Eisschmelze

Man einigte sich schnell auf den Preis: Freieis für ein Jahr, vor allem für Martins Neffen, die gleich um die Ecke wohnten.

"Porca Miseria!" Martin stand, diesmal nicht in der Rolle des Ermittlers, sondern privat in Begleitung seiner beiden Neffen, in der raunenden und schiebenden Menschentraube, die sich vor dem Eissalon Delotti gebildet hatte, doch das Geschimpfe des Besitzers drang bis zu ihm auf die Straße hinaus. Erst nach und nach löste sich die Ansammlung hoffnungsfroher Menschen, die heute, am letzten Tag vor der berüchtigten Sommersperre, die Signor Delotti mitten in der Saison für einen mehrwöchigen Heimaturlaub nutzte, um ein Freieis angestellt waren. Es hatte Tradition, dass Delotti am letzten Schultag seine Vorräte an die Kinder gratis verteilte.

Doch diesmal zogen sie mit enttäuschter Miene ab. Martin wartete, bis der größte Andrang vorbei war, dann schlüpfte er in das Geschäft, wo der Italiener noch immer lautstark vor sich hin donnerte. Der Eismacher war zwar einen Kopf kleiner als Martin, doch dem wurde mulmig, als ihm das Zornesfeuer aus dessen wütend leuchtenden Augen entgegenblitzte, nachdem er gefragt hatte. „Was ist denn passiert?“

„Was ist passiert? Der Signore will wissen, was ist passiert? Da, da und da!“ Der kräftig gebaute Mann, dessen kantiges, braunes Gesicht von einem Bart bekränzt war, lief von einer Budel zur nächsten und deutete hektisch auf die in den Metallbehältern zerflossenen Köstlichkeiten, die nicht einmal als Eiscreme durchgingen. Martin schickte seine Neffen nach Hause. Dann sagte er. „Sie hätten das Eis ja ohnehin verschenkt. So gesehen: kein Schaden.“

„Und was ist mit meine Ehre? Und die vielen enttäuschten Bambini?“ Er musterte Martin und fragte ihn, wieso er sich für die Sache interessiere. Martin gab sich als Privatdetektiv zu erkennen. Man einigte sich schnell auf den Preis: Freieis für ein Jahr, wovon vor allem Martins Neffen, die gleich um die Ecke wohnten, Gebrauch machen würden. Martins Verdacht auf Sabotage wurde durch den Lokalaugenschein, den er mit Signor Delotti unternahm, rasch bestätigt. Jemand hatte die Stromzufuhr manipuliert und damit die Kühlung außer Gang gesetzt. Der Verteilerkasten befand sich in einem über den Keller zu erreichenden Lagerraum. Martin betrachtete das Abteil. Auch ohne Strom hatten sie ein wenig Licht, da ein Fenster auf Gehsteighöhe zur Straße ging. Es war gekippt und auf der ganzen Fläche staubig. Auf der linken Seite war die Mauer nicht bis an die Decke hoch gezogen und es gab eine Öffnung. „Wo geht es da hin?“, fragte der Detektiv.

„Das ist Gang von Keller für zweite Stiege, mit andere Schlüssel für Eingang.“ „Hier könnte wohl jeder rein“, resümierte er das Ergebnis seiner Nachschau. Delotti schüttelte den Kopf. „Ich glaube, nur einer von maximal vier Leute, die wollen mir Schlechtes. Aber Frau Wächter von zweite Stiege ist auf Erholung in Slovenia.“

Martin senkte den Kopf, während der Italiener erklärte, dass es im selben Hause noch zwei Parteien gäbe, die ihm gern Schwierigkeiten bereiteten. Ein Pensionist im ersten Stock stoße sich daran, dass er das Eis nur an Kinder verschenke, ein Mann im Dachgeschoß behauptet, seine Kinder hätten sich wegen des Gratiseises Bauchweh geholt. Dann gab es auf der zweiten, der südseitigen Stiege neben Frau Wächter noch einen Schriftsteller, der sich generell über den Lärm beschwere, der von seinem Laden ausginge.

Sie gingen nach oben, und Martin machte sich auf den Weg, die betreffenden Personen zu befragen. Zuerst den Literaten, die waren ja meist zu Hause anzutreffen. Beim Hausdurchgang zur zweiten Stiege musste er bei Swabetzky anläuten. Ein gequältes „Ja“ empfing ihn, als er sein Begehr mitteilte. Swabetzky erwartete ihn an der Wohnungstür und gewährte Martin nur widerwillig Einlass. Die Vorhänge in der Wohnung waren zugezogen, und die Luft war stickig. „Wegen der Eisbude kommen Sie?“, fragte der Mann in seinem grauen Sakko. Martin erklärte den Vorfall, da fiel ihm der Schreiber ins Wort. „Hören Sie, der Lärm von der Kühlung raubt mir jeden Tag den letzten Nerv, aber ich komme gerade von einer Lesereise aus Deutschland und will eigentlich nur unter die Dusche und ins Bett.“ Er deutete auf zwei neben ihm abgestellte Reisetaschen.

Martin kehrte zur ersten Stiege zurück, wo er beim nächsten von Delotti genannten Verdächtigen an die Tür klopfte. Der Ermittler stellte sich vor und erklärte, dass er sich wegen des Eissalons umhöre. Satzbauer, wie der weißhaarige Mann hieß, bat ihn mit schadenfrohem Lächeln hinein, nachdem Martin die Geschichte erzählt hatte. „Das geschieht dem Itaker recht. Ein Herz für Senioren hat er nicht. Wann immer ich ihn um eine halbe Portion gebeten habe, hat er nur die Schultern gezuckt, dabei weiß ich, dass er Kindern auch kleine Portionen verkauft. Und das Gratiseis? Glauben Sie, mir hätte er einmal ein Stanitzel gegeben?“

Martin bedankte sich, und Satzbauer begleitete ihn mit schiefen Schritten zur Tür. Martin dachte an das Fenster: „Haben Sie sich verletzt?“ Satzbauer hob die Hand. „Nein, ich heiß nicht nur ähnlich wie der Mundl, ich hab auch den gleichen Sport gemacht, früher: Gewichtheben. Meine Bandscheiben grammeln, als ob sie mit Donaukies gefüllt wären.“ Martin nickte. „Und darf ich Sie noch fragen, was Sie früher gearbeitet haben?“ Satzbauer lachte: „Wie der Mundl war ich Elektriker, ich hätt Tantiemen verlangen sollen.“

Martin musste am frühen Abend wiederkommen, weil Beer, wie der Architekt im Dachgeschoß hieß, mit seinen Kindern ins Bad gefahren war. Außerdem habe er noch die Blumen bei einer Nachbarin, die zur Kur weile, gegossen, denn die Wohnung liege sonnenseitig. Beer war groß gewachsen und überaus aufbrausend, als Martin auf den Grund seines Besuchs zu sprechen kam. „Das ist wieder einmal typisch für den Katzelmacher: Selbst verdorbenes Eis verschenken und dann andere durch den Kakao ziehen, aber ich werde mir das nicht gefallen lassen, der hört von meinem Anwalt.“ „Aber ich bitte Sie“, versuchte Martin zu beruhigen, „wir versuchen nur, alle Möglichkeiten durchzugehen.“ „Und ich hab keine Möglichkeit gehabt, in seinen Keller zu kommen.“

Das glaubte Martin auch. Nur jetzt war er unschlüssig, wo er weitermachen sollte, bis ihm etwas einfiel, das zur Lösung beitragen würde.
Was ist der entscheidende Hinweis?

 


Lösung der vergangenen Woche:

Denk verdächtigt Wagners Prokuristen, weil dieser das Tor der Deutschen offensichtlich nicht gesehen hat, obwohl er behauptet, die ganze zweite Halbzeit vor dem Bildschirm ausgeharrt zu haben. Wäre er anwesend gewesen, müsste er eigentlich mitbekommen haben, dass es kein Abseitstor war, sondern aus einem Elfmeter erzielt wurde.

Der Autor

Christian Klinger, geb. 1966 in Wien. Seit 2005 diverse Veröffentlichungen. Bisher drei Kriminalromane mit Chefinspektor Seidenbast; 2012 erschien der erste Roman mit dem Rätseldetektiv Marco Martin, „Winzertod“; 2013 hat er den zweiten Kriminalroman mit Marco Martin, „Gleichenfeier“, präsentiert.

Picco.at

www.krimiautoren.at

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.07.2014)

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