst am Montag hat sich der Konzern weitere 2,8 Mrd. Dollar zur Sanierung des Zulieferers Delphi geholt. Vor diesem Hintergrund wirkt die Drohung der Deutschen, die angebotene Hilfe zurückzuziehen, weniger dramatisch. Im äußersten Fall hat GM nun auch die Option, Opel in die Insolvenz zu schicken. Das dürfte an die drei Mrd. Euro kosten – ein Betrag, den sich GM mittlerweile leisten könnte.
Dafür spricht auch die verbesserte Situation an den Kapitalmärkten. Kredite für eine Sanierung oder Insolvenz sind wieder leichter zu bekommen, nicht zuletzt dank der Bürgschaft durch die Vereinigten Staaten.
Und auch am schwer angeschlagenen Automarkt sieht die Lage wieder etwas rosiger aus. Im Oktober wurden in den USA 838.000 Fahrzeuge verkauft, um zwölf Prozent mehr als im September. In jenem Monat waren die Absätze im Vergleich zum Hochsommer stark eingebrochen. Grund war die Verschrottungsprämie, die Ende August auslief. Die Zahlen aus dem Oktober geben den Autobauern Hoffnung, dass die Nachfrage auch ohne staatliche Unterstützung wieder ansteigen könnte.
Ein politischer Machtkampf
Diese Umstände haben beim angeknacksten Autohersteller das zuletzt verloren gegangene Selbstvertrauen zurückgebracht. Die Rolle des Bittstellers wurde abgelegt. So konnte man auch eines der zentralsten Interessen, den Know-how-Vorsprung gegenüber Russland zu behalten, wieder verstärkt verfolgen. GM und die US-Regierung fürchteten stets, dass mit dem Einstieg der Sberbank, die genauso wie Magna 27,5Prozent übernehmen hätte sollen, wertvolle Informationen in den Osten abfließen würden.
Die Sberbank ist eng mit dem Autokonzern GAZ verflochten. Deshalb konnten auch getroffene Vereinbarungen, wonach Informationen nicht weitergeleitet würden, die Ängste von GM nicht vom Tisch räumen. Ein geopolitischer Machtkampf war die Folge. Nach derzeitigem Stand sitzen die USA und GM auf dem längeren Ast.