Eines verbittet sich Gexi Tostmann im Zuge eines vorbereitenden Gespräches zu einem weiteren, wahrscheinlich dem millionsten, Porträt ihrer Person und der gemeinsam mit ihrer Tochter Anna geführten Firma „Tostmann Trachten“: Man möge sie bloß nicht in einen Topf mit Gustav Mahlers bekanntem Ausspruch über Tradition, Asche und Feuer werfen und lieber anders ihr Engagement für die Tracht beschreiben. Gern doch.
Anders als ihre eigene Tochter Anna – „Ich war ein Hosenkind“ – trug Gesine, heute gemeinhin als Gexi bekannt, von klein auf leidenschaftlich gerne Dirndln und ließ sich von der Tatsache, dass sie „zwei linke Hände“ hat, nicht davon abhalten, in die Fußstapfen ihrer Mutter Marlen zu treten. Diese hatte gemeinsam mit ihrem aus Norddeutschland stammenden Mann Jochen die Trachtenfirma gegründet. Gexi selbst entschied sich für eine wissenschaftliche Annäherung und promovierte 1967 am Institut für Volkskunde. Der Titel ihrer Dissertation ist geradezu programmatisch: „Tracht und Mode in Österreich. Traditionseinflüsse in der Kleidung der Gegenwart“.
Denn selbst wenn im Umgang mit der Tracht, wie Gexi Tostmann nicht müde wird zu betonen, die „gefesselte Fantasie“ besonders wichtig ist (denn: „Nur wer die Form beherrscht, darf sie vernachlässigen“), steht sie doch gern im Austausch mit der österreichischen Designwelt: „Berührungsängste mit der ,jungen Kreativszene‘ habe ich überhaupt keine, und umgekehrt gibt es die, glaube ich, auch nicht.“ Darüber hinaus betont sie, dass eine Domäne wie die Tracht zwischen Regeltreue und Gestaltungsfreude durchaus Vorbildwirkung haben kann: „Ich bin weiterhin stolz darauf, dass wir zwar viele Ideen haben, es aber immer wieder schaffen, diese vielen Ideen auf eine Linie zu bringen. Gute Ideen zu bündeln, da gehört Energie dazu.“
An der scheint es allerdings weder Mutter Gexi noch Tochter Anna zu mangeln. Immer wieder wird im Hause Tostmann über Möglichkeiten gebrütet, die Tracht sensibel ins Gespräch zu bringen, ohne auf Wiesenfest-Tamtam zu setzen oder das Wesentliche aus den Augen verlieren. Ein gutes Beispiel für solche Initiativen ist die Kür zum „Botschafter der Tracht“, der alle zwei Jahre verliehen wird und Persönlichkeiten wie Vivienne Westwood oder zuletzt die Spitzenköchin Johanna Maier und den ehemaligen Skirennläufer Markus Wasmeier der Dirndl-Diplomatie eingemeindet.
Noch diesen Herbst beginnen in Seewalchen außerdem die Umbauarbeiten in einem großen Landhaus, dem „Büchsenmeistergütl“ – am Ende soll es zu einem Trachtenmuseum werden, oder eben gerade keinem Museum, weil museal, das will man ja gar nicht sein: „Wir wollen die Jungen von heute fesseln, unser Interesse und unsere Freude an der Tracht weitergeben. Derzeit beginnen wir mit Restaurierungsarbeiten im Archiv, und ich muss sagen, es ist faszinierend, auf welcher Höhe der Handwerkskunst die Menschen schon in vergangenen Jahrhunderten waren.“ Wer übrigens aufgrund des charismatischen Auftretens von Mutter und Tochter Tostmann oder ihren verschiedentlichen Dirndl-Vermittlungspraktiken auf den Geschmack gekommen ist und sich zunächst zaghaft vorzuwagen beginnt, für den gibt es „TiP“: „Das ist kurz für die ,Tracht in Pacht‘. Meiner Meinung nach ist das Vermieten und Verleihen überhaupt die Zukunft der hochwertigen Kleidung. Auf die Idee hat mich eine japanische Delegation gebracht, die 1986 Trachten für einen Empfang bei Bürgermeister Zilk ausborgen wollte. Die waren ganz überrascht, dass es so etwas bei uns nicht geben soll“, erzählt Gexi Tostmann. Ihrer Experimentierfreude und phasenweise ganz entfesselten Kreativität Folge leistend, hat sie im Handumdrehen ein Verleihservice für Japaner und andere Trachtenschnupperer ins Leben gerufen.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.10.2012)

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