Wien (mac). Als die OMV vor drei Jahren ihre Expansion in die Türkei startete, standen die Vorzeichen gut. Um 880 Mio. Euro kaufte sich der heimische Mineralölkonzern beim mit Abstand größten türkischen Tankstellenbetreiber Petrol Ofisi ein. Der Schritt auf den lukrativen türkischen Markt war gelungen: Anders als in Westeuropa stieg die Nachfrage nach Treibstoffen hier auch im Vorjahr noch um 5,8 Prozent. Im heurigen August gaben die Wiener schließlich bekannt, das Unternehmen samt dem 3200 Tankstellen starken Vertriebsnetz zur Gänze übernehmen zu wollen. Seit Mittwochabend ist klar: Dieser Plan ist gescheitert. Die OMV zieht sich von Verhandlungen mit dem 54-Prozent-Eigner Aydin Dogan zurück.
Pressezar gegen Premier
Der Grund dafür ist vermutlich in der gestörten Beziehung zwischen dem türkischen Großunternehmer Dogan und Premier Recep Tayyip Erdogan zu suchen. Bis vor einem Jahr waren sich Dogan, der mehr als die Hälfte aller nicht staatlichen Medien im Land kontrolliert, und Erdogan mehr als freundlich gesinnt. Lange Zeit schrieben die Dogan-Medien, wie etwa das Massenblatt „Hürriyet“, den AKP-Politiker hoch. Zum plötzlichen Bruch kam es, als dieselben Medien vor wenigen Monaten auf einen scharf regierungskritischen Kurs umschwenkten. Aus Rache, weil Dogans Firmen bei einigen Staatsaufträgen leer ausgegangen seien, munkelten Beobachter damals.
Mittlerweile ist der Streit zwischen Pressezar und Premier voll entbrannt; Erdogan hat einen gewaltigen Rückschlag platziert: Türkische Behörden brummten der Dogan-Medienholding eine Rekordstrafe von 2,2 Mrd. Euro auf. Mehr als dreimal so viel, wie die Firma an der Börse wert ist, und ein Vielfaches der Steuerschulden, die als Grund für die Strafzahlungen angegeben werden.
Kurzfristig sah es so aus, als würde der Konflikt die Chancen der OMV auf die Komplettübernahme der Petrol Ofisi weiter erhöhen. Denn 2,2 Mrd. Euro schüttelt auch der ehemalige Transportunternehmer Dogan nicht ohne fremde Hilfe aus dem Ärmel. Da kämen die geschätzten 1,5Mrd. Euro, die der heimische Mineralölkonzern vermutlich für Dogans 54Prozent an der Petrol Ofisi bezahlt hätte, gerade recht. Rund eine Mrd. Euro an frischem Kapital hätte die OMV, Medienberichten zufolge, dafür an der Börse aufnehmen wollen. Doch letztlich zog OMV-Chef Wolfgang Ruttenstorfer die Notbremse: Der Konzern begnügt sich mit seinem 42-Prozent-Anteil an der Petrol Ofisi. Die Partnerschaft mit Dogan bleibt bestehen. Die Übernahme ist vom Tisch. Vorerst.
Offiziell will in Wien niemand bestätigen, ob es zu hohe Forderungen des finanziell angeschlagenen Medienbarons waren, die die Verhandlungen zum Scheitern brachten. Klar ist aber, dass der Konflikt des türkischen Unternehmers mit der Regierung die Übernahme entscheidend beeinträchtigt hat. Offiziell gehen die Steuerfahnder zwar nur gegen den Medienarm im Dogan-Imperium vor. Ganz sicher ist man sich bei der OMV aber offenbar nicht, ob nicht auch die Petrol Ofisi noch ins Visier des türkischen Premiers geraten könnte.
In einem halben Jahr sollten die Verfahren gegen Dogan beendet sein. Was dann passiert, bleibt abzuwarten. Die OMV hält weiter das Vorkaufsrecht, eine spätere Übernahme ist nicht ausgeschlossen, heißt es aus dem Konzern. 3,7 Mrd. Euro liegen noch in der Kriegskassa. Auch die Kapitalerhöhung ist nicht gänzlich vom Tisch. Erst vor wenigen Tagen beschrieb Ruttenstorfer das Zeitfenster dafür als „ideal“. Da war ihm freilich auch das „ideale“ Übernahmeobjekt noch nicht abhandengekommen.