„Unser ganzes Leben ist auf Mathematik aufgebaut“

27.10.2010 | 19:51 |   (Die Presse)

Der „Österreicher des Jahres“ über die Faszination der Mathematik – und über ihre Nützlichkeit.

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Die Presse: Was macht die Faszination der Mathematik aus?

Bruno Buchberger: Die Mathematik ist vergleichbar mit der Kunst. Der Inhalt unterscheidet sich natürlich sehr. Der Weg, wie man zur Erfindung kommt, ist aber sehr ähnlich. Das Wesen dieses Erfindungsprozesses ist ein Reinigungsprozess, in dem man sich über viele Stufen und Skizzen an ein Thema annähert. Und dann kommt das große Werk – und da sieht man nicht mehr, was an Arbeit und Leidenschaft dahintersteckt. Die Beschäftigung mit der Mathematik ruft dieselben Emotionen wie die Kunst hervor. Daher ist es nicht erstaunlich, dass viele Mathematiker künstlerisch tätig sind.

Ist Mathematik also schön?

Ja, sie ist durchaus ästhetisch. Auch in ihrem Inhalt, weil man vom Komplizierten zum Ideal-Einfachen kommt. Und in dieser Einfachheit steckt eine große Eleganz.

Mathematik ist aber gleichzeitig nützlich. Hätten Sie jemals gedacht, dass aus der Forschung ein Softwarepark mit mehr als 1000 Mitarbeitern entstehen könnte?

Ja und nein. Ich habe zeit meines Lebens getrachtet, die zwei Aspekte der Mathematik zu verbinden: das Erkennen und das Anwenden. Diese beiden gehören untrennbar zusammen. So gesehen ist es kein Wunder, dass 1000 Arbeitsplätze daraus entstehen können. Es ist aber eine Frage, worauf man als Mathematiker seine Aufmerksamkeit richtet. Ich habe mir gedacht: Einen Teil meines Lebens gebe ich hin für meine Heimat. Ich glaube, dass es sehr wichtig ist, dass aus der Grundlagenforschung Dinge entstehen, die zu Arbeitsplätzen, Gewinnen und Firmenexpansionen führen.

Wie erreicht man wissenschaftliche Spitzenleistungen?

Ich kann da nur für die Mathematik sprechen. Spitzenleistungen in der Grundlagenforschung brauchen Konzentration und Ruhe, um sich lange Zeit intensiv mit einem Thema zu befassen. Ein Geheimrezept dafür gibt es aber nicht. Natürlich ist es wichtig, jungen Leuten ausreichend Mittel zur Verfügung zu stellen. Aber die Geschichte erzählt auch, dass unter den schwierigsten Umständen Spitzenleistungen entstehen können: Ich habe die wichtigste Erfindung meines mathematischen Lebens mit 23 Jahren als Werkstudent in einem umgebauten Klo gemacht.

Was bedeutet die Auszeichnung für Sie?

Es ist für mich eine sehr emotionale Sache. Erstens, weil ich mich freue, dass die Mathematik in der Öffentlichkeit mehr Aufmerksamkeit bekommt. Mathematik kann nur schwer vermittelt werden, dennoch ist unser gesamtes Leben auf Mathematik aufgebaut. Und zweitens, weil sich der Preis auf Österreich fokussiert. Ich schätze unser Land sehr.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.10.2010)

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