Wien. Vorigen Dienstag sitzt Magna-Vorstand Siegfried Wolf mit seiner Tochter beim Heurigen und will gerade in ein Schnitzel beißen. Plötzlich ein Anruf: Fritz Henderson, erst seit sechs Monaten Chef von General Motors, kommt soeben aus der entscheidenden Sitzung des GM-Verwaltungsrates und teilt dem Steirer unumwunden die schlechte Nachricht mit. Der schon fix scheinende Verkauf von Opel an Magna sei in letzter Sekunde geplatzt, der Verwaltungsrat unter Führung von Edward Whitacre habe „anders entschieden“.
Wolf kann und will das nicht glauben. „Fritz, are you joking?“, ruft er ins Telefon. Immerhin ist der mehr als 1000 Seiten dicke Kooperationsvertrag bereits fix und fertig geschrieben, und GM-Vizechef John Smith hat erst Stunden zuvor den „Signing-Termin“, also den Zeitpunkt für die Unterschrift, festgelegt. Sogar die Tickets für Smiths Europa-Flug sind schon gebucht.
Erst allmählich begreift Wolf, dass sich ein seit acht Monaten akribisch eingefädelter Deal gerade in Luft auflöst. Magna kauft Opel: Das wäre die größte Firmentransaktion aller Zeiten für Österreich gewesen. Nun bleibt nicht mehr als ein schaler Nachgeschmack. „Schade um diese Chance, ich war völlig überrascht“, sollte der zunächst fassungslose Manager später sagen. Und: „Zeit zum Beleidigtsein hat in unserer Branche niemand.“
In den sechs Tagen seit dem Knock-out aus Detroit hat sich Wolf mit Kommentaren nobel zurückgehalten. Das verwundert nicht: GM ist der größte Magna-Kunde, ein Jahresvolumen von sechs Milliarden Dollar wickelt man gemeinsam ab. Da legt man sein Wort gern auf die Goldwaage. Jetzt aber spricht Wolf, und die Enttäuschung steht ihm ins Gesicht geschrieben.
GM-Forster bat Magna um Hilfe
Bei einem Treffen mit den Chefredakteuren der „Presse“ und der führenden Bundesländerzeitungen, denen er die Hintergründe des Geschehens ausführlich darlegt, fallen auch Sätze wie dieser: „Wirtschaft hat halt leider nicht immer mit Ethik zu tun.“
Dabei sind die Ampeln lange Zeit auf Grün gestanden. Begonnen hat Magnas amerikanischer Traum in der letzten Aprilwoche 2009, als sich die Verhandlungen zwischen GM und Fiat zerschlagen haben. Auch damals läutet Wolfs Telefon: „Du, Sigi, ich hab ein Problem“, sagt der damalige GM-Europa-Vorstandschef Carl-Peter Forster. „Mit Fiat kommen wir nicht zurande. Magst du ein bisserl nachdenken?“
Wolf mag. Er muss keineswegs bei null anfangen, um sich über den Autoriesen General Motors Gedanken zu machen. Schon 2007 haben Magna und GM gemeinsame Pläne für ein Russlandprojekt geschmiedet, das allerdings an den evidenten Geldnöten der Amerikaner gescheitert ist.
Nun nimmt Wolf die Pläne und Konzepte erneut aus der Schublade. Im Visier hat man den russischen Automarkt: 1,9 Millionen Fahrzeuge werden dort jährlich gebaut, der Marktbedarf liegt aber bei 5,7 Millionen. Viel Platz also für jenes Wachstum, das die westlichen Autobauer mit ihren Überkapazitäten so dringend brauchen.
Die spontane Liebe des kanadisch-österreichischen Autozulieferers für Opel hat freilich noch einen anderen, dramatischeren Hintergrund: Die Opel-Mutter GM ist zu Pfingsten 2009 so gut wie pleite. Äußerst hektisch verläuft die Nacht vom 28. auf den 29. Mai im deutschen Kanzleramt in Berlin, in dem verzweifelt um die Rettung von Opel gerungen wird.
Zwei Tage vorher sind bei GM hohe Zahlungsausfälle bekannt geworden. Wolf heute: „Man hätte automatisch in Konkurs gehen müssen. Wir haben über Nacht 300 Millionen Dollar aufgetrieben und GM vor der Insolvenz gerettet.“ Deshalb habe sich die deutsche Regierung frühzeitig auf Magna als Opel-Käufer festgelegt.
In den folgenden Wochen beginnt für die Magna-Manager ein abenteuerlicher Hürdenlauf, der buchstäblich um die halbe Welt führt. An den GM-Fertigungsstätten zwischen Kasachstan und Detroit türmen sich immer neue Barrieren auf, die in zäher Kleinarbeit weggeräumt werden.
Sechzig verschiedene Unternehmen sind involviert, alte Versprechen über Fertigungskapazitäten in den einzelnen Ländern müssen eingelöst und entflochten werden. Andere Magna-Kunden haben Bedenken wegen des Know-how-Transfers nach Russland. In überaus komplexen Verhandlungen entsteht eine neue Autoarchitektur: Die Finanzierung der Übernahme wird zuerst mit Deutschland und dann mit Großbritannien geklärt. In Spanien trifft Magna auf eine Phalanx aus zwei Haupt- und drei Nebengewerkschaften, die erbitterten Widerstand leisten. Immerhin steht in Saragossa das größte Autowerk Europas mit 475.000 Stück Jahreskapazität. „Das war eine absolute Hardlinerpartie“, sagt Wolf, der drei Tage vor Ort verhandelt.
„Historische Chance“ verpasst
Die Schwesterfirma von GM Saragossa ist wiederum die Opel Eisenach GmbH in Thüringen – ein Werk, das die Amerikaner ursprünglich zusperren, dann an Mercedes Benz verkaufen wollten. Auch hier wird die Fortführung akkordiert.
Bleibt als letzte Hürde die deutsche IG Metall, der die Magna-Führung Unerhörtes abverlangt: Im Gegenzug für eine Beteiligung sollen die Beschäftigten auf 265 Mio. Euro Lohn verzichten. Das Husarenstück gelingt, weil Wolf mit IG-Metall-Chef Berthold Huber ein neues Kooperationsmodell zwischen Unternehmensführung und Belegschaft entwickelt.
Dass diese Kraftakte für nichts gewesen sein sollen, dass unter dem Strich nur leere Kilometer bleiben, dass die von Magna geschriebenen Sanierungspläne jetzt von GM umgesetzt werden – das ist für einen erfolgsverwöhnten Kämpfer wie Wolf schwer zu verkraften. „Wir haben gefightet, wir sind alle durchs Feuer gegangen“, lautet sein Resümee. „Das wäre eine einzigartige historische Chance gewesen. Aber es hat halt noch nicht sein sollen.“
Noch nicht – da klingt die Sehnsucht durch, dass das letzte Kapitel in diesem Wirtschaftskrimi erst noch geschrieben werden möge. Ob Magna noch einmal aufspringen würde auf den Opel-Zug, wenn sich die Gelegenheit ergibt?
Die Gründe der Kehrtwende
Wolf bleibt verhalten: Immerhin verbrenne der Konzern 70 Mio. Dollar pro Monat, vor diesem Hintergrund habe man nicht ewig Zeit. Über die Gründe der totalen GM-Kehrtwende will der Magna-Mann nicht lange nachdenken: „GM war bisher ein Weltkonzern. Wenn man zu viel abtrennt, bleibt nur eine regionale Firma übrig. Vielleicht ist das der Knackpunkt gewesen.“
Auf einen klärenden Anruf aus Detroit wartet Wolf bisher vergebens. Dass US-Präsident Obama über die Vorgänge im Staatskonzern nicht informiert war, hält er für unwahrscheinlich: „Dann würde ich sagen, er hat seinen Laden nicht im Griff.“
Zum Schluss kramt Wolf noch sein Handy heraus und sucht ein SMS, das er an seinem Geburtstag, dem 31. Oktober, erhalten hat. Es stammt vom russischen Sberbank-Chef German Gref: „Dear Sigi, happy birthday. Thank you for your generosity, your Russian soul and the lessons you gave to us.“
Das Leben geht weiter, Magna wälzt schon wieder neue Pläne für den russischen Markt. „Immerhin stehen wir nicht als Verlierer da“, tröstet sich der Manager. „Aber wir hätten beweisen können, dass wir es schaffen. Das wäre mir lieber gewesen.“
