Ein Gartenidyll

In einem Gartenhäuschen wird ein schlafender Einbrecher gefunden. Doch wo bleiben die Münzen, die er stehlen wollte?

Beim Frühstückskaffee hatte eine Frau angerufen und einen schlafenden Einbrecher gemeldet. „Schon das dritte mal im Gartenhäuschen“, empörte sie sich. Sie fügte nicht hinzu, dass es Aufgabe der Polizei gewesen wäre, den Täter schon beim ersten Mal zu erwischen. Anna Bergmann hatte während des Telefonats einen weiteren Schluck getrunken und versprochen, jemanden zu schicken. Sie war die Inspektionskommandantin und für schlafende Einbrecher nicht vorrangig zuständig.
Aber der Tag war sonnig und warm, ein idealer erster Frühlingstag im März, noch so nahe beim Winter, dass der Unterschied zwischen fünf und fünfzehn Grad eine Sensation für Haut und Hirn war. Sie würde selbst hinfahren und nahm den jüngsten Polizisten mit, den sie hatte. Er sollte reales Alltagsleben schnuppern.
Der Einbrecher war willig, sich die Handschellen anlegen zu lassen, er gestand alles, was man von ihm gestanden haben wollte. Die Frau, stolze Kleingartenbesitzerin, war mit der Polizeiarbeit zufrieden, fühlte sich geehrt, weil sogar die Chefin zu ihr gekommen war; bald trank man einen Frühstückskaffee, ein Stück Apfelkuchen passte bestens dazu. Dann kam der Gatte der Frau, ein gestandener Pensionist mit mehr als nur einem Bäuchlein und noch mehr Selbstbewusstsein. Er hatte eine Enthüllung mit an den Tisch gebracht: „Im Gartenhäuschen fehlt eine Schachtel. In der habe ich einige Goldmünzen versteckt gehabt. Die sind jetzt weg.“ Philharmoniker oder echte Münzen?“, fragte der Jungpolizist. „Die, die man bei der Bank kaufen und verkaufen kann“, antwortete der Mann unsicher, „kosten derzeit knapp mehr als tausend Euro das Stück.“
Der Einbrecher, der klassische Kleinkriminelle mit Alkoholneigung und ohne Chancen auf das gutbürgerliche Leben, wurde plötzlich munter. Er witterte Gefahr. „Damit habe ich nichts zu tun.“ „Du hast so teure Goldmünzen in einer Schachtel im Gartenhaus gehabt?“ Die Gattin war fassungslos. „Ich wusste nicht einmal, dass du solche Münzen hast.“ Damit war nach Annas Meinung die erste Härtestufe der ehelichen Ermittlungen erreicht. Sie würde eingreifen müssen, bevor die Sache in irgendeinen Krach ausartete. Die Gattin würde als Nächstes fragen, wie viele Münzen es gewesen seien. Das tat sie auch.
„Wie viele Münzen hattest du in der Schachtel?“ Härtestufe zwei war erreicht. Der Gatte bog sich sichtlich unter der Schärfe der Frage und sagte nichts. Das würde er nicht lang durchhalten, war sich Anna im Klaren. Die Gattin war der Chef in der Beziehung der beiden, Gleichberechtigung hin oder her.
„Zwei große und zwei kleine“, rückte er heraus, „und die hat der Mann hier gestohlen.“ „Nicht drei große und zwei kleine?“, schnappte die Frau dazwischen. Nun ließ der erfolglose Dieb seine Bombe explodieren. Mit den Handschellen klopfte er auf den Gartentisch und sagte mit Überzeugung: „Der Mann hat mir eine kleine Goldmünze versprochen, wenn ich alle mitnehme und sie ihm gebe.“ „So ein dummes Zeug“, widersprach der Gatte.
„Und es wäre alles gut gelaufen“, erzählte Handschelle, „aber es war keine Münze in der Schachtel. Da habe ich mir eine Flasche Wein aufgemacht und sie ausgetrunken, bin im Rausch eingeschlafen, bis mich diese Frau geweckt hat. Unsanft geweckt hat.“– „Einen kräftigen Schubser muss man schon vertragen, wenn man ein Dieb ist“, rechtfertigte sich die Frau.
„Aber nicht mit einem Schaufelstiel auf den Hinterkopf!“
Anna nickte ihrem Jungpolizisten zu. Dieser erhob sich und untersuchte den Hinterkopf des Mannes. „Tatsächlich eine kräftige Beule.“ „Na ja, bin ich im Schreck vielleicht etwas zu heftig gewesen“, ließ die Frau wissen, ohne sich auch nur im Geringsten schuldig zu fühlen. Ihr Blick ging zu einer großen Schaufel mit einem altmodischen massiven Stiel.
Anna musste eine Kleinigkeit unternehmen. „Der Mann hat doch tief geschlafen. War der Hieb nicht etwas übertrieben?“ „Ich weiß, die Polizei hält immer zu den Gaunern und nie zu den anständigen Leuten!“, bellte die Frau so laut zurück, dass sich ihr bisher schläfrig auf dem Rasen liegender Hund erschrocken hinter den nächsten Busch verkroch.
Das Gartenidyll war damit eines natürlichen Todes gestorben. „Wie war das mit der Goldmünze für den Dieb, der eigentlich keiner ist, wenn er vom Eigentümer beauftragt worden ist, die Münzen zu stehlen?“ Dem Gatten gefiel die Frage Annas nicht. Seiner Gattin gefiel sie sehr. „Es war so, dass ich letztes Wochenende mit dem Auto eine Leitplanke beschädigt habe. Und der Franz hat alles repariert, ohne Rechnung, aber das Geld wollte er sehen.“ „Besoffen gefahren bist du also wieder.“ Die Frau verlängerte die Liste der strafbaren Handlungen.
„Nein, nein, Frau Kommandantin. Ich hatte nur ein Achterl intus.“ Der Gatte wandte sich an die anwesende Autorität. „Und den Mann habe ich beauftragt, damit ich für den Fall des Falles, dass meine Frau dahinterkommen würde, eine gute Ausrede hätte.“ „Dumm gelaufen.“
Anna stellte es nüchtern fest. „Aber der Kotflügel kann doch nicht zweitausend Euro gekostet haben“, hielt sich die Gattin an die Regel, dass Angriff die beste Verteidigung war.
„Ich habe noch ein paar kleine andere Schulden abzuzahlen gehabt.“ Der Mann senkte seinen Kopf in Richtung Bauch und überlegte wohl, welche Strafen er nun häuslicherseits ausfassen würde.
„In der Schachtel lagen keine Münzen?“, Anna fragte den Einbrecher ziemlich amtlich. „Nein. Keine einzige.“ Anna fragte nun in verständnisvollem Tonfall den Gatten, wie viele Münzen es wirklich gewesen seien. „Drei große und zwei kleine“, gab er kleinlaut zu. „Habe ich ja gesagt“, konnte sich seine Gattin nicht beherrschen. Da zeigte sich der Dachstein von seiner besten Seite und lächelte nach Schladming hinunter.

Anna wusste nun, wen sie auf die Polizeiinspektion als dringend tatverdächtig würde mitnehmen müssen, erster Frühlingstag hin oder her. ?

Wen?

 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.04.2015)

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