Gründung und Aufstieg

 (DiePresse.com)

Vom Revolutionsjahr bis zur liberalen Ära.

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Die Geschichte der „Presse“ beginnt nicht zufällig im Jahr 1848. Die revolutionären März-Ereignisse mit der Aufhebung der Zensur waren für die österreichischen Zeitungen von elementarer Bedeutung: Erstmals wurden sie zum Organ der öffentlichen Meinung.

Nach der Zeit der Unterdrückung nutzte jeder, der über die entsprechenden Mittel verfügte, die Möglichkeit, in einer Auflage von ein paar hundert Stück seine Gedanken über Gott und die Welt einem größeren Publikum mitzuteilen. Gierig wurde alles Gedruckte verschlungen, über Nacht hatte die Unterhaltungsliteratur des Vormärz ausgedient, die Atmosphäre in der Publizistik war hochpolitisch geworden.

Unscheinbarer Titel, hoher Anspruch

In dieser chaotischen Situation, da täglich Publikationen von zum Teil unsäglichem Niveau gegründet wurden, oft schon nach wenigen Tagen wieder eingingen und wieder neuen Platz machten, erschien am 3. Juli 1848 zum ersten Mal „Die Presse“, eine neue Tageszeitung mit einem ganz und gar unscheinbaren Titel, aber sehr hohem Anspruch: Sie wurde nicht von Dilettanten, sondern von hochprofessionellen Journalisten gemacht, die durch die Schule des französischen Pressewesens gegangen waren. Sie vertrat eine politisch gemäßigte Position, die die lauthals propagierten Extrempositionen verabscheute. Und sie vertrat diese Position in einer seriös-konservativen Aufmachung und anspruchsvollen Sprache.

Das Blatt erregte sogleich Aufmerksamkeit, sein „Erfinder“, August Zang, wurde in Wien zum berühmten und sehr bald umstrittenen Mann.
Die Zeitungsleichen, die den Weg der „Presse“ in ihrer Gründungsphase säumten, sind Legion. Mehrere Male, wenn die Wogen des Revolutionsjahres besonders hoch gingen, drohte das ambitionierte Flaggschiff der gemäßigt-liberalen Publizistik, eingekeilt zwischen die Scylla der reaktionären Regierungspolitik und die Charybdis der feindseligen linksrepublikanischen Konkurrenzblätter, ebenfalls zu kentern. An einen geradlinigen Kurs war unter diesen Umständen nicht zu denken, es ging vor allem ums Überleben.

Gewinne als Pflicht

August Zang, der diese strategische Meisterleistung schaffte, war aber nicht nur ein inspirierter und ungemein moderner Verleger, sondern von seiner Charakteranlage her ein beinharter Materialist, seiner Neigung nach ein Spekulant, der keine Scheu davor hatte, seine Einkünfte auch durch trübe Quellen zu vermehren. Kurzum: „Die Presse“ mußte auch Gewinne abwerfen, sonst wäre sie für ihren Gründer uninteressant geworden.

Doch all die verlegerischen und kommerziellen Talente hätten nicht ausgereicht, wenn „Die Presse“ nicht in einer breiten bürgerlich-gebildeten, gemäßigt-liberalen Leserschicht ein Stammpublikum gefunden hätte, das offensichtlich ausgehungert war nach seriöser Information über dem Niveau der marktschreierischen Revolutionsblätter und der rein schöngeistigen Biedermeierpublizistik.

Einflussreichstes Journal der Monarchie

Die treuen und ständig mehr werdenden „Presse“-Leser waren durch die Ereignisse von 1848 nachhaltig politisiert worden und machten ihre Zeitung in den 50er Jahren trotz der geistigen Knebelung durch den Neoabsolutismus zum größten und einflußreichsten Journal der Monarchie. Es ging jetzt darum, eine der wichtigsten Errungenschaften der Revolution, die Pressefreiheit, gegen einen Wust von Zivilprozessen, Zensurbestimmungen, Konfiskationsdrohungen und bürokratischen Schikanen zu behaupten. Erst mit dem Pressegesetz von 1862 findet dieses Tauziehen zwischen Regierung und „Presse“ ein Ende.

Unter diesen Begleitumständen wurde der Berufsjournalismus in Österreich geboren, Zangs Chefredakteure Michael Etienne und Max Friedländer gehörten zu den profiliertesten Vertretern dieses Standes. Im Verhältnis zu seinen Journalisten hat der ansonsten so modern agierende Verleger und Alleineigentümer Zang jedoch den Zug der Zeit verpaßt: Der krasse Egoist und Selfmademan, der zunehmend starrköpfig agierte und immer mehr in den Verdacht eines Korruptionisten geriet, wies den Wunsch der Redaktion nach besseren Arbeitsbedingungen und entsprechender Entlohnung kategorisch zurück.

Palastrevolution und Abspaltung

Im Mai 1864 kam die gewittrig aufgeladene Atmosphäre mit der Sezession von Friedländer und Etienne zur Entladung: Eine neue Gründungsmanie im österreichischen Zeitungswesen der 60er Jahre, für die Männer wie Zang den Weg bereitet hatten, war der Palastrevolution hilfreich. Am 1. September 1864 konnte die „Neue Freie Presse“, die für die österreichische Publizistik von singulärer Bedeutung wurde, zum ersten Mal erscheinen.

Es war zum geschlossenen Frontwechsel gekommen: Die Dioskuren Friedländer/Etienne zogen so gut wie das gesamte Redaktionspersonal mit sich, die neue Tageszeitung unterschied sich nicht nur redaktionell, sprachlich und stilistisch wenig von der „Presse“, sondern sie sah sich auch in ihrer politischen Haltung in derselben Tradition: Sie vertrat jetzt als repräsentatives Blatt den vornehm großbürgerlichen Liberalismus mit einer betont österreichischen Linie.

Die 1848 gegründete „Presse“ hieß von diesem Zeitpunkt an im Volksmund nur mehr „die alte ‘Presse’“. Sie behielt ihre grundsätzliche zentralistisch-großöster-reichische Linie liberaler Prägung bei, lehnte den Neoabsolutismus ab und begrüßte das Oktoberdiplom und das Februarpatent, eine plötzlich einsetzende konservative Wendung zur Zeit der Regierung Taaffe zeigt mehr als deutlich an, daß sie Regierungsorgan geworden war. Zang hatte sich schon 1867 von ihr zurückgezogen, am 31. Oktober 1896 wurde den Abonnenten mitgeteilt, daß „Die Presse“ zu bestehen aufhöre.

Zu diesem Zeitpunkt war ihre Nachfolgezeitung, die „Neue Freie Presse“ auf dem Höhepunkt ihres Ruhms. Sie konnte aufbauen auf der Generation der Zeitungspioniere, die sich eine politisch wache Leserschaft „großgezogen“ hatten und eine kommerziell sehr erfolgreiche, Gewinn abwerfende Qualitätszeitung von hohem inhaltlichen und sprachlich-stilistischen Niveau auf dem Markt durchgesetzt hatten.

Teil 2: Die Neue Freie Presse »

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